Drei Grad, dichter Nebel, Raureif und eine Begegnung, die den Jakobsweg plötzlich wie im Flug vergehen ließ. Dazu eine Gefängnisstadt, eine Elvis-Ampel, intensive Gespräche und am Ende eine Antwort auf eine große Pilgerfrage. Dieser Tag hatte es in sich!
Butzbach: Gute Aussicht, mulmiges Gefühl
Der Stellplatz oberhalb des Freibads in Butzbach war ideal. Ich konnte direkt auf die Stadt schauen und die Ruhe genießen. Allerdings gibt es in Butzbach auch eine Justizvollzugsanstalt, in der unter anderem Schwerverbrecher lange Haftstrafen verbüßen. Wenn man das weiß und abends so über die Stadt blickt, bekommt die Aussicht plötzlich einen etwas anderen Beigeschmack. Ein kleines bisschen mulmig war mir schon.
Am nächsten Morgen ging es trotzdem frohen Mutes los. Schließlich warteten 32,4 Kilometer auf mich – und die laufen sich bekanntlich nicht von allein.
Drei Grad, Nebel und spiegelglatte Wege
Der Morgen zeigte sich von seiner frostigen Seite. Gerade einmal drei Grad, dichter Nebel und Raureif auf den geteerten Wanderwegen. Stellenweise war es richtig glatt. Da wurde aus dem Pilgern gelegentlich ein vorsichtiges Balancieren. Der Jakobsweg ist eben kein Laufsteg – auch wenn man bei diesen Bedingungen manchmal so gehen musste.
Der Weg verläuft hier größtenteils gemeinsam mit dem Lutherweg. Und tatsächlich war ich in Ostheim auch auf einem Abschnitt der Weinstraße unterwegs. Wein, Luther und Jakobsweg – es fehlte eigentlich nur noch ein warmer Glühwein am Wegesrand. Aber man kann schließlich nicht alles haben.
Ein Begleiter war allerdings fast ständig zu hören: die Autobahn A5. Mal näher, mal etwas weiter entfernt, aber immer präsent. Hier könnte ich jedenfalls nicht wohnen. Ich suche auf dem Jakobsweg Ruhe und Natur – und nicht die akustische Dauerschleife des Fernverkehrs.
„Fahr mit Gott, aber fahr!“ – die Kapelle an der Autobahn
In Ober-Mörlen kam ich an einer Kapelle für Autofahrer vorbei, direkt an der Autobahnauffahrt und -abfahrt. Ein guter Ort, um kurz innezuhalten. Und vielleicht sollten tatsächlich einige Verkehrsteilnehmer vor der Auffahrt noch einmal hineinschauen.
„Fahr mit Gott, aber fahr!“ – der Gedanke passt hier wunderbar. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob ein kurzes Gebet bei manchen Fahrstilen ausreicht.
Ich ging als Pilger hinein und war dabei sehr in Gedanken an meine Mutter Maria, die in wenigen Tagen 93 Jahre alt geworden wäre. Ein stiller, persönlicher Moment auf einer ansonsten recht lauten Etappe.
Regionale Produkte statt langer Transportwege
In Nieder-Mörlen entdeckte ich die Regiohütte. Dort gibt es viele kleine Verkaufsstellen mit regionalen Produkten. Eine schöne Idee: Lebensmittel und andere Erzeugnisse aus der Umgebung, kurze Wege und keine langen Anfahrten für die Produkte.
Regional, praktisch und ökologisch sinnvoll. Da braucht es keinen großen Supermarkt, um gute Dinge aus der Heimat zu bekommen.
Bad Nauheim: Eishockey, Kurpark und Elvis
Weiter ging es Richtung Bad Nauheim, vorbei am Golfclub und am Eisstadion. Dort ist der EC Bad Nauheim zu Hause, dessen Eishockeymannschaft als „Roten Teufel“ bekannt ist. In der DEL2 gehört der Club zu den traditionsreichen Adressen des deutschen Eishockeys. Während ich mich mit Wanderschuhen und warmen Gedanken durch die Kälte kämpfte, geht es dort auf dem Eis bekanntlich deutlich schneller und körperbetonter zu.
Danach führte mich der Weg am Kurpark und am Herzforschungsinstitut vorbei. Bad Nauheim verbindet eben Kurtradition, Medizin und Sport auf seine ganz eigene Weise.
Und dann kam der Moment, auf den ich mich schon gefreut hatte: Ich traf Marlies – im Pilgerforum unter ihrem Namen Tritta bekannt.
