1. Etappe: Höxter – Bad Karlshafen | 21,63 Kilometer | 379 Höhenmeter

Der Wanderbruder ist wieder unterwegs! Zwölf Etappen, rund 309 Kilometer und das Ziel Frankfurt liegen vor mir. Heute ging es von Höxter nach Bad Karlshafen. Und schon am ersten Tag gab es alte Fußballgeschichten, edles Porzellan, aufgewühlte Wildschweinwege und einen Abstieg, bei dem man besser nicht ins Rutschen kommt.

Höxter kenne ich – Boffzen auch. Allerdings von der anderen Seite!

Höxter und Schloss Corvey habe ich schon häufiger besucht. Deshalb startete ich diesmal direkt in der Innenstadt. Von dort führte mich die Route zunächst nach Boffzen. Und plötzlich war ich gedanklich rund 45 Jahre zurückversetzt.

Damals war ich hier als Fußballschiedsrichter im Einsatz. Boffzen gehörte zu meinem Bezirk und lag nur etwa 50 Kilometer von meinem damaligen Wohnort entfernt. Heute waren es von zu Hause nach Höxter immerhin 65 Kilometer Anfahrt.

Zwei rote Karten sind mir aus meiner Schiedsrichterzeit besonders in Erinnerung geblieben. Die erste gab es wegen einer Notbremse. Die zweite war eine ganz andere Hausnummer: Das Spiel lief bereits auf der anderen Platzhälfte, als ich mich kurz umdrehte – und zufällig sah, wie ein Spieler seinen Gegenspieler mit einem Faustschlag zu Boden streckte.

Da hieß es für mich: 60 Meter zurücklaufen und Rot zeigen! Der Spieler aus Boffzen wurde anschließend für ein Jahr gesperrt.

Manche Begegnungen vergisst man eben nie. Und heute musste ich nicht einmal eine Pfeife dabeihaben, um daran erinnert zu werden.

Fürstenberg: Das weiße Gold der Weser

Weiter ging es nach Fürstenberg, der Heimat des berühmten Porzellans, auch bekannt als das „weiße Gold der Weser“.

Eine Besonderheit: Rund 98 Prozent der Porzellanmanufaktur gehören zum Land Niedersachsen, die übrigen zwei Prozent zum Landkreis Holzminden. Beim Meißner Porzellan ist die Sache einfacher: 100 Prozent Sachsen!

Auch der Münchhausen-Preis hat eine Verbindung zu Fürstenberg: Die Skulptur für die Preisträger wird dort hergestellt. Und berühmte Preisträger gibt es einige. Wer sich für das edle Porzellan interessiert, kann außerdem im Outlet stöbern.

Kann – denn heute war geschlossen. Vielleicht war das ganz gut so. Für einen spontanen Porzellankauf sollte man schließlich mehr als 3,50 Euro in der Tasche haben.

Durch Fürstenberg führt auch die Deutsche Märchenstraße. Doch mein persönliches Märchen war spätestens am nächsten Anstieg vorbei.

Derental oder doch lieber Derenberg?

Hinter Fürstenberg ging es ordentlich bergauf nach Derental. Da wurde aus der gemütlichen Pilgerwanderung plötzlich ein kleiner Härtetest.

Ganz unvorbereitet war ich allerdings nicht. Erst vor zwei Tagen hatten wir mit unserem Vereinswanderwart die Routen für den Tag des Wanderns in Hildesheim festgelegt und anschließend ausgeschildert. Dafür zogen wir mit einer Ziehkarre und den Schildern rund 25 Kilogramm über eine Strecke von 25 Kilometern.

Danach waren die Arme lahm und die Puste weg. Ein ideales Trainingslager, wie sich heute herausstellte. Danke auch!

Nach Derental – bei diesem Anstieg wäre „Derenberg“ vielleicht der passendere Name – hatte ich rund 250 Höhenmeter hinter mir. Doch die Strecke war noch nicht fertig mit mir.

Vier Kilometer Wildschwein-Slalom

Auf den nächsten rund vier Kilometern hatten die Wildschweine ganze Arbeit geleistet. Die Wege waren aufgewühlt und uneben. Man musste schon genau hinschauen, wo man den nächsten Schritt setzte.

Als wäre das nicht genug, wartete anschließend der Skywalk-Abstieg in Richtung Bad Karlshafen. Viele Treppenstufen, stellenweise rutschig und alles andere als ein Spaziergang. Hier war Vorsicht angesagt. Ein unfreiwilliger Abstieg wäre zwar spektakulär gewesen, hätte aber nicht unbedingt in meinen Tagesplan gepasst.

Am Ende standen 21,63 Kilometer und 379 Höhenmeter im Aufstieg auf der Uhr. Geplant hatte ich etwa 280 Höhenmeter. Fast 100 Höhenmeter mehr als erwartet – und das gleich am ersten Tag!

Jetzt wird nicht mehr gewandert, sondern entspannt

Nach der Etappe ging es vom Bahnhof zurück nach Höxter mit der Bahn. Mein Wohnmobil steht jetzt in Bad Karlshafen direkt an der Weser. Bei dem niedrigen Wasserstand könnte man fast meinen, einfach hindurchlaufen zu können. Ich bleibe aber lieber auf dieser Seite.

Nach den Strapazen der vergangenen Tage geht es jetzt direkt in die Weser-Therme. Das ist die Art von Höhenleistung, bei der ich anschließend gern auf weitere Höhenmeter verzichte.

Auch kulinarisch bin ich bestens versorgt: Die Torte, die ich vom Wandertag mitgenommen hatte, ist bereits Geschichte. Heute Abend gibt es etwas Warmes. Meine Frau hat für fünf Tage vorgekocht. So lässt sich eine Pilgerreise aushalten!

Das Wohnmobil erweist sich schon am ersten Tag als hervorragende Lösung: Wandern, entspannen und anschließend vernünftig essen. Was will der Wanderbruder mehr?

Morgen geht es weiter von Bad Karlshafen nach Borgentreich. Wieder rund 22 Kilometer, wieder Höhenmeter – und hoffentlich Wege, die weniger von Wildschweinen gestaltet wurden.

Die erste Etappe ist geschafft. Die Beine melden sich, die Therme wartet und Frankfurt rückt näher.

Und an meine liebe Renate: Danke fürs Vorkochen! Einen dicken Kuss aus Bad Karlshafen! ❤️

Buen Camino!

Euer Wanderbruder

Blick vom Wohnmobil

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von sechs lieben Menschen.

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