21,32 Kilometer, 327 Höhenmeter bergauf, 559 bergab und eine wichtige Erkenntnis: Dieser Jakobsweg hätte eine offizielle Ausschilderung verdient!
Um 10 Uhr startete ich in Battenhausen. Der Regen hatte sich vorher ausgetobt, und die Wetterlage hatte einiges an Wasser gebracht. Doch jetzt hieß es: Wanderschuhe an und los! Gleich zu Beginn ging es ordentlich bergauf. Der Herbstwald zeigte sich von seiner schönsten Seite. Bunte Blätter, herrliche Farben und eine wunderbare Stimmung. Da vergisst man fast, dass die Beine noch andere Pläne für den Tag haben.
Kloster Haina: alte Eleganz und moderne Psychiatrie
Mein Weg führte mich in Richtung Kloster Haina. Auf dem Klostergelände steht seit Kurzem ein neues psychiatrisches Krankenhaus. Hier muss die Wegführung des Jakobswegs offenbar noch angepasst werden.
Das Museum für Psychiatrie war wegen Umbauarbeiten geschlossen. Von außen wirkte das neue Gebäude auf mich eher wie ein modernes Gefängnis als wie ein Krankenhaus. Das ist natürlich mein persönlicher Eindruck beim Vorbeigehen.
Das Kloster selbst habe ich mir kurz angesehen. Für Pilger ist der Eintritt frei – eine schöne Geste! Hinter den alten Mauern begegnet einem eine schlichte, beeindruckende Eleganz. Keine übertriebene Pracht, sondern historische Architektur, die für sich spricht. Ein lohnender Zwischenstopp!
Muschelschilder: Erst Freude, dann Misstrauen
Und dann waren sie plötzlich da: Muschelschilder!
Als Pilger freut man sich über jedes Zeichen, das einem sagt: Du bist richtig, hier geht es weiter. Also war ich zunächst erfreut. Doch dann führte mich die Beschilderung aus Sehlen heraus auf eine andere Strecke als die, die mein Routenplan vorgab.
Blöd gelaufen!
Der Umweg betrug zwar nur etwa 1,5 Kilometer, brachte aber zusätzlich rund 150 Höhenmeter mit sich. Als hätte ich nicht schon genug davon gesammelt.
Dabei muss man eines wissen: Der Jakobsweg ist auf diesem Abschnitt nicht durchgehend offiziell ausgeschildert. Genau deshalb sind solche Muschelschilder zunächst eine willkommene Hilfe. Nur leider kann man sich offenbar nicht darauf verlassen.
Die Schilder tauchten an verschiedenen Stellen auf, während andere Abschnitte unmarkiert blieben. Und auffällig war für mich, dass sie häufig dort standen, wo man auch problemlos mit dem Auto hinfahren konnte.
Da könnte man fast auf den Gedanken kommen, dass ein selbst ernannter „Schwarzkleber“ gelegentlich mit dem Auto eine kleine Spritztour unternimmt und unterwegs seine Muscheln verteilt. Natürlich ist das nur eine Vermutung. Vielleicht steckt auch ein System dahinter, das sich mir bislang nicht erschlossen hat.
Jedenfalls war mein Vertrauen dahin. Von nun an verließ ich mich wieder stärker auf meinen Routenplan. Die Muschel darf gern mitlaufen – aber die Navigation übernimmt jetzt der Wanderbruder!
Ein offenes Atelier, Kürbissuppe und frisches Brot
Abseits größerer Ortschaften ging es weiter durch die Landschaft. Rund vier Kilometer vor Rosenthal entdeckte ich am Forsthaus einen offenen Ateliersonntag.
Dort gab es schicke Sachen zu sehen, und manches hätte mir durchaus gefallen. Ich hätte gern etwas gekauft. Doch dann kam mir die entscheidende Frage in den Sinn: Wer soll das alles tragen?
Mein Rucksack ist schließlich kein Möbelwagen, und das Wohnmobil steht auch nicht immer direkt neben mir. Also blieb es beim Schauen.
Dafür gab es eine leckere Kürbissuppe. Und ein frisches Brot aus dem Backhaus wanderte ebenfalls in meinen Besitz. Das war eine deutlich vernünftigere Investition: Das Brot musste zwar auch transportiert werden, verschwindet aber erfahrungsgemäß schneller, als man es tragen kann.
Hessen und die Rüttelstreifen – eine unendliche Geschichte
Anschließend ging es rund zwei Kilometer an der Straße entlang. Am Rand lagen die bekannten Rüttelstreifen, die Autofahrer warnen sollen, wenn sie zu weit nach außen geraten.
Und da war es wieder: mein Lieblingsthema!
Die Markierungen und Rüttelstreifen sehen nicht überall gleich aus. Mal sind es zwei, dann drei, dann wieder andere Kombinationen. Auch in Hessen scheint man eigene Vorstellungen davon zu haben, wie diese Kennzeichnungen aussehen sollen.
Wer meine früheren Berichte kennt, weiß: Das beschäftigt mich schon länger. Auf einer früheren Wanderung bin ich durch Bayern gelaufen und habe mich gefragt, ob es dafür eigentlich keine einheitliche Regelung gibt.
Damals hatte ich sogar vor, dem damaligen Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer zu schreiben. Ich wollte ihm erklären, dass es doch eigentlich sinnvoll wäre, wenn Verkehrsteilnehmer in ganz Deutschland auf vergleichbare Kennzeichnungen treffen würden.
