Die Wetteraussichten für heute waren ungefähr so motivierend wie ein leerer Kühlschrank nach Ladenschluss.
Dauerregen.
Den ganzen Tag.
Trotzdem ging es heute Morgen noch erstaunlich optimistisch los. In Großenbrode schnürte ich die Schuhe, zog die Regenjacke an und redete mir ein, dass Wetter bekanntlich nur eine Frage der Einstellung sei.
Die heutige Strecke führte mich von Großenbrode über Lütjenhof, Seekamp, Öelendorf, Siggen und Süssau bis nach Grube.
Noch vor Seekamp stand am Wegesrand ein einlaminiertes Plakat mit dem Satz:
„Oh mein Gott, deine Entschlossenheit ist riesig.“
In dem Moment dachte ich noch:
Ja, genau. So sieht’s aus.
Rückblickend muss ich allerdings sagen: Wenn ich vorher gewusst hätte, wie sich das Wetter entwickelt, wäre meine Entschlossenheit vermutlich direkt unter der Bettdecke geblieben.
Kurz vor Öelendorf wurde es dann plötzlich historisch. Dort führte der Weg über eine alte Bogensteinbrücke über die Goddersdorfer Au. Ein wunderschöner Ort mit ordentlich Vergangenheit. Schon vor rund 400 Jahren verlief hier eine wichtige Strecke für Pilger.
Auf der Infotafel stand der Satz:
„Über diese Brücke musst du gehen.“
Eindeutig zweideutig.
Wie so vieles im Leben.
Ansonsten zeigte sich Ostholstein heute von seiner gelbsten Seite. Überall Rapsfelder. Kilometerweit. Ein einziges Paradies für Bienen – und vermutlich auch für Allergiker der Endgegner-Modus.
Besonders faszinierend: Der Blütenstaub schwamm in den Regenpfützen und bildete Muster, die aussahen wie diese alten Spirograph-Zeichnungen von früher. Falls jemand unter 40 mitliest: Das waren diese Plastikzahnräder, mit denen man als Kind glaubte, hochkomplizierte Kunstwerke zu erschaffen.
Zwischen Siggen und Süssau wartete dann leider wieder die weniger schöne Seite menschlicher Kreativität. Mitten am Jakobsweg lagen zwei illegal entsorgte Matratzen.
Ernsthaft.
Mitten in der Landschaft.
Ich habe den Fund natürlich direkt dem Kreis Ostholstein gemeldet – inklusive Bitte um Rückmeldung, sobald der Müll entfernt wurde. Wenn schon Pilgern, dann wenigstens mit ein bisschen Ordnungssinn.
Positiv überrascht bin ich weiterhin von der Ausschilderung des Jakobsweges. Die Strecke ist wirklich hervorragend markiert. Selbst bei Regen, Wind und beschlagener Brille findet man zuverlässig seinen Weg.
In Süssau wartete dann das berühmte „Blumenbett“. Und nein – kein Beet. Tatsächlich ein dekoriertes Bett voller Blumen. Skurril, aber irgendwie charmant.
Leider gab es dort auch einen kleinen persönlichen Tiefpunkt des Tages. Der Imbiss samt Krämerladen mit Fischbrötchen schloss bereits um 13 Uhr.
Ich kam natürlich zu spät.
Das ist ungefähr der Moment, in dem man beginnt, seinen gesamten Lebensweg zu hinterfragen.
Doch dann kamen die letzten fünf Kilometer Richtung Grube.
Und genau dort wurde aus einem Wanderer endgültig ein Nasspilger.
Zusätzlich zum Dauerregen kam plötzlich Wind dazu, der eher in die Kategorie „norddeutscher Orkan mit persönlicher Abneigung gegen Fußgänger“ fiel.
Das Wasser schwappte in die Schuhe.
Der Schirm entwickelte die Aerodynamik eines Drachen.
Der Seitenwind schob mich halb über den Weg.
Ich war so nass, dass selbst meine Regenjacke vermutlich innerlich gekündigt hat.
Und ja – ich habe versucht zu reframen. Sehr oft sogar.
„Der Regen ist gut für die Haut.“
„Das ist authentisches Pilgern.“
„Wenigstens staubt es nicht.“
Irgendwann war einfach alles egal.
In Grube angekommen wartete ich dann pitschnass auf den Bus – natürlich ohne Unterstellmöglichkeit. Der Regen kam mittlerweile waagerecht, meine Schuhe machten bei jedem Schritt „platscht“, und ich sah vermutlich aus wie ein gescheitertes Experiment aus einer Outdoor-Werbung.
Vorher stand ich allerdings noch mitten im Blütenschnee der Obstbäume. Ein kurzer, fast kitschiger Moment zwischen völlig durchnässten Socken und innerer Aufgabe.
Jetzt bin ich zurück in Großenbrode.
Und ich freue mich auf etwas, das heute wirklich spirituelle Bedeutung hat:
Eine heiße Dusche nach 23,5 Kilometer.

















Hallo Bernie, ich habe selten so gelacht. Das hast du mit so viel Selbstironie und Poesie geschrieben, Kompliment!!!
Liebe Grüße, Michi