Das rechte Bein schmerzt noch ein wenig, aber ich habe einen Plan. Nach dem Sturz wollte ich es eigentlich ruhiger angehen lassen. Ganz auf den Jakobsweg verzichten? Das muss ja nun auch nicht sein. Also versuche ich vorsichtig, wie weit mich meine Beine heute tragen.
Von Wolfhagen nach Naumburg
Meine Vormittags-Wanderung führt mich von Wolfhagen nach Naumburg, über Bründersen und Altenstädt. Das Wetter ist trocken, und ich komme mit knapp unter fünf Stundenkilometern fast wieder auf mein gewohntes Tempo. Das rechte Bein meldet sich zwar gelegentlich, aber es geht.
In Naumburg fällt mir ein merkwürdiger Papierkorb auf. Vermutlich hieß er so die frühere Veranstaltungsstätte. Jedenfalls haben sich dort allerlei Abfälle angesammelt. Ein unschöner Anblick. Es scheint tatsächlich zu gelten: Wo Müll liegt, kommt Müll dazu. Wenn erst einmal jemand seinen Abfall einfach liegen lässt, fühlt sich der Nächste offenbar gleich eingeladen, es ihm nachzumachen.
Wohnmobil, Gasflasche und eine kleine Pause
Mit dem Bus fahre ich zurück nach Wolfhagen, um mein Wohnmobil zu holen. Schließlich muss auch die rollende Unterkunft mit dem Wanderbruder Schritt halten. Außerdem brauche ich eine neue Gasflasche. Ohne Gas wird es im Wohnmobil schnell ungemütlich – besonders, wenn man nach einem langen Wandertag etwas Warmes essen möchte.
Danach gönne ich meinem rechten Bein eine kleine Mittagspause. Ein bisschen Ruhe kann schließlich nicht schaden. Ganz stillsitzen möchte ich aber auch nicht.
Die rund neun Kilometer von Naumburg nach Züschen fahre ich anschließend mit dem Wohnmobil entlang der Jakobswegstrecke und zeichne den Verlauf auf. Schließlich soll die Route später vollständig sein. Grins! In Züschen parke ich das Wohnmobil und setze meine Wanderung zu Fuß fort.
Von Züschen nach Fritzlar
Die zweite Wanderung des Tages führt mich über Geismar nach Fritzlar. Dabei komme ich zunächst an der kleinen Elbe in Züschen vorbei. Nein, nicht an dem großen Strom, den jeder kennt. Hier ist es ein kleiner Fluss. Klar, wenig gigantisch – aber auch kleine Flüsse dürfen einen großen Namen tragen.
Auf dem Weg Richtung Geismar entdecke ich den Sauerbrunnen. Die Quelle ist geöffnet und hat sogar einen Zapfhahn. Nicht, was ihr schon wieder gedacht habt! Es geht tatsächlich um Wasser.
Unterwegs sehe ich auf einem Feld jede Menge Zuckerrüben. Ein Landwirt sammelt einzelne Rüben zusammen und legt sie zu einem Haufen. Natürlich will ich wissen, warum er das macht. Ich frage nach, bekomme auch eine Erklärung, verstehe sie aber nicht so richtig. Man kann schließlich nicht alles wissen – selbst wenn man schon einige Kilometer auf dem Jakobsweg unterwegs ist.
Dafür komme ich mit Franz ins Gespräch. Wir unterhalten uns über Politik und die Zuckersteuer. Franz hat durchaus einen Punkt, wenn er hinterfragt, was mit den zusätzlichen Einnahmen passiert. Wenn an einer Stelle Geld eingenommen wird, sollte hoffentlich auch etwas für die Vorbeugung und Aufklärung rund um den Zuckerkonsum übrig bleiben. Denn Diabetes lässt grüßen! Es wäre doch sinnvoller, Krankheiten vorzubeugen, als später nur ihre Folgen behandeln zu müssen.
Geismar und die Geschichte von der Donareiche
Geismar ist mit einer bekannten historischen Überlieferung verbunden. Im Jahr 723 soll der Missionar Bonifatius hier die Donareiche gefällt haben. Der Baum galt als Heiligtum der germanischen Bevölkerung und war dem Gott Donar gewidmet.