Doch bevor ich meinen Brief überhaupt auf den Weg bringen konnte, war der Minister schneller weg, als meine Beschwerde bei ihm hätte ankommen können. Scheuer war nicht mehr im Amt – und meine Idee für eine bundesweit einheitliche Lösung blieb erst einmal in der Schublade.
Die ganze Geschichte hatte ich übrigens schon einmal auf Wanderbruder.de erzählt. Wer nachlesen möchte, findet sie in meinem Bericht über den Jakobsweg von Görlitz über Vacha bis Fulda aus dem Jahr 2020. Damals ging es ebenfalls um die Rüttelstreifen und die Frage, warum diese nicht überall gleich aussehen.
Manche Themen begleiten einen eben länger als ein paar Kilometer. Die Rüttelstreifen sind offenbar genauso hartnäckig wie der Wanderbruder!
Pilzzeit – und plötzlich liegt da ein Riese
Unterwegs begegneten mir immer wieder Pilzsammler. Bei dem feuchten Herbstwetter dürfte die Ausbeute ordentlich sein.
Und dann entdeckte ich selbst einen echten Riesenpilz am Wegesrand. Ein Prachtexemplar! Da stellt sich natürlich sofort die Frage: essbar oder giftig?
Ich ließ ihn liegen. Bei Pilzen gilt für mich: Lieber einmal zu vorsichtig als einmal zu wenig.
Man kann sich bei vielem ziemlich sicher sein. Aber bei Pilzen kann ein kleiner Irrtum böse enden. Da helfen auch 99 Prozent Wissen wenig, wenn ausgerechnet das fehlende eine Prozent über Leben und Tod entscheidet.
Der Riesenpilz blieb also, wo er war. Ich marschierte weiter. Schließlich wollte ich in Rosenthal ankommen und nicht als ungeplanter medizinischer Notfall enden.
Rosenthal erreicht – jetzt beginnt die Bus-Odyssee
Am Ende standen 21,32 Kilometer auf der Uhr, 327 Höhenmeter bergauf und 559 Höhenmeter bergab. Der Herbstwald hatte für eine herrliche Kulisse gesorgt, die Wegführung dagegen für einige Fragezeichen.
Den Wohnmobilstellplatz in Rosenthal hatte ich mir schon einmal angesehen. Doch bevor ich mich dort gemütlich einrichten konnte, wartete noch eine kleine logistische Meisterleistung auf mich.
Ich musste mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück, um mein Wohnmobil zu holen. Dafür waren rund eine Stunde und 50 Minuten einzuplanen. Sonntags scheint der Bedarf an Bussen in dieser Gegend überschaubar zu sein. Die Fahrpläne machen jedenfalls deutlich: Wer sonntags wandert, sollte nicht erwarten, dass der öffentliche Nahverkehr nur auf ihn gewartet hat.
Also hieß es: Fahrplan studieren, Verbindungen erwischen und das rollende Zuhause nach Rosenthal holen.
Dort werde ich heute Nacht auf dem Wohnmobilstellplatz übernachten. Nach der Wanderung und der anschließenden Bus-Odyssee habe ich mir das verdient.
Mein erstes Fazit: Dieser Jakobsweg hat mehr verdient!
Nach den bisherigen Etappen steht für mich fest: Dieser Jakobsweg ist es wert, offiziell und durchgehend ausgeschildert zu werden.
Die Landschaft ist herrlich, die historischen Orte sind sehenswert, und die Strecke hat ihren ganz eigenen Reiz. Umso bedauerlicher ist es, wenn Pilger unterwegs nicht wissen, ob sie einer Muschel folgen können oder ob sie damit unfreiwillig einen Umweg einlegen.
Natürlich ist eine offizielle Ausschilderung kein Spaziergang. Es braucht eine abgestimmte Wegführung, Genehmigungen und die Zusammenarbeit der zuständigen Stellen. Da der Weg durch Nordrhein-Westfalen und Hessen führt, müsste zunächst geklärt werden, wer für welche Abschnitte verantwortlich ist.
Als erste Ansprechpartner kommen für mich der Landschaftsverband Westfalen-Lippe mit seiner Altertumskommission und die Hessische St. Jakobusgesellschaft infrage. Beide könnte man ansprechen, um die Zuständigkeiten zu klären und zu prüfen, wie sich eine durchgehende Markierung verwirklichen lässt.
Ich werde meine Erfahrungen auf dieser Tour weiter sammeln. Vielleicht kann ich nach Abschluss meiner Wanderung konkrete Hinweise geben, wo die Wegführung verbessert werden sollte. Schließlich möchte ich nicht nur kritisieren, sondern dazu beitragen, dass auch andere Pilger diesen Weg zuverlässig finden.
Denn mal ehrlich: Wer auf dem Jakobsweg unterwegs ist, möchte sich Gedanken über Landschaft, Geschichte und den eigenen Weg machen – und nicht ständig rätseln, ob die nächste Muschel von offizieller Stelle stammt oder von einem unbekannten Schilderkleber mit Auto.
Der Wanderbruder pilgert weiter. Die Muscheln dürfen bleiben – aber bitte künftig mit System, Genehmigung und einer Wegführung, auf die man sich verlassen kann. Und Minister Scheuer? Der ist leider nicht mehr zuständig!



































