Marburg am frühen Morgen, eine Studentenstadt, viel Verkehrslärm und ein Gespräch mit Pilgerberater Heimar Müller. Meine heutige Etappe hatte wenig Höhenmeter, aber durchaus Gesprächsstoff.
Marburg um 8.30 Uhr: Die Stadt schläft noch
Meine Tour startete am Hauptbahnhof. Zunächst ging es noch einmal an der Elisabethkirche vorbei, dann am Botanischen Garten entlang in Richtung Altstadt. Mit dem Fahrstuhl fuhr ich 14 Stockwerke hinauf bis zur Wettergasse. Praktisch, denn die Höhenmeter sollten heute schließlich überschaubar bleiben.
Um 8.30 Uhr waren die meisten Geschäfte noch geschlossen. Dafür zeigte Marburg die Spuren des Vorabends. Sauberkeit sieht anders aus – die Altstadt brauchte offenbar erst einmal einen großen Besen und einen Kaffee.
Vorbei an der Universitätskirche und dem ehemaligen Hospital St. Jakob ging es weiter. Ganz in der Nähe hatte Gustav Heinemann 1919/20 während seines Studiums gewohnt. Später wurde er Bundespräsident – von 1969 bis 1974.
Marburg ist mit rund 21.000 Studierenden eine echte Universitätsstadt. Überall junge Leute, und die Geschäfte locken mit Studentenrabatten. Ich dagegen musste nicht zur Vorlesung, sondern wollte raus aus der Stadt und hinein in die Natur.
Der Jakobsweg als akustische Herausforderung
Über Niederweimar, Argenstein und Roth führte mich der Weg nach Fronhausen. Von Ruhe war zunächst allerdings wenig zu spüren. Ein großes Kieswerk, die Bahnlinie in unmittelbarer Nähe und dazu der Verkehrslärm der Bundesstraße – wer hier meditative Stille sucht, braucht gute Nerven.
Ich griff zu einer bewährten Wanderbruder-Speziallösung: Ohrstöpsel aus Papiertaschentüchern! Hightech geht anders, aber es half. Erst Richtung Fronhausen wurde es ruhiger, und ich konnte die improvisierten Schallschutzmaßnahmen wieder entfernen.
Unterwegs kam ich an der Marburger Firma Seidel vorbei, die edle Verpackungen für Marken wie Chanel und Dior herstellt. Da dachte ich sofort an Renate: Ein Luxus-Mitbringsel wäre doch was! Aber nur die Verpackung? Lieber nicht – ohne Inhalt geht gar nicht. 😂
Über Fronhausen ging es weiter nach Odenhausen, Ruttershausen und schließlich nach Lollar. Die Beschilderung war durchweg hervorragend. Heimar Müller und seine Pilgerfreunde haben hier ganze Arbeit geleistet. Man muss nicht ständig rätseln, wo die nächste Muschel versteckt ist – und das ist auf dem Jakobsweg keineswegs selbstverständlich.
Heimar Müller: Ein Pilger mit klaren Ansichten
Gestern hatte ich Gelegenheit, mit Heimar Müller zu sprechen. Der 62-Jährige ist evangelisch, ist selbstständiger Unternehmensberater und ist seit vielen Jahren auf Pilgerwegen unterwegs. 2012 wanderte er auf dem Lahn-Camino, 2019 auf dem Württembergischen Pilgerweg. 2022 legte er rund 330 Kilometer bis Santiago de Compostela zurück.
Als Pilgerberater und engagierter Wegkenner beschäftigt er sich unter anderem mit GPS-Tracks und der Beschilderung von Routen. Auch Nachtpilgern gehört zu den Angeboten, die er interessant findet. Er war in der Hessischen St. Jakobusgesellschaft in Frankfurt aktiv und kennt die Pilgerarbeit somit nicht nur aus der Wanderperspektive. Auf jeden Fall ist die Route ab Marburg gut markiert. Denn als Wanderer freue ich mich über jede Muschel, die mich zuverlässig in die richtige Richtung schickt. Und dafür haben Heimar und seine Pilgerfreunde gesorgt.
Privat ist Heimar seit 30 Jahren verheiratet. Auch bei einem engagierten Pilger dreht sich schließlich nicht alles um Wanderkarten, Wegzeichen und die nächste Etappe.
In Lollar wartet der Fußball
Nach 26,11 Kilometern erreichte ich Lollar. Keine spektakulären Höhenmeter, keine großen Gipfel – dafür reichlich Bahnlärm und ein paar Gedanken zur Pilgerwelt.
Mein Wohnmobil steht auf dem Parkplatz der Bunten Schule. Dort schaute ich den jungen Fußballern auf dem Schulhof zu, wie sie gekonnt den Ball hin und her spielten. Die Kinder waren mit vollem Einsatz dabei. Keine langen Diskussionen über Organisationsfragen – der Ball musste ins Tor!
Und während ich ihnen zuschaute, dachte ich: Manchmal ist es ganz einfach. Ein Ball, ein paar Kinder und ein Schulhof reichen für einen gelungenen Nachmittag.


















