So ausgeschlafen bin ich schon lange nicht mehr.

11,5 Stunden Schlaf! Offenbar hatten die ersten beiden Pilgertage ihre Wirkung nicht verfehlt. Geweckt wurde ich schließlich nicht vom Wecker, sondern ganz stilvoll von den Glocken des Klosters Ebstorf. So darf ein Pilgertag gerne beginnen.

Weniger erfreulich: Bis 8 Uhr regnete es. Danach wurde es zwar trocken, dafür verwandelte sich die Luft in eine kostenlose Dampfsauna. Schwül, warm und jeder Meter fühlte sich gleich ein wenig länger an.

Die heutige Etappe führte von Ebstorf über Melzingen, Gerdau und Böddenstedt bis nach Suderburg – insgesamt 19,6 Kilometer.

Mein erster kleiner Dämpfer ließ nicht lange auf sich warten. Das wunderschöne Arboretum in Melzingen hatte geschlossen. Schade, denn darauf hatte ich mich eigentlich gefreut. Also blieb nur ein Blick durch den Zaun und die Erkenntnis: Auch Bäume haben manchmal Ruhetag.

Kurz darauf zog eine ganz andere Duftnote durch die Nase. Erst passierte ich einen Schweinestall und nur wenige Minuten später kam mir ein Kadavertransport entgegen. Sagen wir es einmal vorsichtig: Das war eine Geruchskombination, die man nicht unbedingt als Raumduft kaufen möchte.

Überhaupt spielte heute die Landwirtschaft die Hauptrolle. Fast überall liefen Wassersprenger, denn die Felder hatten den morgendlichen Regen offenbar genauso schnell wieder vergessen wie ich meine guten Vorsätze, heute nicht so viel zu schwitzen.

Dann entdeckte ich auch noch Warnschilder vor dem Eichenprozessionsspinner. Ein Tier, dem man wirklich nicht zu nahe kommen möchte. Ich hielt respektvoll Abstand – man muss ja nicht jede Begegnung auf dem Jakobsweg mitnehmen.

In Gerdau wartet eine liebevoll eingerichtete Pilgerherberge direkt an der St.-Michaelis-Kirche. Dort gab es natürlich auch den nächsten Pilgerstempel. Im Gespräch erfuhr ich, dass hier im Durchschnitt drei bis fünf Pilger pro Monat auf der Via Scandinavica vorbeikommen. Da ist also noch reichlich Platz für weitere Wanderfreunde.

Kurz hinter Gerdau wurde ich plötzlich von einer Beregnungsanlage überrascht. Bei den schwülen Temperaturen kam die kostenlose Erfrischung genau zur richtigen Zeit. Ich war zwar nur zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort, fühlte mich aber fast wie bei einer eigens eingerichteten Pilger-Beregnungsanlage. Nach den vielen Kilometern hätte sie ruhig noch ein paar Meter länger laufen dürfen.

Wenig später änderte sich die Duftkulisse schlagartig. Rund um die Felder wurde Zwiebelanbau betrieben – und der beißende Geruch lag meterweit in der Luft. Wer mich kennt, weiß: Mit Zwiebeln werde ich wohl keine große Freundschaft mehr schließen. Da half auch die vorherige Erfrischung nichts – die Nase musste da einfach durch.

In Böddenstedt, das bereits 1991 und 2016 als Golddorf ausgezeichnet wurde, zeigte sich einmal mehr, wie gepflegt viele Orte entlang der Via Scandinavica sind. Alte Höfe, liebevoll angelegte Gärten und jede Menge Grün machen den kleinen Ort zu einem echten Hingucker.

Nach 19,6 Kilometern erreichte ich schließlich Suderburg.

Eigentlich hatte ich geplant, ganz entspannt mit dem Bus zurück nach Ebstorf zu fahren. Eigentlich…

Vor Ort stellte sich heraus, dass es sich um einen Rufbus handelte. Anrufen muss man 60 Minuten vorher. Ich war allerdings nur 50 Minuten vorher dran. Zehn Minuten fehlten – und an dieser Regel wurde eisern festgehalten. Flexibilität? Heute offenbar auf Betriebsausflug.

Also wurde kurzerhand umgeplant und es ging mit Zug und Bus zurück nach Ebstorf.

Da unterwegs noch etwas Zeit blieb, schaute ich mir in Uelzen den berühmten Hundertwasser-Bahnhof an. Ein Bahnhof, bei dem gerade Linien offenbar Hausverbot haben. Bunt, verspielt und irgendwie völlig anders – genau richtig, um einen abwechslungsreichen Pilgertag abzurunden.

Die Via Scandinavica bleibt unberechenbar – und genau deshalb freue ich mich schon auf die nächste Etappe.

Buen Camino!

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von sechs lieben Menschen.

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