Der Wanderbruder beendet seinen Jakobsweg von Höxter nach Frankfurt – mit Schneewittchen, einem Selfie und einer geschlossenen Kirche
Karben–Frankfurt
Am 30. Oktober war es so weit: Mein letzter Wandertag auf dem Jakobsweg von Höxter nach Frankfurt stand an. Um 7.45 Uhr ging es in Karben los. Das Ziel: die Frankfurter Altstadt. Nach zwölf Etappen, zahlreichen Eindrücken, einigen Umwegen und einer Verletzung sollte diese Tour ihren Abschluss finden.
Doch bevor ich am Ziel ankam, warteten noch einmal schöne Wege, überraschende Entdeckungen und eine Botschaft, bei der ich nicht ganz zustimmen konnte.
Frankfurt kann auch leise
Die Route führte über Dortelweil, Nieder-Erlenbach, Bonames, Heddernheim und Ginnheim in die Frankfurter Altstadt.
Vor Nieder-Erlenbach war sie plötzlich wieder da: die berühmte Skyline mit den Hochhäusern und Geschäftstürmen von Frankfurt am Main. Diesen Anblick kannte ich bereits von meinem Jakobsweg von Fulda nach Frankfurt. Da wurde mir wieder bewusst, wie schön es ist, wenn eine bekannte Stadt nach vielen Kilometern langsam am Horizont auftaucht.
Erstaunlich ruhig war die Umgebung. Man konnte laufen, schauen und seine Gedanken schweifen lassen, ohne ständig vom Großstadtlärm begleitet zu werden. Erst kurz vor Frankfurt wurde es deutlich lauter. Und damit bestätigte sich noch einmal mein Eindruck der vergangenen Tage: Die Landschaft rund um die großen Städte kann herrlich ruhig sein – bis der Verkehr daran erinnert, dass die Zivilisation nicht weit entfernt ist.
Die Nidda, der Ginnheimer Spargel und ein schöner Schlussabschnitt
Besonders schön war der Abschnitt entlang der Nidda. Wunderbare Wege führten am Flüsschen entlang und weiter durch Heddernheim. Immer wieder hatte ich den Frankfurter Fernsehturm im Blick, den die Einheimischen liebevoll „Ginnheimer Spargel“ nennen.
Auch der Abschnitt durch den Grüneburgpark hat mir ausgesprochen gut gefallen. Grün, weitläufig und angenehm zu gehen – so darf ein Weg in eine Großstadt gern aussehen.
Seit den Niddawiesen bemerkte ich dann etwas, das mich als Jakobsweg-Pilger besonders interessierte: Hier verlief auch der Elisabethpfad auf derselben Strecke wie mein Jakobsweg. Zwei Pilgerwege, eine Route. Manchmal muss man eben gar nicht zweimal laufen, um zwei Wege kennenzulernen.
„Das Reich Gottes wird alle Probleme lösen“ – wirklich?
Unterwegs drückten mir Zeugen Jehovas eine Botschaft in die Hand. Der Inhalt: „Das Reich Gottes wird alle Probleme lösen.“
Das ist natürlich eine klare Ansage. Allerdings muss ich da ein wenig widersprechen. Ich glaube, dass es für viele Probleme auch irdische Hilfe braucht. Gute Ideen, vernünftige Entscheidungen, Menschen, die anpacken, und manchmal schlicht jemanden, der nicht nur große Versprechen macht, sondern tatsächlich hilft.
Vielleicht bin ich nach knapp 288 Kilometern zu Fuß etwas bodenständig geworden. Oder ich war es vorher schon.
Achtung: Tiefparker!
Ein besonderes Fundstück gab es kurz vor der Altstadt. Auf einem Grundstück entdeckte ich ein Schild mit der Aufschrift: „Achtung: Tiefparker!“
Und tatsächlich: Da hatte jemand in seiner Einfahrt eine exklusive Hebebühne für Autos eingebaut. Vermutlich verschwindet das Fahrzeug anschließend in einer Tiefgarage unter dem Haus.
Andere stellen ihr Auto in die Einfahrt. Manche bauen sich gleich eine kleine Autowerkstatt in den Keller.
Die St.-Leonhardskirche: Ziel erreicht – Kirche geschlossen
Die Hessische St.-Jakobusgesellschaft nennt die St.-Leonhardskirche in Frankfurt als Ziel des Jakobswegs von Marburg nach Frankfurt. Also wollte ich dort meinen Weg ordentlich beenden.
Einziger kleiner Haken: Die Kirche öffnet erst um 15 Uhr.
Ich stand bereits um 13.15 Uhr davor.
Nun gut. Der Wanderbruder ist schließlich einiges gewohnt. Auf die Kirchenöffnung zu warten, gehörte heute nicht mehr zum Pflichtprogramm. Ich machte mein Selfie, schaute mir die Frankfurter Altstadt an und erklärte meine Wanderung damit für beendet.
Anschließend ging es zurück nach Karben, zum Wohnmobil, und von dort nach Hause.
