Manchmal schließt sich ein Kreis schneller, als man denkt.

Mit dem Wohnmobil ging es heute direkt vom Campingplatz am Tankumsee nach Bienenbüttel. Dort parkte mein rollendes Hotel am Bahnhof, während ich bequem mit dem Zug nach Lüneburg fuhr. Um 12:35 Uhr begann dann endlich die erste Etappe auf der Via Scandinavica – und keine fünf Minuten später stand ich genau an der Stelle, an der ich im Mai meine Pilgerwanderung von Fehmarn nach Lüneburg beendet hatte. Ein schöner Moment – diesmal ging es aber nicht nach Hause, sondern einfach weiter.

Der erste Höhepunkt ließ nicht lange auf sich warten. In der St. Johanniskirche bekam ich den bislang größten Pilgerstempel meiner gesamten Jakobswegwanderungen. Da musste selbst mein Pilgerpass kurz tief durchatmen.

Meine Erkältung hatte übrigens noch ein kleines Andenken hinterlassen: Beide Ohren waren immer noch zu. Für eine Wanderung durch die Innenstadt gar nicht so schlecht – der Straßenlärm kam heute nur in der Sparversion an.

Schon kurz hinter Lüneburg zeigte sich die Via Scandinavica von ihrer schönsten Seite. Der Weg folgt immer wieder der Ilmenau, die sich heute von ihrer Bilderbuchseite präsentierte. Kanufahrer, Paddler und jede Menge Natur – dazu überwiegend schattige Waldwege. Bei den sommerlichen Temperaturen hätte ich mir kaum etwas Besseres wünschen können.

Ein kleiner Hinweis für alle Nachwanderer: Im Häcklinger beziehungsweise Hadenburger Bachtal unbedingt die ausgeschilderte Brücke nutzen. Der Weg ist dort eindeutig geführt und problemlos zu laufen.

In Deutsch Evern wechselte die Kulisse plötzlich von Wald auf Villenviertel. Ich gebe zu: Das eine oder andere Haus hätte ich durchaus genommen. Leider war an keinem Gartenzaun ein Schild mit der Aufschrift „Pilger dürfen kostenlos einziehen“ zu finden.

Dafür lag ständig der Duft von Grillkohle und Bratwürstchen in der Luft. Offenbar hatten alle Bewohner beschlossen, ausgerechnet heute zu grillen. Pilgern mit knurrendem Magen ist eine ganz besondere Form der Charakterbildung.

Nach langer Zeit war ich wieder einmal in kurzer Wanderhose unterwegs. Meine Beine bekamen dabei eine kostenlose Desensibilisierungskur. Brennnesseln, Gräser, Brombeeren – alles wollte mich persönlich begrüßen. Zum Glück blieb es bei kleineren Bekanntschaften.

Kurz vor Bienenbüttel führte der Weg über den schönen Skulpturenweg. Eine gesperrte Brücke? Kein Problem. Die Umleitung war hervorragend ausgeschildert. So wünscht man sich das.

Ein Stück weiter verlief der Jakobsweg direkt an der Bahnlinie entlang. Beim Blick auf eines der Häuser musste ich zweimal hinschauen. Der Zug fährt dort gefühlt direkt durchs Wohnzimmer. Wer dort wohnt, braucht garantiert keinen Wecker.

Die schönste Begegnung des Tages hatte allerdings einen Namen: Frank aus Bad Bevensen. Er war ebenfalls auf dem Jakobsweg unterwegs und trainiert für eine 55-Kilometer-Wanderung. Während wir uns unterhielten, lief aus seinem Lautsprecher in voller Lautstärke Techno-Musik. Mit 68 Jahren! Da sieht man wieder: Auf dem Jakobsweg begegnet man den interessantesten Menschen. Und nein – das Alter entscheidet ganz offensichtlich nicht über den Musikgeschmack.

Am Ende standen 19,91 Kilometer auf meiner Uhr – in unter vier Stunden. Mit einem Schnitt von rund 5 km/h konnte sich der Auftakt durchaus sehen lassen.

Anschließend wurde das Wohnmobil noch nach Ebstorf umgesetzt. Jetzt stehe ich ganz in der Nähe des berühmten Klosters und freue mich bereits auf die morgige Etappe.

Der erste Tag ist geschafft.

Und eines hat sich heute wieder bestätigt: Der Jakobsweg überrascht einen nicht nur mit schönen Landschaften, sondern auch mit Begegnungen, kuriosen Momenten und Geschichten, die kein Reiseführer vorhersehen kann.

Buen Camino!

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von sechs lieben Menschen.

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