Was für eine Begegnung!
Kaum hatten wir uns begrüßt, entwickelten sich Gespräche, als würden wir uns schon seit Jahren persönlich kennen. Es passte einfach. Marlies, alias Tritta, ist mit Leib und Seele Pilgerin und Wanderin. Sie betreut eigene Wanderstrecken als ausgebildete Wegewartin – allerdings keinen Jakobsweg. Da weiß jemand, wovon sie spricht!
Und das Beste: Wir haben exakt das gleiche Wandertempo. Kein Warten, kein Hetzen, kein ständiger Blick auf die Uhr. Wir liefen, redeten und genossen den gemeinsamen Weg.
Elvis lässt grüßen – und Tritta kommt über die Ampel
Ich hatte Marlies vorher meinen Standort geschickt. Und wie kommt sie zu mir? Direkt über die berühmte Elvis-Ampel in Bad Nauheim!
Das passt natürlich perfekt, denn Bad Nauheim ist eng mit Elvis Presley verbunden. Der King of Rock ’n’ Roll lebte von 1958 bis 1960 während seines Militärdienstes in Deutschland in der Kurstadt und lernte dort auch Priscilla kennen. Noch heute erinnern zahlreiche Orte an ihn, darunter die Elvis-Ampeln, an denen Fußgänger gewissermaßen vom King persönlich über die Straße geleitet werden.
Da kommt man als Pilger schon ins Grübeln: Erst schickt man seinen Standort, dann kommt die Begleitung über eine Elvis-Ampel. Wenn das kein standesgemäßer Auftritt ist! Fehlt eigentlich nur noch, dass Elvis persönlich den Startschuss für unsere gemeinsame Etappe gibt.
Tritta sieht, was andere übersehen
Weiter ging es am Gradierwerk vorbei Richtung Friedberg. Noch vor der Innenstadt marschierten wir zur herrlichen Burg. Die gemeinsame Strecke wurde immer kurzweiliger.
Marlies hat als Wegewartin einen ganz besonderen Blick für die Wege. Immer wieder entdeckte sie Schilder des Jakobswegs, die freigeschnitten werden mussten. Manchmal stellte sie fest, dass an einer Stelle eigentlich ein Wegzeichen hingehört hätte. Und andere Schilder wurden kurzerhand von ihr gereinigt.
Während ich einfach weitergelaufen wäre, hatte Tritta den Blick für die kleinen Dinge, die dafür sorgen, dass andere Pilger ihren Weg finden. Das ist gelebtes Engagement für Wanderer und Pilger – und zeigt, wie viel Arbeit hinter gut markierten Wanderwegen steckt.
Wir haben uns den ganzen Tag intensiv unterhalten und waren schnell auf einer Wellenlänge. Über manche Dinge haben wir so offen gesprochen, dass sie hier nicht hingehören. Das bleibt zwischen uns beiden. Nicht alles, was einen Wandertag besonders macht, muss im Internet stehen.
Armlinge, die grüne Brotdose und ein kleines Notfallpaket
Tritta trug an diesem Tag zum ersten Mal Armlinge. Eine praktische Sache bei solchen Temperaturen: Sie halten die Arme warm, lassen sich bei steigenden Temperaturen schnell herunterziehen oder ausziehen und sind flexibler als eine zusätzliche Jacke. Gerade bei wechselndem Wetter eine sinnvolle Ergänzung der Wanderausrüstung.
Nach einer Pause kam dann eine besonders nette Überraschung: Marlies überreichte mir ein kleines Notfallpaket mit Nüssen, Traubenzucker und Creme.
Wie lieb ist das denn? Da wandert man gemeinsam, und die Begleitung denkt sogar daran, dass der Wanderbruder unterwegs vielleicht eine kleine Stärkung gebrauchen kann. Ich habe mich wirklich darüber gefreut.
Und selbstverständlich war auch meine berühmte grüne Brotdose wieder mit von der Partie. Schließlich ist sie bei Tritta längst bekannt. Manchmal sind es eben nicht die großen Dinge, sondern solche kleinen Aufmerksamkeiten, die einen Tag besonders machen.
Meine große Frage: Soll ich nach Compostela gehen?
Nach vielen gemeinsamen Kilometern kam ich schließlich zu meiner Beratungsfrage, die mich schon länger beschäftigt: Soll ich irgendwann nach Santiago de Compostela pilgern?