Ob man einen Jakobsweg nun an einer bestimmten Kirchentür, an einem offiziellen Wegweiser oder mit einem letzten Blick auf die Skyline abschließt, ist vielleicht gar nicht so entscheidend. Für mich war wichtig: Ich war angekommen.
Die große Bilanz: zwölf Etappen, knapp 288 Kilometer
Zeit für die Abrechnung. Hier sind meine tatsächlich zu Fuß zurückgelegten Tageskilometer:
| Datum | Etappe | Zu Fuß |
|---|---|---|
| 19.10. | Höxter → Bad Karlshafen | 22,00 km |
| 20.10. | Bad Karlshafen → Borgentreich | 21,63 km |
| 21.10. | Borgentreich → Volkmarsen | 17,00 km |
| 22.10. | Volkmarsen → Wolfhagen | 15,30 km |
| 23.10. | Wolfhagen/Naumburg → Fritzlar | 20,05 km |
| 24.10. | Fritzlar → Armsfeld | 26,60 km |
| 25.10. | Armsfeld → Rosenthal | 21,32 km |
| 26.10. | Rosenthal → Marburg | 28,59 km |
| 27.10. | Marburg → Lollar | 26,11 km |
| 28.10. | Lollar → Butzbach | 31,09 km |
| 29.10. | Butzbach → Karben | 32,40 km |
| 30.10. | Karben → Frankfurt | 25,90 km |
| Gesamt | 12 Etappen | 287,99 km |
Dazu kommen nach meiner Aufstellung rund 18 Kilometer mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die ich wegen meiner Verletzung nach dem Sturz zurücklegen musste. Diese Buskilometer sind selbstverständlich nicht in meiner Wandersumme enthalten.
Und die Höhenmeter? Ohne vollständige GPS-Höhendaten lässt sich die Summe nicht exakt bestimmen. Als grobe Orientierung schätze ich für die gesamte Tour etwa 4.000 bis 5.000 Höhenmeter im Aufstieg. Das ist eine Schätzung und kein gemessener GPS-Wert.
Mein Knie und die Farbenblindheit
Als ich abends endlich zu Hause war, schaute meine Frau Renate genauer hin und stellte fest: „Dein Knie ist ja noch blau und grün!“
Offenbar hatte sich der Bluterguss verändert beziehungsweise war nach unten gewandert. Ich selbst hatte davon nichts bemerkt. Bei dem schummrigen Licht im Wohnmobil und meiner Farbenblindheit war mir das schlicht entgangen.
Das Entscheidende: Es tat nichts mehr weh.
Was bleibt von dieser Tour? Zwölf Etappen, viele Geschichten!
Diese Tour war mehr als eine lange Liste von Kilometerzahlen. Jede Etappe hatte ihre eigenen Höhepunkte – mal landschaftlich, mal kulturell und manchmal auch unfreiwillig komisch.
- Höxter nach Bad Karlshafen: Der Auftakt führte über Boffzen, wo bei mir Erinnerungen an meine Zeit als Fußballschiedsrichter wach wurden. Dazu das Fürstenberg-Porzellan, das „weiße Gold der Weser“, der Anstieg bei Derental, von Wildschweinen zerwühlte Wege und der rutschige Abstieg am Skywalk. Zum Abschluss lockte die Weser-Therme.
- Bad Karlshafen nach Borgentreich: Das Kernkraftwerk Würgassen war ein markanter Blickfang. Weil die Fähre nicht fuhr, blieb Herstelle mit seiner Benediktinerabtei und der Burg leider außen vor. Dafür warteten das Dreiländereck, der kleine Ort Jakobsberg, eine selbst geläutete Jakobuskirche und die Kapelle Klus bei Eddessen. Ein Ortseingang mit Orgelpfeifen setzte einen ungewöhnlichen Schlusspunkt.
- Borgentreich nach Volkmarsen: Eine Etappe, bei der ich wegen meiner Verletzung nach dem Sturz einen Teil mit dem Bus zurücklegen musste. Manchmal ist Vernunft eben wichtiger als Ehrgeiz.
- Volkmarsen nach Wolfhagen: Weiter ging es durch Nordhessen. In der Region um Wolfhagen begegnet man auch der Schneewittchen-Geschichte, die mit der Grimm’schen Märchenwelt verbunden ist. Eine schöne Erinnerung daran, dass man auf Pilgerwegen nicht nur Kirchen und Wegkreuze, sondern auch Geschichten aus der Heimat entdeckt.
- Wolfhagen und Naumburg bis Fritzlar: An diesem Tag kombinierte ich zwei Wanderabschnitte und musste ebenfalls verletzungsbedingt den Bus nutzen. Trotzdem blieb genügend Strecke zu Fuß, um den Pilgerweg fortzusetzen.
- Fritzlar nach Armsfeld: Eine abwechslungsreiche Landschaft, die ordentlich Ausdauer forderte. Die Etappe zeigte einmal mehr, wie unterschiedlich die einzelnen Abschnitte dieses Weges sind.
