Von Borgentreich über Lütgeneder nach Warburg – eine Etappe, die ganz anders lief als geplant. Der Jakobsweg hatte heute einiges mit mir vor.

Manchmal läuft es auf dem Jakobsweg einfach nicht. Und manchmal liegt das Problem buchstäblich quer auf dem Weg. Heute sollte es von Borgentreich Richtung Volkmarsen gehen.

Um 6.52 Uhr geht’s los – und der Wald macht Ärger

Früh aufstehen war angesagt. Um 6.52 Uhr saß ich bereits im Bus nach Borgentreich. Von dort ging es los, zunächst schien alles nach Plan zu laufen. Doch nach gerade einmal einem Kilometer bog ich rechts in einen kleinen Wald ab.

Was dann kam, war eher ein Hindernislauf als eine gemütliche Pilgeretappe. Schmale Wanderwege, immer wieder umgestürzte Bäume, über die ich klettern musste. Dazu rutschiger Untergrund und ein tiefer Hang, bei dem man besser jeden Schritt überlegt.

Irgendwann war Schluss. Kein vernünftiges Weiterkommen mehr möglich. Also blieb nur eins: umdrehen und zurück. Zwei Kilometer hatte ich damit schon zusätzlich auf dem Tacho – und die eigentliche Etappe hatte gerade erst begonnen.

Mit dem rechten Bein hatte ich beim Zurückklettern und Abstützen zunehmend Standkraft. Aber am Hang auf dem Rückweg mit dem linken Bein wieder sicheren Halt zu finden, war eine ganz andere Geschichte. Der Boden war rutschig, der Hang steil, und die umgestürzten Bäume machten die Sache nicht einfacher.

Dann passiert es: Der Baumstamm gewinnt!

Und dann passierte es.

Ich rutschte auf einem am Boden liegenden Baumstamm weg und knallte mit voller Wucht mit dem rechten Oberschenkel auf das Holz.

Volltreffer!

Ein klassischer Pferdekuss – und zwar nicht die leichte Ausführung, die man nach einem Zusammenprall auf dem Fußballplatz schon einmal wegsteckt. Der Baumstamm hatte ganze Arbeit geleistet und mir seinen Abdruck gleich auf der Wanderhose hinterlassen. Moderne Naturkunst, könnte man sagen. Der Künstler: ein Baumstamm. Das Motiv: der Wanderbruder. Die Signatur: mein rechter Oberschenkel.

Natürlich war ich im ersten Moment froh, dass offenbar nichts gebrochen war und ich wieder aufstehen konnte. Weitergehen war möglich. Allerdings tat der Oberschenkel bei Druck ordentlich weh. Und jeder Schritt erinnerte mich daran, dass dieser Zusammenstoß nicht ganz folgenlos geblieben war.

Plan B: Hauptsache, irgendwie weiter!

Richtung Lütgeneder suchte ich mir deshalb eine alternative Strecke. Statt mich weiter durch den Wald zu kämpfen, hielt ich mich dicht an der Straße. Das war zwar nicht gerade die schönste Lösung, aber nach dem Sturz hatte ich wenig Lust auf die nächste Begegnung mit einem querliegenden Baumstamm.

Dabei wurde mir plötzlich etwas ganz anderes bewusst: Wie laut die Welt eigentlich ist!

Seit mindestens fünf Monaten hatte ich Probleme mit dem Hören. Anfang September war ich deshalb beim HNO im Klinikum. Eigentlich wollte ich mir Hörgeräte verschreiben lassen. Ich wollte es schließlich nicht so machen wie mein Vater, der mit seinen Hörproblemen offenbar lange genug gewartet hatte.

Doch dann wusch mir der Professor im wahrsten Sinne des Wortes ordentlich die Ohren!

Nach drei Behandlungen war wieder alles wie früher. Ich kann heute tatsächlich das Gras wachsen hören. Na gut, vielleicht nicht ganz – aber ich höre wieder richtig.

Und jetzt, auf der Strecke dicht an der Straße, merkte ich erst, wie laut Autos sein können. Motoren, Reifen, vorbeifahrender Verkehr – plötzlich war alles glasklar und ziemlich präsent.

Da hätte ich mir für einen Moment meine verstopften Ohren fast zurückgewünscht. Da hört man monatelang schlecht und freut sich über die wiedergewonnene Hörfähigkeit. Und kaum funktioniert alles, wünscht man sich bei vorbeifahrenden Autos schon wieder den alten Zustand zurück. Man kann es einem auch nicht recht machen!

