Nach dem gestrigen Reinfall im Wald sollte der Wanderbruder eigentlich die Füße hochlegen. Aber wer rastet, der rostet. Und wer mich kennt, weiß: Lange stillzusitzen ist nicht gerade meine Kernkompetenz.

Glück kann ich heute gebrauchen!

Morgens erst einmal ausgeschlafen, das Wohnmobil versorgt – und dann? Natürlich nicht gemütlich sitzen bleiben! Stattdessen ging es zum Bahnhof Wolfhagen. Von dort nahm ich den Zug nach Volkmarsen, denn heute wollte ich die Strecke in umgekehrter Richtung angehen.

Und dann begegnete mir tatsächlich ein Schornsteinfeger! Na, wenn das kein gutes Zeichen ist. Nach dem gestrigen Tag konnte ich eine ordentliche Portion Glück schließlich gut gebrauchen. Ich habe zwar nicht extra an den Knöpfen seiner Jacke gerieben, aber innerlich schon einmal vorsichtig mit dem Glück gerechnet.

Der Start verlief jedenfalls ganz ordentlich. Ein paar leichte Schmerzen waren noch da, aber auszuhalten. Man muss ja nicht gleich bei jedem Wehwehchen die Wanderschuhe an den Nagel hängen. Solange es vertretbar ist, wird weitergelaufen. Ganz ohne Vernunft bin ich schließlich auch nicht – zumindest meistens.

Über die Scheidwarte und am Steinbruch vorbei

Von Volkmarsen führte mich der Weg über die Scheidwarte und am Steinbruch vorbei. Dazwischen gab es immer wieder sonnige Abschnitte und herrliche Weitblicke. So muss das sein! Die Landschaft zeigte sich von ihrer besten Seite, und ich konnte den Blick schweifen lassen.

Nur der Wind hatte offenbar beschlossen, heute ebenfalls mitzumarschieren. Und zwar nicht als freundlicher Begleiter, sondern grundsätzlich von vorn. Rückenwind wäre ja auch zu einfach gewesen.

Viesebeck – hier dreht sich alles ums Wasser

Als Nächstes erreichte ich Viesebeck, einen beschaulichen Ort mit einem Hang zum Wasser. Dazu gibt es hier sogar einen eigenen Lehrpfad. Wer also schon immer mehr über das nasse Element wissen wollte, ist hier genau richtig.

Weiter ging es zum Wasserschloss Elmarshausen. Das historische Gebäude ist durchaus sehenswert, allerdings auch ziemlich sanierungsbedürftig. Hier wartet offenbar noch einiges an Arbeit.

Unterwegs wurde der Gegenwind immer kräftiger. Kein Wunder, dass hier gerade zahlreiche Windräder aufgestellt werden. Wind gibt es jedenfalls genug. Die Betreiber dürften zufrieden sein. Ich als Wanderer hätte allerdings nichts dagegen gehabt, wenn die Windräder einen Teil ihrer Energie in Rückenwind umgewandelt hätten. Aber man kann nicht alles haben.

Wolfhagen und die Sache mit den sieben Geißlein

Nach 15,3 Kilometern war ich wieder in Wolfhagen. Die Märchenstadt ist die offizielle Heimatstadt des Grimm’schen Märchens „Der Wolf und die sieben Geißlein“. An der Kirche gibt es sogar einen Märchenbrunnen.

Ich finde, das passt ganz gut. Andere suchen auf ihren Wanderungen nach dem Sinn des Lebens, ich lande in einer Stadt, in der der Wolf seine eigene Märchengeschichte hat. Hoffentlich begegnet mir morgen kein böser Wolf.

Heute bleibt das Wohnmobil in Wolfhagen stehen. Morgen soll es weiter in Richtung Fritzlar gehen. Wie weit ich komme, lasse ich offen. Ich habe gelernt, dass es wenig bringt, morgens große Pläne zu machen und abends mit der Wirklichkeit zu verhandeln.

Mein heutiges Fazit:

„Man muss nicht jeden Tag über sich hinauswachsen. Manchmal reicht es völlig, wenn man nach einem Sturz wieder auf die Beine kommt – und dabei nicht gleich den ganzen Jakobsweg neu planen muss.“

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von sechs lieben Menschen.

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