Der Überlieferung nach wollte Bonifatius damit zeigen, dass der heidnische Gott die Menschen nicht schützen konnte. Aus dem Holz soll anschließend eine dem heiligen Petrus geweihte Kapelle entstanden sein. Die Geschichte gehört zu den bekannten Erzählungen über die Christianisierung der Region und steht auch mit der kirchlichen Geschichte Fritzlars in Verbindung.
Heute wandert man hier friedlich durch Felder und Dörfer. Vor rund 1.300 Jahren sah die Welt an diesem Ort noch ganz anders aus.
Auf dem weiteren Weg nach Fritzlar nehme ich einen kleinen Umweg über einen Friedhof, um dem Verkehrslärm auszuweichen. Dort entdecke ich zahlreiche alte Grabsteine, die aufgestapelt herumliegen. Vermutlich sind die Nutzungszeiten der entsprechenden Gräber abgelaufen.
Trotzdem macht mich der Anblick nachdenklich. Auf jedem dieser Steine steht schließlich eine Geschichte, und hinter jedem Namen steckt ein Mensch mit einem eigenen Leben. Schade, wenn solche Steine irgendwann einfach verschwinden, obwohl sie vielleicht an anderer Stelle noch einen Platz finden könnten.
Fritzlar – ein Wiedersehen mit schönen Erinnerungen
Schließlich erreiche ich Fritzlar. Die Stadt ist für mich kein unbekanntes Pflaster. Meine Frau und ich haben hier schon einmal zwei Tage verbracht. Deshalb kommen beim Gang durch die Altstadt einige Erinnerungen zurück.
Fritzlar gehört für mich zu den besonders schönen historischen Städten der Region. Die alten Fachwerkhäuser, die Gassen und die gesamte Atmosphäre machen den Ort sehenswert. Hier kann man sich gut vorstellen, wie viele Generationen schon durch diese Straßen gegangen sind.
Natürlich darf auch der Dom St. Peter nicht fehlen. Das imposante Bauwerk strahlt eine besondere Würde aus. Selbst wenn man schon viele Kirchen gesehen hat, lohnt sich ein Besuch. Nach den Kilometern durch die Landschaft ist es schön, einen Moment innezuhalten und die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen.
Am Nachmittag kommen noch einmal 8,61 Kilometer zusammen. Am Vormittag waren es 11,44 Kilometer. Damit bin ich an diesem Tag insgesamt 20,05 Kilometer zu Fuß gegangen. Die rund neun Kilometer zwischen Naumburg und Züschen habe ich mit dem Wohnmobil zurückgelegt, um den Streckenverlauf aufzuzeichnen. Zwei Wanderabschnitte, dazwischen ein Stück mit dem Wohnmobil – so ist der Tag korrekt dokumentiert.
Für einen Tag, an dem mich das rechte Bein noch immer an meinen Sturz erinnert, ist das eine ordentliche Strecke.
Und natürlich kommt meine vermeintliche Wunderwaffe zum Einsatz: die Wunder-Hirschtalgsalbe! Einreiben, hoffen und abwarten. Ob sie tatsächlich Wunder vollbringt, muss sich noch zeigen. Aber wenn man mit einem Pferdekuss auf dem Jakobsweg unterwegs ist, darf man sich wenigstens ein bisschen Wunderglauben gönnen.
Weiter nach Armsfeld – das Internet macht Pause
Nach der Wanderung hole ich das Wohnmobil aus Züschen und fahre weiter nach Armsfeld. Dort möchte ich die Nacht verbringen.
Kaum angekommen, merke ich, dass das Internet hier ungefähr so zuverlässig ist wie eine Wegmarkierung im dichten Wald: meistens nicht vorhanden. Armsfeld – fast arm an Internet. Der Ortsname bekommt für mich damit eine ganz neue Bedeutung. Immerhin kann ich so nicht ständig aufs Handy schauen. Das hat ja auch etwas für sich.









































