Der Wecker klingelte früh. Mit dem AST-Taxi beziehungsweise Bus ging es nach Fritzlar, wo ich meine heutige Etappe startete. Der Jakobsweg sollte mich über Rothhelmshausen, Braunau und Bergfreiheit nach Armsfeld führen. Das rechte Bein war nach meinem Sturz noch nicht ganz wiederhergestellt. Aber ich hatte ja Zeit – und der Weg würde mir schon sagen, wann es reicht. Hoffentlich!

Kunst im Wald: Wer trommelt denn da?

Von Fritzlar aus ging es erst einmal kräftig bergauf. Der Jakobsweg wollte offenbar keine Zweifel daran lassen, dass auch heute wieder Höhenmeter gesammelt werden sollten. Bei Rothhelmshausen wurde es dann richtig interessant. Hier begegnet man Kunst mitten im Wald, unter anderem den sogenannten Maistrommeln.

Da stapft man durch den Wald, hört das Laub unter den Schuhen rascheln und plötzlich steht man vor solchen Kunstwerken. Maistrommeln! Ich überlegte kurz, ob ich einmal darauf herumtrommeln sollte. Aber was, wenn ich damit die Waldtiere zum Tanz auffordere und anschließend die ganze Rotte Wildschweine im Takt hinter mir herläuft? Nein danke. Ich wollte heute wandern und nicht die musikalische Leitung des Waldes übernehmen.

Die Wege waren gut, allerdings lag bereits reichlich Laub darauf. Wunderschön anzusehen, aber unter den Blättern verstecken sich gern kleine Unebenheiten. Nach meinem letzten unfreiwilligen Bodenkontakt bin ich mit solchen Überraschungen vorsichtig geworden. Einmal reicht mir fürs Erste.

Nach viel Wald hatte ich Lust auf etwas Abwechslung und entschied mich für den Weg Richtung Braunau. Unterwegs kam ich an der Braunauer Warte vorbei. Ein hübscher kleiner Aussichtsturm mit einem gepflegten Vorplatz. Da hat sich jemand Mühe gegeben. Ich schaute mich um und gönnte mir eine kurze Pause.

Doch der Jakobsweg lässt einen selten lange in Ruhe. Hinter Braunau wartete schon der nächste Anstieg. Offenbar hatte der Weg meine kurze Rast bemerkt und wollte verhindern, dass ich noch auf dumme Gedanken komme.

Bergfreiheit – Schneewittchen und die sieben Kollegen

In Bergfreiheit angekommen, war ich mitten im Schneewittchendorf. Nach der schönen Kapelle marschierte ich direkt zum Schneewittchenhaus. Alles wirkt urig und passt wunderbar zur Märchenwelt des Ortes.

Anschließend ging es zum Dorfplatz und weiter zum Bergwerk. Und da begann mein Kopfkino.

Die sieben Zwerge waren für mich schnell gefunden. Sie arbeiteten unter Tage, wo die Stollen so niedrig waren, dass sich normale Menschen ständig den Kopf gestoßen hätten. Für die Zwerge war das dagegen ein Arbeitsplatz mit passender Deckenhöhe. Endlich einmal ein beruflicher Vorteil, den man nicht im Bewerbungsgespräch erklären muss!

Jeden Morgen marschierten die sieben mit ihren Werkzeugen in den Berg. Hämmern, schaufeln, Steine suchen. Einer fand angeblich einen Edelstein, der nächste behauptete, seiner sei größer, und der dritte hatte sich mal wieder den Kopf gestoßen. Bei der Arbeitsteilung hätte ich gern Mäuschen gespielt.

Schneewittchen wartete derweil zu Hause. Sie kochte, räumte auf und bereitete das Abendessen vor. Vermutlich musste sie jeden Abend nachzählen, ob auch alle sieben wieder aus dem Bergwerk herausgekommen waren. Bei sieben Zwergen kann man schließlich leicht den Überblick verlieren – besonders, wenn einer noch schnell seinen Helm sucht.

Und dann stellte ich mir vor, wie ich als Wanderbruder plötzlich vor ihnen stehe.

„Männer, ich brauche eure Hilfe! 539 Höhenmeter, 26,6 Kilometer und ein rechtes Bein, das beim Bergaufgehen immer noch spannt. Wer von euch übernimmt den Rucksack?“

Der erste Zwerg schaut auf meine Wanderschuhe. Der zweite auf meinen Rucksack. Der dritte mustert mein Bein. Dann tuscheln sie miteinander.

„Also, den Rucksack könnten wir tragen“, sagt schließlich einer. „Aber die Höhenmeter musst du schon selbst machen.“

Na toll! Sieben Zwerge, ein ganzes Bergwerk voller Werkzeug – aber keiner hat einen kleinen Motor für den Wanderbruder übrig. Schneewittchen hätte bestimmt wenigstens eine Hirschtalgsalbe organisiert. Die kennt sich schließlich mit schwierigen Fällen aus.

Leider war das alles nur meine Fantasie. Kein Zwerg weit und breit. Also musste ich selbst weiterlaufen.

Weiter nach Armsfeld

Nach dem märchenhaften Zwischenstopp ging es weiter nach Armsfeld. Am Ende standen 26,6 Kilometer und 539 Höhenmeter auf meiner Uhr. Eine ordentliche Tagesleistung, zumal die Muskeln im rechten Bein beim Bergaufgehen noch immer deutlich spannen. Ich muss also weiterhin aufpassen und mein Tempo anpassen.

Das Wohnmobil steht inzwischen in Battenhausen. Dort wartet jetzt das Dorfgasthaus auf mich – oder zumindest hoffe ich, dass dort etwas Leckeres auf den Tisch kommt.

Nach dieser Strecke darf man sich schließlich bedienen lassen. Die sieben Zwerge hatten nach Feierabend schließlich auch Hunger. Nur musste Schneewittchen nicht erst 539 Höhenmeter überwinden, um das Abendessen zu erreichen!

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von sechs lieben Menschen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert