Tatsächlich ist Ratzeburg eine Inselstadt. Das merkt man spätestens morgens, wenn überall Wasser glitzert und man sich fast ein bisschen wie auf einer norddeutschen Mini-Venedig-Version fühlt – nur mit deutlich mehr Enten und weniger Gondeln.

Der Morgen begann heute ausgesprochen praktisch. Ich nutzte direkt die Vorteile des nahen Wohnmobilstellplatzes: Ver- und Entsorgung, Wasser auffüllen, einmal alles technisch wieder auf Null setzen. Danach kam allerdings der Moment, der jede Pilgerromantik zuverlässig erdet:

Diesel tanken.111,14 Euro.

Das ist bislang eindeutig der größte Posten dieser Wanderung. Ich pilgere langsam in einem Zustand zwischen spiritueller Einkehr und mittelständischer Kraftstoffkrise.

Danach ging es los Richtung Mölln.

Unterwegs wurde ich plötzlich zum Schrankenwärter. Eine geschlossene Bahnschranke, perfektes Timing und natürlich sofort ein Foto. Ich sah vermutlich aus wie jemand, der den Regionalverkehr persönlich absichert.

Auf der Strecke tauchten immer wieder Warnschilder vor dem Eichenprozessionsspinner auf. Den kenne ich inzwischen von vielen Wanderungen. Gefährliches kleines Raupenwesen mit größerem Ruf als manche Bundesliga-Abwehr. Heute habe ich allerdings keinen einzigen gesehen. Vielleicht hatten die ebenfalls Feiertagswochenende.

In Mölln wurde der Tag dann nachdenklicher. 1992 ereignete sich hier der rassistische Brandanschlag, bei dem Menschen starben und Familien zerstört wurden. Fast 34 Jahre ist das inzwischen her.

Es gab zwei Tatorte. Das Haus in der Ratzeburger Straße 13 wurde inzwischen abgerissen – heute ist dort nur noch ein Parkplatz. Das Haus in der Mühlenstraße dagegen wurde saniert, aber einige verbrannte Balken blieben bewusst erhalten. Das Gebäude trägt heute die Namen der Verstorbenen.

Ich finde das wichtig. Auch wenn man merkt, dass viele hier nicht besonders gern darüber sprechen. Aber Erinnerungskultur bedeutet eben auch, unangenehme Dinge sichtbar zu lassen. Gerade heute, wo Rassismus durch soziale Medien oft wieder salonfähig gemacht wird, darf so etwas nicht einfach verschwinden.

Und dann ist da natürlich noch Till Eulenspiegel.

Der berühmteste Sohn der Stadt blickt hier praktisch an jeder Ecke um die Ecke. Wahrscheinlich hätte er sich köstlich darüber amüsiert, dass ein 63-jähriger Pilger mit Funktionsshirt, Sommerjacke und Müsliriegeln durch seine Stadt stapft und dabei ständig nach Pilgerstempeln fragt.

Ganz ehrlich: Wenn irgendwo plötzlich jemand meine Wanderschuhe verknotet hätte, hätte ich Till persönlich verdächtigt.

Danach ging es in die Tourist-Information. Dort wollte ich mir einen Pilgerstempel holen.Die Reaktion war ungefähr: „Einen was?

“Pilgerstempel kennt man dort offenbar eher theoretisch. Wahrscheinlich laufen auf der Via Scandinavia tatsächlich nur ein paar wenige Pilger im Jahr vorbei. Ich komme mir langsam vor wie der Till nur mit Wanderschuhen.

Immerhin hatte die Fußgängerzone wegen Bauarbeiten viele Absperrungen. Klingt erstmal nervig, war aber herrlich ruhig. Keine Hektik, kein Gedränge – nur Baggerromantik und entspanntes Gehen.

Hinter Mölln wurde es dann endlich wieder richtig schön. Der Weg führte lange am Elbe-Lübeck-Kanal entlang, oft auf den Spuren der alten Salzstraße. Kilometerlang gerade Wege, Wasser neben mir, Wälder, Wiesen und Spargelfelder.

Nach zwei Tagen Landstraßenfeeling war das endlich wieder echtes Pilgern.

Kurz vor Hornbek überschritt ich dann noch die alte historische Grenzlinie zwischen Sachsen und Slawen aus der Zeit um 800 nach Christus. Verrückt eigentlich: Heute läuft man dort mit Rucksack und Müsliriegel entlang, während hier früher Machtgrenzen und Kulturen aufeinandertrafen.

Dazu kam perfektes Wetter. Genau diese Sorte Licht, bei der plötzlich jedes Foto aussieht wie aus einem Wanderprospekt.

Am Ende standen heute 35,86 Kilometer auf der Uhr.

Und ehrlich gesagt bin ich selbst überrascht: Mit 63 Jahren fühle ich mich fast noch so fit wie am ersten Wandertag vor sechs Tagen. Gut, das Aufstehen dauert morgens inzwischen etwas länger – aber sobald ich laufe, läuft es.

Später wanderte ich bei Büchen noch einmal am Kanal entlang. Logistisch war der Tag heute allerdings fast anspruchsvoller als die Strecke selbst. Rückfahrt mit Bussen, danach das Wohnmobil nach Büchen umsetzen und dann endlich sitzen.

Jetzt sitze ich hier mit müden Knochen, aber ziemlich zufrieden.

Und während ich langsam merke, dass sich diese Tour dem Ende nähert, hat meine Frau zu Hause offenbar bereits einen offiziellen Sehnsuchtsantrag gestellt.

Am Sonntag geht es zurück nach Hause.Bis dahin warten noch zwei Etappen und ungefähr 50 Kilometer bis Lüneburg. Die Etappe Bienenbüttel mache ich bei der nächsten Tour mit.

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von neu: fünf lieben Menschen.

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