Eigentlich war der gestrige Wandertag mit 19,6 Kilometern viel zu kurz.

Also beschloss ich spontan, noch ein paar Kilometer dranzuhängen. Dass daraus zunächst einer der emotionalsten Momente meiner bisherigen Pilgerreise werden würde, hatte ich allerdings nicht erwartet.

Vom Bahnhof Eschede machte ich mich auf den Weg zur Gedenkstätte des ICE-Unglücks. Rund zwei Kilometer hin und zurück – und jeder einzelne Schritt wurde immer nachdenklicher.

Über 42 Stufen führt der Weg hinunter zur Gedenkstätte. Dort erinnert seit dem 3. Juni 1998 alles an eines der schwersten Eisenbahnunglücke der deutschen Geschichte. 101 Menschen verloren damals ihr Leben, als der ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“ bei Eschede entgleiste. Für jedes Opfer wurde ein Baum gepflanzt. Zwischen ihnen zu stehen, die Namen zu lesen und die Stille auf sich wirken zu lassen, geht unter die Haut.

Besonders bewegt hat mich, dass sich unter den Opfern auch zwei Menschen aus Hameln befanden – meinem damaligen Arbeitsort. Obwohl das Unglück inzwischen 28 Jahre zurückliegt, wirkt dieser Ort noch immer erschütternd. Es war einer dieser Momente, in denen man ganz automatisch innehält und sich bewusst wird, wie zerbrechlich das Leben sein kann.

Nach so vielen Gedanken brauchte ich erst einmal etwas völlig anderes.

Also führte mich mein Weg weitere 1,5 Kilometer zum Freibad Eschede.

Und was soll ich sagen?

Das kalte Wasser tat einfach unglaublich gut.

Natürlich habe ich dort auch gleich das wohl wichtigste Schwimmbadgesetz Deutschlands erfüllt: Pommes gehören zum Freibad einfach dazu.

Dann fiel mein Blick auf den Drei-Meter-Sprungturm.

Mein letzter Sprung? Rund 50 Jahre her.

Der Bademeister hatte ein Einsehen mit dem alten Pilger und öffnete den Turm kurzerhand. Also hochgeklettert, kurz nach unten geschaut, einmal tief durchgeatmet – und gesprungen.

Man wird schließlich nicht jünger. Also sollte man solche Gelegenheiten nutzen.

Weniger erfolgreich verlief anschließend das Duschen. Meine Badehose blieb nämlich in der Umkleide hängen. Andererseits war sie ohnehin etwas eng geworden. Vielleicht wollte sie einfach nicht mehr mit nach Hause.


Heute hieß es dann wieder: Kilometer sammeln.

Bereits um 7:17 Uhr ging es mit der Bahn von Eschede nach Suderburg zurück auf den Jakobsweg.

Die Strecke führte zunächst Richtung Hardausee.

Dort wurden sofort Erinnerungen wach. Genau hier stand vor einigen Jahren unser erster Campingplatz mit dem damals nagelneuen Wohnmobil. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine unglaubliche Wanderung von tausenden kleinen Fröschen, die damals gleichzeitig Richtung See unterwegs waren. Ein Naturschauspiel, das ich bis heute nicht vergessen habe.

Kurz darauf erreichte ich die Jakobsquelle und wenig später das Museumsdorf Hösseringen.

Natürlich hatte es geschlossen.

Langsam frage ich mich, ob die Museen entlang der Via Scandinavica einen geheimen Kalender besitzen, auf dem meine Ankunftstage rot markiert sind.

Schade war außerdem, dass die Heide noch nicht blühte. Ein paar Wochen Geduld braucht die Natur offenbar noch.

Hinter Hösseringen begann dann der wohl geradlinigste Abschnitt meiner bisherigen Jakobswegwanderungen.

Fast 15 Kilometer nahezu schnurgeradeaus.

Links Wald.

Rechts Wald.

Vor mir der endlose Waldweg.

Und immer weiter geradeaus.

Einerseits herrlich kühl unter den hohen Bäumen, andererseits hätte sich die Strecke zwischendurch ruhig einmal überlegen dürfen, eine kleine Kurve einzubauen.

Was allerdings völlig fehlte, waren Ruhebänke. Erst rund 2,5 Kilometer vor Dalle tauchte endlich die erste Bank auf. Meine Beine hatten sie längst vermisst.

Dafür sorgten die zahlreichen großen Pfützen für wunderschöne Spiegelbilder der Bäume. Manchmal entstehen die schönsten Fotos genau dort, wo man sie überhaupt nicht erwartet.

Am Ende standen heute 30,05 Kilometer auf meiner Uhr.

Für mich eine echte Hausnummer bei diesen heißen Temperaturen.

Zur Belohnung ging es anschließend – natürlich – wieder ins Freibad Eschede.

Diesmal allerdings deutlich entspannter.

Denn im Wohnmobil warteten tatsächlich noch Badehose Nummer zwei und Nummer drei. Offenbar kennt mich meine Frau inzwischen ziemlich gut und weiß, dass man bei mir mit allem rechnen muss – sogar mit einer vergessenen Badehose.

Nach inzwischen über 90 Kilometern auf der Via Scandinavica zeigt sich immer deutlicher: Jeder Tag erzählt seine eigene Geschichte. Mal nachdenklich, mal anstrengend, mal zum Schmunzeln – und manchmal sogar alles gleichzeitig.

Morgen wartet die nächste Etappe. Ich bin gespannt, was sie diesmal bereithält.

Buen Camino!

P.S. Leider nur wenige Bilder… sind hier in der Internetdelle

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von sechs lieben Menschen.

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