Eigentlich sollte es erst am Montag losgehen. Eigentlich. Aber manchmal schreibt das Leben den Tourenplan eben selbst um. Der Geburtstagsbesuch bei meiner Enkeltochter fiel leider aus, weil sie sich angesteckt hatte – also wurde kurzerhand umgeplant.

Und plötzlich stand heute Morgen um 4:30 Uhr der Wecker auf „Jakobsweg“. Eine Uhrzeit, zu der normale Menschen höchstens vom Aufstehen träumen. Um 5:15 Uhr rollte ich mit meinem Wohnmobil los. Für die nächsten zehn Tage ist es Schlafzimmer, Frühstücksraum, Umkleide.

Bereits um 9:45 Uhr war ich in Großenbrode und parkte direkt am Rathaus. Wobei „Rathaus“ hier offenbar ein Konzept mit überschaubaren Arbeitszeiten ist. Drei Tage geöffnet – maximal. Die Deutsche Post scheint sich daran orientiert zu haben. Gefühlt kommen Briefe bei uns zu Hause ebenfalls nur noch dreimal pro Woche an.

Dann ging es mit dem Bus-Schienenersatzverkehr Richtung Puttgarden. Ein Satz, den man heutzutage öfter hört als „Der Zug fährt pünktlich ein“.

Der Bus brachte mich schnell zum Fährhafen. Gerade legte eine Fähre an, und sofort kamen Erinnerungen hoch. Vor vielen Jahren bin ich von hier noch nach Schweden übergesetzt.

Heute entsteht hier allerdings etwas deutlich Größeres: der sogenannte Fehmarnbelt-Tunnel. Das gigantische Bauprojekt soll Deutschland und Dänemark künftig direkt miteinander verbinden. Rund 18 Kilometer lang wird der Absenktunnel unter der Ostsee verlaufen und damit einer der längsten kombinierten Straßen- und Eisenbahntunnel der Welt werden. Statt 45 Minuten Fähre sollen Autos künftig in etwa zehn Minuten unter der Ostsee nach Dänemark fahren können. Milliardenprojekt trifft skandinavische Präzision. Überall Kräne, Baustellenverkehr und Großbaustellenromantik.

Und dann ging es endlich los. Direkt am Hafen steht der hölzerne Pilger – symbolischer Startpunkt des Weges. Wobei die Figur ein wenig aussieht, als hätte jemand versucht, ihr mit einer Axt den Schädel zu spalten.

Trotzdem: schöner Moment. Jetzt war ich wirklich unterwegs. Durch den Ort Puttgarden selbst ging es eher zügig hindurch. Grenzort eben. Funktional. Kein Ort, an dem man spontan denkt: „Hier bleibe ich für immer.“

Ohne den Abstecher nach Todendorf lief ich direkt Richtung Bannesdorf, das ich ebenfalls links liegen ließ. Weiter ging es über Niendorf Richtung Burg auf Fehmarn, teilweise gemeinsam mit dem Mönchsweg.

In Burg holte ich mir in der St.-Nikolai-Kirche meinen ersten Pilgerstempel. Allerdings hatte offenbar ganz Fehmarn beschlossen, heute ebenfalls unterwegs zu sein. Saisonstart. Sonntag. Geöffnete Geschäfte. Autos pflügten durchs Zentrum, Kopfsteinpflaster donnerte unter Reifen und Schuhsohlen, und zwischendurch fragte ich mich kurz, ob der Jakobsweg vielleicht doch eher über ruhige Waldwege führen sollte. Tat er aber nicht.

Der Weg führte weiter Richtung Hafen. Wobei „Hafen“ fast zu romantisch klingt. Sagen wir: funktionaler Küstenbereich mit überschaubarem Charme. Vorbei am U-Boot-Museum, wo es angeblich spannende Erlebnisse im Dunkeln geben soll. Ich habe beschlossen, heute erst einmal beim Tageslicht zu bleiben.

Spätestens danach wurde klar: Fehmarn gehört den Radfahrern. Überall Fahrräder. Rennräder. E-Bikes. Familienkolonnen. Manche Wege sind allerdings so schmal, dass man sich fragt, ob Wanderer bei der Planung schlicht vergessen wurden.

Vorbei ging es am Golfplatz Richtung Wulfener Hals. Dort sind aktuell Doris – die Tante meiner Frau – und ihr Mann Siegmund. Leider waren die beiden gerade beim Rapsblütenfest unterwegs. Knapp verpasst. Dafür steht bereits ein Besuch im Juli.

An der Wasserski-Anlage legte ich eine Pause ein und staunte nicht schlecht. Während ich nach knapp 20 Kilometern aussah wie ein müder Pilger, flogen dort Menschen elegant übers Wasser, als hätten sie nie etwas anderes gemacht.

Danach ging es weiter nach Fehmarnsund. Ein Ort, der erstaunlich exklusiv wirkt und trotzdem etwas Dörfliches behalten hat. Viele Häuser wurden hochwertig umgebaut, alles wirkt ruhig, maritim und ziemlich beneidenswert. Ehrlich gesagt mein bisheriger Favorit für einen Urlaub.

Und dann kam sie näher: die Fehmarnsundbrücke.

Lange hatte ich sie vor Augen, jetzt musste ich rüber. Der schmale Weg über die Brücke wurde zum echten Erlebnis. Dutzende Radfahrer kamen mir entgegen, aber keinen einzigen Wanderer habe ich gesehen.

Ich behaupte einfach mal: Zu Fuß gehören nur wenige Verrückte zu dieser Kategorie. Und ja – das Ding wackelt ordentlich. So ordentlich, dass selbst das Toilettenhäuschen der Bauarbeiter festgebunden werden musste. Kein Scherz.

Kurz vor Großenbrode sprach mich dann noch jemand an, ob ich zwei Hunde mit ihrem Besitzer gesehen hätte. Offenbar war eine Frau angegriffen worden. Ein Satz, den man nach 24 Kilometern auf einer Pilgertour auch nicht unbedingt erwartet.

Am Ende standen 24,46 Kilometer auf der Uhr. Und ich bin ehrlich: Ich bin komplett platt. Morgen starte ich deshalb erst gegen Mittag. Der Wetterbericht meldet morgens Regen: Ist mir egal. Ich bin flexibel.

Heute Abend gibt es erst einmal Spargel und dank reichlich Proviant aus der Heimat vermutlich mehr Essen, als nach einer Pilgertour vernünftig wäre. Und bevor ich mich darüber hermache, gibt’s noch noch einen Hafen-Kuss nach Hause für das leckere Proviant

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von neu: fünf lieben Menschen.

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