Update zum Ende
Heute früh ging es von zu Hause los.
Den Jakobswegabschnitt von Hannover über Hildesheim bis nach Alfeld bin ich bereits vor einigen Jahren gewandert. Bei der Kulturherberge bei Alfeld trennen sich die Wege: Hier laufen die Via Scandinavica und der Braunschweiger Jakobsweg noch gemeinsam. Den Braunschweiger Jakobsweg habe ich ebenfalls schon komplett geschafft.
Also war heute klar: Ab der Kulturherberge Wernershöhe beginnt für mich wieder neues Jakobsweg-Terrain.
Schon die Anreise war ein kleiner Vorgeschmack auf den Tag. Der Bus fuhr einfach an der Haltestelle vorbei. Hier steigt offenbar so selten jemand aus, dass ich laut „Stopp!“ rufen musste. Hat funktioniert – und so landete ich schließlich bei der Kulturherberge.
Die ehemalige Jugendherberge ist heute eine wirklich schöne Kulturoase mit kulturell-spiritueller Atmosphäre und einer tollen Übernachtungsmöglichkeit für Pilger aus Richtung Hildesheim. Genau der richtige Ort, um ein bisschen runterzufahren. Nur der offene Kühlschrank war leider leer. Schade. Ein Pilger ist schließlich auch nur ein Mensch.
Von dort ging es auf dem alten Rennsteig von Hildesheim bis Wienhausen weiter. Und gleich zu Beginn gab es etwas, das ich lange nicht mehr gesehen hatte: Rehe! So kann der Tag anfangen.
Dann lockte ein Wegweiser zur Irminseule. 2,5 Kilometer hin und zurück – natürlich habe ich den Abstecher gemacht. Der Bereich gilt als frühere vorchristliche Kultstätte, an der insbesondere zu Pfingsten alte Bräuche gepflegt worden sein sollen. Und für alle, die dort ebenfalls hinwollen: Nicht nervös werden – die Säule sieht man wirklich erst kurz vor dem Ziel. Also Geduld!
Vorher ging es noch am Halbtrockenrasen bei Irmenseul vorbei. Eine ökologisch wertvolle, trockene und nährstoffarme Landschaft, auf der spezielle Pflanzen und Tiere zuhause sind.
Anschließend führte der Weg über den alten Kurierweg von Hildesheim nach Winzenburg. Ich war gedanklich schon mitten in einem historischen Film: Pferdekutsche, Hufgetrappel, Peitschenknall – gleich kommt bestimmt noch der Kurier des Zaren.
Kam natürlich keiner.
Dafür verpasste ich den Abzweig.
Also einen Kilometer zurück. Der Wanderbruder auf Zeitreise – leider ohne Navi im Kopf.
Bis Winzenburg war alles bestens. Kaum Höhenunterschiede, schöne Wege, entspanntes Wandern. Ich dachte schon: Heute läuft’s!
Ab Klump wurde es dann interessant. Es ging bergauf, ein Erfrischungsregen setzte ein – eigentlich perfekt. Nur hatte ich leider meine Machete vergessen.
Der alte Kurierweg war dermaßen zugewachsen, dass ich kurz überlegte, ob ich statt zu pilgern besser eine Forstausbildung beginnen sollte. Hohes nasses Gras, Gestrüpp und Brennnesseln – und oben drauf noch Regen.
Zum Glück hatte ich keine kurze Hose an.
Nach etwa vier Kilometern war dann Schluss mit lustig. Wenn die nächsten fünf Kilometer genauso ausgesehen hätten, wäre ich vermutlich erst zum nächsten Jahrhundertwechsel wieder aufgetaucht. Dieser Abschnitt ist derzeit für Pilger und Wanderer aus meiner Sicht nicht vernünftig begehbar.
Also Plan B: über Wetteborn, Ohlenrode, unter der ICE-Strecke hindurch, Dankelsheim und Clus zur Klosterkirche Brunshausen. Leider wird dort gerade renoviert, deshalb kein Einlass. Schade – denn die Anlage wird offensichtlich ordentlich saniert und gleichzeitig für die heutige Nutzung angepasst.
Und dann kam Bad Gandersheim.
Hier wurde 2023 die Landesgartenschau veranstaltet. Die Parks und Wege sind wirklich schön geworden. Nur hatte die Veranstaltung am Ende ein kleines Problem: rund 1,5 Millionen Euro Verlust.
Und jetzt wird es interessant.
Denn wenn man anschließend durch Bad Gandersheim läuft, fragt man sich schon ein bisschen, wo eigentlich die Verantwortlichen unterwegs waren, als es um die kleinen Dinge ging.
Die Hinweisschilder der Landesgartenschau sind inzwischen praktisch verschwunden. Die Wege des Jakobswegs könnten teilweise dringend Pflege gebrauchen. Das Hallensolebad macht einen ziemlich traurigen Eindruck oder ist es sogar geschlossen?
Aber keine Sorge: Für die großen Auftritte ist gesorgt!
Vor der Stiftskirche steht noch die riesige Bühne der Domfestspiele Bad Gandersheim, die gerade erst am Sonntag zu Ende gegangen sind. Zwei Monate Bühne, richtig groß, richtig pompös – da wurde definitiv nicht mit dem kleinen Besteck gearbeitet.
Und daneben?
Eine Altstadt mit jede Menge Leerstand.
Und die Jakobswegpflege scheint eher unter „Wenn noch etwas übrig ist“ zu laufen.
Man könnte also etwas überspitzt sagen: Bad Gandersheim kann große Bühne. Bei den kleinen Nebenrollen hapert es ein bisschen. 😄
Die Landesgartenschau hat gezeigt, dass man hier durchaus große Projekte stemmen kann. Die Domfestspiele zeigen, dass man auch richtig auffahren kann. Vielleicht könnte man irgendwann noch eine dritte Disziplin aufnehmen: Jakobsweg pflegen.
Das wäre dann sogar ohne Eintritt.
Mein Eindruck: Hier wird gerne große Hose getragen – während die kleinen Dinge gelegentlich auf der Strecke bleiben.
Nach 34,7 Kilometern, etwa 600 Höhenmetern bergauf und 750 bergab, waren mir die kommunalpolitischen Feinheiten allerdings zunehmend egal. Meine Hose war nass, mein T-Shirt war nass und die Schuhe waren ebenfalls nass.
Kurz gesagt: Ich war nass.
Eigentlich wollte ich in Bad Gandersheim übernachten. Bei der Planung hatte ich allerdings schon festgestellt, dass die Hotelpreise teilweise ziemlich ambitioniert sind – zumindest für das, was dafür geboten wird.
Also Planänderung: Zug nach Northeim.
Für unter 70 Euro inklusive Frühstück habe ich dort im AS Hotel Northeim ein Zimmer bekommen, das bei Booking hervorragend bewertet wird. Und es ist perfekt.
Morgen früh geht es dann mit dem Zug zurück nach Bad Gandersheim. Von dort wandere ich 26,2 Kilometer zurück bis Northeim und schließe damit diesen kurzen Zweitages-Trip ab.
Heute also: 34,7 Kilometer, 600 Höhenmeter rauf, 750 runter, einmal verlaufen, eine Machete vermisst, vom Regen geduscht und Bad Gandersheim politisch zumindest gedanklich neu vermessen.
Morgen geht’s weiter.
Buen Camino! 🥾
Uodate: Leider waren die Hose und die Schuhe am nächsten Tag noch nicht trocken. Zudem bereichteten andere Pilger, dass der weitere Weg ab Bad Gandersheim häufig nicht ausgeschildert und passierbar ist. Also bin ich nach Hause gefahren.











