Lütgeneder: Die ersten Jakobsschilder und jede Menge Geräte

In Lütgeneder tauchten auch erste Jakobsschilder auf. Die Strecke ist eigentlich nicht geschildert…

Aus Lütgeneder heraus begegneten mir dann jede Menge Sportgeräte, die mich normalerweise zu einer kleinen sportlichen Betätigung verleitet hätten. Doch heute war daran nicht zu denken. Mit meinem Pferdekuss wollte ich ganz bestimmt keine zusätzlichen Bewegungen ausprobieren.

Ich hatte genug Bewegung hinter mir. Und mein rechter Oberschenkel meldete sich zuverlässig bei jeder Gelegenheit.

Nach 17 Kilometern: Warburg entschädigt mit einer wunderschönen Altstadt

Nach insgesamt 17 Kilometern erreichte ich Warburg – deutlich langsamer als sonst, aber immerhin.

Und was für eine schöne Stadt! Trotz des Regens war ich sofort begeistert. Von der Neustadt ging es steil bergab in Richtung Altstadt, durch enge Gassen und hinunter zu einem wunderschönen Blick auf die historischen Häuser. Die Altstadt präsentierte sich von ihrer besten Seite.

Ein Höhepunkt war die imposante Marienkirche. Dort in der Kirche legte ich erst einmal eine Pause ein und verzehrte mein Frühstück.

Pilger und Vesper – das passt schließlich zusammen. Es gibt ja sogar Vesperandachten. Bei mir war es heute allerdings eine ganz weltliche Vesper: essen, durchatmen und den Oberschenkel möglichst wenig beachten.

Regen, schöne Ausblicke und Gedanken an den Pferdekuss

Anschließend ging es aus Warburg wieder bergauf in Richtung Wormeln. Auf freier Strecke erwischte mich ordentlich Regen. Der Blick über die Landschaft war trotzdem großartig.

Eigentlich hätte ich diese Passage genießen können. Die Landschaft, die Weite, die Strecke – alles war da, was eine schöne Pilgeretappe ausmacht.

Nur war ich gedanklich nicht richtig bei der Sache. Mein Pferdekuss beschäftigte mich mehr, als mir lieb war. Wie stark würde der Oberschenkel noch schmerzen? Würde es morgen besser sein? Und sollte ich wirklich einfach weiterlaufen, nur weil ich es mir vorgenommen hatte?

Das sind Fragen, die man unterwegs nicht unbedingt gebrauchen kann. Aber sie lassen sich auch nicht einfach wegpilgern.

Für die letzten neun Kilometer ist Schluss

Die letzten neun Kilometer bis Volkmarsen wollte ich ursprünglich natürlich ebenfalls zu Fuß zurücklegen. Doch irgendwann muss man ehrlich zu sich selbst sein.

Ich habe als Babyboomer schon so manches Mal die Zähne zusammengebissen. Auf dem Fußballplatz, im Beruf und natürlich auch auf meinen Pilgerwegen. Ein bisschen Durchbeißen gehört dazu. Aber man muss nicht aus jeder Etappe einen Beweis machen, wie viel man aushalten kann.

Also traf ich eine Entscheidung: Für die letzten neun Kilometer nahm ich den Bus.

Das war keine große Heldentat. Aber vielleicht war es gerade die vernünftigere Entscheidung.

„Du musst kein Held sein!“

Zwischendurch schrieb mir meine Frau. Ihre Botschaft war ziemlich eindeutig: „Du musst kein Held sein. Hör auf zu wandern!“

Ich will heute kein Held dein. Heute habe ich jedenfalls gemerkt, dass es keinen Sinn macht, den Kopf einfach durch die Wand zu stecken – oder in meinem Fall den Oberschenkel gegen einen Baumstamm zu donnern.

Der Wanderbruder verordnet sich einen Ruhetag

Inzwischen bin ich bereits in Naumburg angekommen und habe dort das Wohnmobil umgesetzt. Damit ist der heutige Wandertag beendet.

Eigentlich sollte es morgen weitergehen. Doch ich habe beschlossen, mir einen Tag Pause zu verordnen. Der rechte Oberschenkel braucht Ruhe, und ich möchte nicht aus einer überschaubaren Verletzung ein größeres Problem machen.

Das bringt natürlich meine gesamte Planung durcheinander. Die Etappen müssen verschoben, die Busverbindungen neu überlegt und die nächsten Tage anders organisiert werden.

Aber egal. Dann ist das eben so.

Der Jakobsweg ist schließlich kein Wettlauf, und niemand steht am Ziel mit der Stoppuhr. Ich muss nicht jeden Tag beweisen, dass ich beißen kann. Manchmal gehört auch dazu, rechtzeitig aufzuhören.

Nur eines ist sicher: Der Baumstamm bekommt von mir keine gute Bewertung. Und auf meiner Wanderhose hat er sich schon verewigt. Mehr Werbung braucht dieser Holzkamerad wirklich nicht!

Der Weg Richtung Frankfurt wartet.

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von sechs lieben Menschen.

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