Fünfeinhalb Wandertage liegen hinter mir, die Barfußschuhe haben ordentlich Kilometer gesammelt und die Beine inzwischen wieder etwas Abstand von der Wanderung gewonnen. Zeit für mein Fazit zu meinem Abschnitt auf der Via Scandinavica von Lüneburg nach Hannover.

Am Ende stehen 162,26 Kilometer auf der persönlichen Wanderuhr. Bei fünfeinhalb Wandertagen macht das einen Durchschnitt von 29,50 Kilometern pro Wandertag. Ganz ordentlich für jemanden, der eigentlich gemütlich pilgern wollte. 😄

Die einzelnen Tagesetappen:

2. August: Lüneburg → Bienenbüttel: 19,91 km
3. August: Bienenbüttel → Ebstorf: 27,30 km
4. August: Ebstorf → Suderburg: 19,60 km
5. August: Suderburg → Eschede: 30,05 km
6. August: Eschede → Altencelle: 29,60 km
7. August: Celle → Hannover: 35,80 km

Zusammen also 162,26 Kilometer – und damit ist der Abschnitt von Lüneburg bis Hannover tatsächlich geschafft.

Was mir an dieser Strecke besonders gefallen hat: Die Via Scandinavica ist kein Jakobsweg, der ständig mit großen Sehenswürdigkeiten um Aufmerksamkeit buhlt. Sie lebt vielmehr von den vielen kleinen Dingen am Wegesrand. Wälder, Felder, kleine Dörfer, Klöster, Kirchen, alte Gebäude, Bahnstrecken und immer wieder überraschende Begegnungen.

Schon Lüneburg war ein schöner Ausgangspunkt. Von dort ging es über Deutsch Evern und Grünhagen Richtung Bienenbüttel. Die Ilmenau begleitet den Weg in dieser Region immer wieder und sorgt zusammen mit den vielen Waldabschnitten für eine angenehme Atmosphäre. Dazu kamen die ersten kleinen Besonderheiten am Weg – und natürlich mein bislang größter Pilgerstempel in der Johanniskirche.

In Bienenbüttel und den weiteren Orten entlang der Strecke gibt es zwar keine Einkaufsmeilen, dafür aber alles, was man als Pilger gelegentlich braucht. Die größeren Versorgungsmöglichkeiten konzentrieren sich auf die größeren Orte wie Lüneburg, Bienenbüttel, Bad Bevensen, Ebstorf, Suderburg, Eschede und Celle. Für die Planung sollte man das durchaus im Hinterkopf behalten: Auf den langen Wald- und Feldabschnitten kommt nicht plötzlich ein Supermarkt um die Ecke. Wer etwas benötigt, sollte die Einkaufsmöglichkeiten in den größeren Orten nutzen.

Besonders schön fand ich die Gegend rund um Medingen und Ebstorf. Das Kloster Medingen, heute auch mit seiner Hospiznutzung, beeindruckt nicht nur durch seine Geschichte. Auch das Gustav-Stresemann-Bildungshaus im ehemaligen Amtsgericht ist ein interessantes Stück Zeitgeschichte. Und natürlich durfte auch hier der eine oder andere Blick über den Tellerrand nicht fehlen.

Die Strecke weiter über Gerdau, Böddenstedt und Suderburg führte wieder tief hinein in Wald und Heide. Besonders die langen, geraden Wege waren manchmal eine echte Geduldsprobe. Fast 15 Kilometer einfach nur geradeaus – da fragt man sich irgendwann schon, ob der Wegweiser vielleicht vergessen hat, dass es auch Kurven gibt. 😄

Dafür gab es die angenehme Kühle des Waldes, die Jakobsquelle bei Hösseringen und das Museumsdorf Hösseringen. Leider war es geschlossen – wie sollte es auch anders sein, wenn gerade ich vorbeikomme?

Und dann kam Eschede.

Dieser Ort wird mir sicherlich besonders in Erinnerung bleiben. Der Besuch der Gedenkstätte des ICE-Unglücks vom 3. Juni 1998 war mit Abstand der emotionalste Moment dieser Woche. 101 Menschen verloren damals ihr Leben. Für jeden Verstorbenen wurde dort ein Baum gepflanzt. 101 Bäume, 101 Namen und eine Geschichte, die auch nach 28 Jahren nichts von ihrer Wirkung verloren hat. Dass unter den Opfern auch zwei Menschen aus Hameln, meinem damaligen Arbeitsort, waren, hat mich zusätzlich getroffen.

Nach diesem schweren Moment brauchte ich etwas Abstand – und Abkühlung. Also ging es ins Freibad Eschede. Pommes im Schwimmbad gehörten natürlich dazu. Und dann stand da dieser Drei-Meter-Sprungturm.

Zuletzt vor etwa 50 Jahren gesprungen.

