Wer der Hitze ein Schnippchen schlagen will, muss Opfer bringen.
Also klingelte heute bereits um 5:00 Uhr der Wecker. Während andere sich noch einmal gemütlich umdrehten, stand ich schon geschniegelt in den Barfußschuhen. Das Ziel: der Sonne ein paar Kilometer voraus sein.
Mit Bus und Bahn ging es zunächst zurück nach Bienenbüttel. Ganz nach dem Motto der Deutschen Bahn fiel natürlich erst einmal ein Zug aus. Zum Glück hatte ich keinen Termindruck – so blieb sogar noch Zeit, einige Postkarten zu schreiben. Man muss die Wartezeit schließlich sinnvoll nutzen.
Pünktlich um 7:00 Uhr begann dann die heutige Etappe über Bruchtorf, Medingen, Seedorf, Hohenbünstorf bis nach Ebstorf.
Schon nach wenigen Kilometern wurde klar: Die Bahnstrecke Hamburg–Hannover begleitet den Jakobsweg heute fast auf Schritt und Tritt. Was hier schon jetzt an Zügen unterwegs ist, ist beeindruckend. Gleichzeitig wird heftig darüber diskutiert, ob die Strecke weiter ausgebaut oder sogar eine neue Trasse gebaut werden soll. Die endgültige Entscheidung soll erst nach den Kommunalwahlen in Niedersachsen fallen. Entsprechend groß sind die Proteste entlang der Strecke.
Seit Tagen hat es in der Region kaum geregnet. Die Wege sind staubtrocken, Wiesen und Wälder wirken ausgedörrt und die Waldbrandgefahr ist allgegenwärtig. Schon ein kleiner Funke könnte derzeit verheerende Folgen haben. Hoffentlich sorgt bald einmal ein kräftiger Landregen für etwas Entspannung in der Natur, natürlich am liebsten nachts.
Ein echter Höhepunkt war das ehemalige Kloster Medingen. Heute befindet sich dort unter anderem ein Hospiz. Besonders beeindruckt hat mich ein modernes Kreuz ohne den klassischen Querbalken – ein Symbol für Offenheit und Vielfalt. Es regt zum Nachdenken an und passt wunderbar zu einem Ort, an dem Menschen begleitet werden.
Direkt daneben steht das ehemalige Amtsgericht. Heute befindet sich dort das Gustav-Stresemann-Institut, das neben dem Hauptstandort in Bonn als eigenständiger Verein geführt wird. Gustav Stresemann war nicht nur Reichskanzler und Außenminister der Weimarer Republik, sondern erhielt 1926 gemeinsam mit dem Franzosen Aristide Briand den Friedensnobelpreis. Seine Politik der Verständigung wirkt bis heute erstaunlich aktuell.
Am Wegesrand entdeckte ich anschließend einen alten Jägerstand, der einst mit einer Kette gesichert worden war. Inzwischen hatte die Natur längst übernommen – der Baum hatte die Kette einfach verschluckt. Wenn Bäume sprechen könnten, würde dieser wahrscheinlich sagen: „Zu spät – gehört jetzt mir!“
Weniger romantisch war dagegen der Moment, als ein Landwirt gerade seine Felder mit Pflanzenschutzmitteln behandelte. Der Wind meinte es gut mit ihm – leider nicht mit mir. Für einen kurzen Augenblick gab es kostenlos einen leicht chemischen Belag auf der Zunge. Nicht unbedingt die Geschmacksrichtung, die ich mir beim Pilgern wünsche.
Hinter Medingen verwandelte sich der Jakobsweg plötzlich in einen gefühlten Nordseestrand. Tiefsand statt Waldweg. Jeder Schritt versank ein Stück im Boden. Wer braucht schon Dünenwanderungen, wenn Niedersachsen das kostenlos anbietet?
Immerhin sorgte eine kleine Blindschleiche für eine willkommene Abwechslung. Sie war heute deutlich entspannter unterwegs als ich im Sand.
Der „letzte amerikanische Bahnhof“ befindet sich in Ebstorf. Der Name geht auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. Über diesen Bahnhof wurden Soldaten und Material der westlichen Alliierten transportiert, weshalb sich die Bezeichnung bis heute erhalten hat. Ein unscheinbarer Ort mit einer bemerkenswerten Geschichte.
Die Bilder des berühmten Klosters Ebstorf stammen übrigens bereits von gestern Abend. Das machte aber nichts, denn heute stand ohnehin die Strecke im Mittelpunkt – und die hatte wieder einmal alles zu bieten: Geschichte, Natur, Bahnverkehr, Tiefsand, eine Blindschleiche, einen eingewachsenen Jägerstand und sogar eine kostenlose Geschmacksprobe vom Acker.
27,3 Kilometer, jede Menge neue Eindrücke und wieder unzählige Geschichten später war das Tagesziel erreicht. Die Via Scandinavica hält bislang, was sie verspricht – und ich habe das Gefühl, dass das erst der Anfang ist. Morgen geht es weiter Richtung Suderburg.
Buen Camino!



