- Armsfeld nach Rosenthal: Dauerregen, Herbstwald und das historische Kloster Haina prägten diesen Tag. Das Museum war geschlossen, dafür gab es alte Klostermauern und schlichte historische Eleganz. Unzuverlässige Muschelschilder bescherten mir einen Umweg samt zusätzlichen Höhenmetern. Eine offene Atelier-Tür, Kürbissuppe und Brot, ein Riesenpilz am Wegesrand und Rüttelstreifen sorgten für weitere Geschichten.
- Rosenthal nach Marburg: Der Weg führte mich in die Universitätsstadt. Für mich war das einer der Abschnitte, die zeigen, warum ich gern pilgere: Landschaft, Bewegung und das Gefühl, sich Schritt für Schritt einem besonderen Ziel zu nähern. Abends traf ich Heimar Müller, der Pilgerberater ist.
- Marburg nach Lollar: Die Strecke führte weiter Richtung Frankfurt. Schön war es immer wieder – aber der Verkehr wurde zunehmend zum ständigen Begleiter.
- Lollar nach Butzbach: Lange unterwegs, viele Eindrücke und schließlich Butzbach mit seiner sehenswerten Altstadt. Der Tag endete mit einem guten Essen im „Blauen Haus“ und einem ruhigen Wohnmobilstellplatz oberhalb des Freibads.
- Butzbach nach Karben: Eine Begegnung machte diesen Tag besonders: Tritta aus dem Pilgerforum. Wir waren auf einer Wellenlänge, die Gespräche liefen wie von selbst, und die Zeit verging erstaunlich schnell. Dazu kamen die Elvis-Ampel in Bad Nauheim, das Gradierwerk, die Burg in Friedberg und die kleine grüne Notfalldose mit Nervennahrung. Ein Pilgertag, der viel zu schnell verging.
- Karben nach Frankfurt: Der krönende Abschluss. Vor Nieder-Erlenbach tauchte die Frankfurter Skyline auf. Es folgten die schönen Wege an der Nidda, der Blick auf den „Ginnheimer Spargel“, die Niddawiesen und der Grüneburgpark. Hier stellte ich fest, dass der Elisabethpfad teilweise mit dem Jakobsweg zusammenläuft. In Frankfurt angekommen, stand ich allerdings vor verschlossenen Kirchentüren: Die St.-Leonhardskirche öffnete erst am Nachmittag, ich war bereits mittags da. Also gab es ein Selfie, einen Blick auf die Altstadt und anschließend die Rückfahrt zum Wohnmobil nach Karben.
Meine ehrliche Bewertung: Bis Marburg gern wieder – danach wird es schwierig
Würde ich die Strecke noch einmal gehen? Bis Marburg: jederzeit gern!
Die Landschaft und die kulturellen Höhepunkte lohnen sich. Der Weg bis Marburg ist offiziell nicht ausgeschildert. Zwar hingen immer wieder Jakobswegschilder, doch teilweise führten sie in die falsche Richtung. Wer sich allein auf die Schilder verlässt, sollte also aufmerksam bleiben und zusätzlich mit Karte oder GPS arbeiten.
Ab Marburg wurde es für mich deutlich anstrengender – nicht unbedingt wegen der Kilometer, sondern wegen der Umgebung. Zu oft begleiteten mich Bundesstraßen, Schienenverkehr, Autobahnen und Verkehrslärm. Ich laufe gern durch Landschaften, über ruhige Wege und durch Orte, in denen man noch etwas von der Umgebung wahrnimmt.
Wenn ich dagegen kilometerlang den Verkehr höre, frage ich mich irgendwann, ob ich wirklich noch auf einem Pilgerweg bin oder versehentlich eine Fußgänger-Variante der Bundesverkehrswegeplanung erwischt habe.
Das soll nicht heißen, dass jeder Abschnitt schlecht war. Die Nidda, die Niddawiesen und der Grüneburgpark haben mir sehr gut gefallen. Aber insgesamt war der Weg ab Marburg für meinen Geschmack deutlich zu laut und zu oft von Verkehrsachsen geprägt.
Positiv in Erinnerung bleibt die gute Infrastruktur in den größeren Orten. Es gab ausreichend Sitzgelegenheiten für Pausen. Das ist bei langen Etappen keine Nebensache, sondern eine echte Hilfe.
Was ich mir für diesen Weg wünsche, ist eine offizielle, abgestimmte und verlässliche Ausschilderung. Denn dieser Jakobsweg hat landschaftlich und kulturell einiges zu bieten – er verdient es, dass Pilger sich auf die Wegzeichen verlassen können.
Und jetzt? Der Harz ruft!
Nach der Tour ist vor der nächsten Tour. Am 9. November soll es in den Harz gehen. Vielleicht werde ich dort tatsächlich zum sechsten Mal Harzer Wanderkaiser.
Sechsmal Harzer Wanderkaiser – das klingt doch nach einem vernünftigen Vorhaben für jemanden, der gerade knapp 288 Kilometer durch Hessen gelaufen ist.
Und die Jakobswege? Die sind wieder für 2027 vorgesehen.


