Marlies hatte mich inzwischen den ganzen Tag kennengelernt. Sie kennt meine Art zu wandern, mein Tempo und meine Gedanken. Ihre Antwort war klar:
„Mach dein Ding in Deutschland. Die Wege sind voll, und hier hast du deine Ruhe.“
Das saß. Nicht, weil ich unbedingt eine Bestätigung gebraucht hätte, sondern weil es von jemandem kam, der selbst viel wandert und pilgert und mich an diesem Tag intensiv erlebt hatte.
Danke, Tritta! Manchmal braucht es keine lange Abhandlung und keine komplizierte Entscheidungshilfe. Manchmal reicht ein ehrlicher Satz zur richtigen Zeit.
Vielleicht liegt mein Weg tatsächlich weiterhin in Deutschland. Vielleicht ist genau das die Freiheit des Pilgerns: nicht irgendein berühmtes Ziel erreichen zu müssen, sondern den Weg zu gehen, der zu einem selbst passt.
32,4 Kilometer – und plötzlich war der Tag vorbei!
Über Wöllstadt ging es weiter Richtung Karben. An diesem Tag hatte ich übrigens die Kilometeransagen meiner Adidas-Running-App ausgeschaltet. Keine Ansage nach jedem Kilometer, keine ständige Information über die gelaufene Zeit oder die Geschwindigkeit.
Und ich glaube, das war gut so!
Normalerweise meldet sich die App regelmäßig und erinnert mich daran, wie weit ich schon gekommen bin. Doch diesmal konnte ich einfach laufen, mich unterhalten und den Moment genießen. Ohne ständig an Zahlen erinnert zu werden. Das ist eine Erkenntnis, die ich für die kommenden Etappen mitnehme.
Und dann, fast unbemerkt, waren plötzlich 32,4 Kilometer auf dem Tacho – in Karben!
So kurzweilig kann ein Wandertag sein, wenn man mit dem richtigen Menschen unterwegs ist. Die Kilometer vergingen wie im Flug. Wir hatten das gleiche Tempo, viele Gesprächsthemen und immer wieder etwas zu entdecken.
Ich glaube, dieser Tag hat mir gezeigt, dass es beim Wandern nicht allein darum geht, wie schnell man ankommt oder wie viele Kilometer man schafft. Die Begegnungen unterwegs können mindestens genauso wichtig sein.
Warum der Bericht erst jetzt erscheint
Normalerweise bekommt ihr meine Tagesberichte zeitnah. Diesmal hat es etwas länger gedauert – und das hatte gleich mehrere Gründe.
Zum einen war ich nach der Wanderung noch bei einem Online-Seminar dabei: „Kindeswohl im Sport – Prävention sexualisierter Gewalt: Schulung für Übungsleitende und Betreuende“. Auch wenn ich gerade auf dem Jakobsweg unterwegs bin, bleibt mein Engagement im Sportverein wichtig. Fortbildung gehört dazu, gerade wenn es um den Schutz von Kindern und Jugendlichen geht.
Zum anderen gab es in Butzbach einen Bombenfund. Am Nachmittag wurde dort bereits evakuiert. Da war ich glücklicherweise schon längst unterwegs. Manchmal ist es eben gut, wenn man morgens rechtzeitig die Wanderschuhe schnürt und die Stadt hinter sich lässt.
Deshalb erscheint dieser Bericht erst jetzt.
Morgen wartet die letzte Etappe bis Frankfurt!
Morgen steht meine letzte Strecke auf diesem Abschnitt des Jakobswegs an: Es geht bis Frankfurt. Danach werde ich wieder zu Hause sein und die vielen Eindrücke in Ruhe sortieren können.
Der ausführliche Bericht über die Schlussetappe erscheint deshalb erst am Samstag von zu Hause aus.
Was nehme ich aus diesem Tag mit? Frostige Wege, eine Kapelle mit einem stillen Gedanken an meine Mutter Maria, regionale Produkte, Elvis an der Ampel, eine herrliche Burg, ein kleines Notfallpaket und vor allem eine Begegnung, die den Tag wie im Flug vergehen ließ.
Danke, Marlies, alias Tritta, für deine Zeit, deine Aufmerksamkeit, deine Wegkenntnis und die vielen guten Gespräche. Und danke für den kleinen Proviant – der Wanderbruder weiß solche Dinge zu schätzen!
32,4 Kilometer sind geschafft. Morgen wartet Frankfurt. Und die grüne Brotdose? Die ist natürlich auch weiterhin dabei.
Buen Camino!
Euer Wanderbruder








