Der Bademeister machte für den Pilger sogar extra auf – und da konnte ich natürlich nicht kneifen. Also rauf und runter. Freiheit nehme ich mir. 😄

Dass ich anschließend meine Badehose in der Dusche vergessen habe, gehört ebenfalls zu dieser Reise. Zum Glück lagen im Wohnmobil noch Badehose Nummer zwei und drei. Die drei Badehosen entwickelten sich damit fast schon zum heimlichen Ausrüstungsgegenstand dieser Tour.

Auch die Hitze hat diese Wanderung geprägt. Kurze Hose, Barfußschuhe und möglichst früh loslaufen waren bei den Temperaturen die richtige Kombination. Die schattigen Waldwege waren dabei Gold wert.

Die Strecke führte anschließend über Habighorst, Beedenbostel, Lachendorf und Wienhausen bis nach Altencelle. Hier gab es wieder jede Menge zu entdecken: Heidekartoffeln, frisch gesägtes Holz, ein Pferd mit Zebradecke, Warnzeichen an Eichen vor dem Eichenprozessionsspinner und natürlich die beeindruckende Klosteranlage Wienhausen.

Wienhausen ist für mich einer dieser Orte, bei denen man gerne ein paar Minuten länger stehen bleibt. Hier verläuft übrigens auch die Via Romea parallel zur Jakobswegroute. Dazu die Aller, ein Storch und Erinnerungen an eine frühere Wanderung unseres SC Barienrode – manchmal treffen sich eben mehrere Geschichten an einem Ort.

Dann ging es weiter Richtung Celle. Die Residenzstadt war ein schöner Zwischenpunkt und gleichzeitig der Start für die letzte Etappe Richtung Hannover.

Der letzte Wandertag führte zunächst wieder durch das Pferdeland Celle/Burgdorf. Weiden, Reiterhöfe und sogar eine Reitbahn direkt neben dem Jakobsweg. Genau diese ländliche Umgebung hat mir besonders gut gefallen.

Doch je näher Hannover kam, desto mehr veränderte sich die Geräuschkulisse. Erst die A7, dann Flugzeuge im Landeanflug und später auch noch A2 und A37. Nach mehreren Tagen durch Wälder und kleine Orte war das akustisch schon eine andere Hausnummer.

Meine Ohren, die nach der Erkältung ohnehin noch nicht wieder ganz auf der Höhe waren, fanden das ebenfalls nicht lustig. Also habe ich in Altwarmbüchen kurzerhand für fünf Kilometer die Straßenbahn genommen. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Vernunft. Nach fast 30 Kilometern Wanderung darf man auch einmal entscheiden, dass Autobahnlärm nicht unbedingt zum Pilgererlebnis gehört.

Ab Groß-Buchholz ging es wieder zu Fuß weiter bis zum Hauptbahnhof Hannover.

Und dort war sie dann tatsächlich zu Ende: meine Via Scandinavica von Lüneburg nach Hannover.

Mein persönliches Fazit fällt sehr positiv aus. Die Strecke ist abwechslungsreich, landschaftlich schön und vor allem reich an kleinen Geschichten. Sie führt durch Wälder und Heide, durch kleine Dörfer und historische Orte, vorbei an Klöstern und Kirchen und immer wieder durch Landschaften, in denen man wunderbar zur Ruhe kommen kann.

Wer diese Strecke selbst planen möchte, sollte allerdings die Einkaufsmöglichkeiten gut im Blick behalten. In den größeren Orten wie Lüneburg, Bienenbüttel, Bad Bevensen, Ebstorf, Suderburg, Eschede und Celle gibt es gute Möglichkeiten, die Vorräte aufzufüllen. Dazwischen können dagegen durchaus viele Kilometer kommen, ohne dass plötzlich ein Bäcker oder Supermarkt auftaucht. Für mich mit dem Wohnmobil war das natürlich deutlich entspannter.

Und was bleibt?

162,26 Kilometer, durchschnittlich 29,5 Kilometer pro Wandertag, jede Menge Wald, viel Heide, einige sehr bewegende Momente, drei Badehosen, ein Drei-Meter-Sprung nach 50 Jahren und unzählige kleine Geschichten.

Genau dafür gehe ich auf den Jakobsweg.

Jetzt ist dieser Abschnitt geschafft. Aber die Via Scandinavica ist für mich noch lange nicht zu Ende. Am 24. August geht es weiter: Von Wrisbergholzen wandere ich zunächst nach Bad Gandersheim, wo ich übernachten werde. Am nächsten Tag geht es weiter nach Northeim, bevor es wieder nach Hause geht.

Und auch danach ist noch lange nicht Schluss. Die restliche Strecke der Via Scandinavica bis Eisenach möchte ich in weiteren Abschnitten in den nächsten Wochen unter die Barfußschuhe nehmen. Dass einige Teile davon nicht ganz einfach passierbar sein sollen, habe ich inzwischen gehört. Aber das sehe ich mir dann selbst an. 😄

Der nächste Abschnitt wartet also schon.

Buen Camino! 🥾

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von sechs lieben Menschen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert