Jakobsweg, Etappe 2: Von Bad Karlshafen nach Borgentreich

Nach der ersten Etappe geht es heute weiter Richtung Frankfurt. Die Sonne lacht, der Rucksack sitzt – beste Voraussetzungen für einen schönen Wandertag. Mein Plan: über Würgassen nach Herstelle, dort die Benediktinerabtei und die Burg besichtigen und anschließend weiter Richtung Borgentreich. Doch wie so oft auf dem Jakobsweg kommt es anders als gedacht.

Würgassen: Eine Fähre im Winterschlaf und ein altes Kernkraftwerk

Mit dem klaren Ziel nach Herstelle startete ich in Bad Karlshafen. Doch mein eigentliches Ziel liegt auf der anderen Weserseite: Herstelle mit seiner Benediktinerabtei und der Burg.

Also auf zur Fähre! Nur leider hat die ihren Dienst bereits eingestellt und macht Winterurlaub. Dumm gelaufen, denn auf meinem Wegeplan ist sie eingezeichnet. Im Oktober stehe ich nun am Ufer und schaue in die Röhre. Die Alternative ist die große Brücke der Bundesstraße. Ein allzu großer Umweg ist das zwar nicht, aber Herstelle liegt damit für mich heute nicht mehr auf der Route. Abtei und Burg müssen also warten.

Routenplaner Hans-Jörg hat bereits einen Hinweis von mir bekommen: Wenn die Fähre im Wegeplan steht, wäre ein Hinweis auf die saisonalen Betriebszeiten durchaus hilfreich.

Auf meinem Weg komme ich dann oberhalb am ehemaligen Kernkraftwerk Würgassen vorbei. Ein Stück deutscher Energiegeschichte, das man nicht einfach übersieht.

Am Dreiländereck geht’s ans Eingemachte

Weiter geht es zum Dreiländereck von Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Drei Bundesländer auf einen Blick – und kurz darauf geht es für mich kräftig bergauf. Die Strecke meint es ernst!

Bei strahlendem Sonnenschein komme ich ordentlich ins Schwitzen. Irgendwann setze ich die Mütze andersherum auf. Nicht aus modischen Gründen, sondern weil der Schweiß inzwischen reichlich fließt. Doch die Anstrengung lohnt sich: Immer wieder öffnen sich herrliche Panoramablicke über die Landschaft. Da bleibt man gern stehen, um die Aussicht zu genießen. Dass man dabei gleichzeitig etwas Luft holen kann, ist natürlich reiner Zufall.

Jakobsberg: Die Muschel führt mich zur Jakobuskirche

Dann erreiche ich Jakobsberg, ein kleines Kleinod mit gerade einmal 259 Einwohnern. Und natürlich gibt es hier eine Jakobuskirche. Wo, wenn nicht hier, sollte ich als Pilger auf dem Jakobsweg einen Zwischenstopp einlegen?

Die Kirche steht offen, also schaue ich hinein. Dabei entdecke ich die Altarschelle, mit der beim Abendmahl geläutet wird. Die probiere ich natürlich gleich aus! Ich läute – doch außer mir ist niemand da. Kein Pfarrer, keine Gemeinde. Da stehe ich nun in der Jakobuskirche und habe eigenhändig das Abendmahl eingeläutet, ohne dass überhaupt jemand zum Abendmahl da ist. Na, wenn das kein besonderer Auftritt des Wanderbruders ist! 😂

Eine weitere Entdeckung gefällt mir ebenfalls: das sogenannte Feierabendpilgern. Die Idee dahinter ist, nach der Arbeit für ein bis zwei Stunden den Alltag hinter sich zu lassen und sich auf das Wochenende einzustimmen. Das Angebot ist kostenlos und findet bei jedem Wetter statt. Eine schöne Sache, finde ich. Denn für eine kleine Auszeit muss man nicht gleich den ganzen Jakobsweg unter die Wanderschuhe nehmen.

Über die Kapelle Klus in die Orgelstadt

Von Jakobsberg geht es weiter zur Kapelle Klus bei Eddessen. Danach stehen die letzten Kilometer nach Borgentreich an.

Schon am Ortseingang wird klar, warum Borgentreich als Orgelstadt bekannt ist: Pfähle in Form von Orgelpfeifen flankieren das Eingangsschild. Eine originelle Begrüßung! Andere Orte stellen einfach ein Schild auf – Borgentreich stimmt seine Gäste schon optisch auf Musik ein. Nach den heutigen Anstiegen wäre ein kleines Orgelkonzert zur Begrüßung durchaus willkommen. Hauptsache, ich muss nicht selbst spielen! Aber das Orgelmuseum hatte zu.

Feierabend in Borgentreich

Am Ende stehen 23,65 Kilometer und 429 Höhenmeter bergauf auf meinem Tacho. Die Sonne hat geliefert, die Mütze hat die Seiten gewechselt und die Beine haben ganze Arbeit geleistet. Herstelle blieb wegen der winterurlaubenden Fähre außen vor, dafür gab es großartige Aussichten, ein kleines Dorf mit einer Jakobuskirche und einen musikalischen Empfang in der Orgelstadt.

Buen Camino!

Euer Wanderbruder

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von sechs lieben Menschen.

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