Schon bei der Planung war mir klar:

Heute gehe ich nicht wieder kilometerlang an Landesstraßen entlang. Genug Asphalt, genug Leitplankenromantik. Also entschied ich mich bewusst für den Weg direkt am Elbe-Lübeck-Kanal entlang.
Und genau dort begann einer der verrücktesten Tage dieser Tour.


Morgens startete ich direkt vom Parkplatz am Bahnhof in Büchen hinein ins Grüne. Sofort war da diese Ruhe. Wasser, Schilf, langsam vorbeiziehende Boote und dieses gleichmäßige Tuckern der kleinen Motoren. Der Kanal wirkt fast beruhigend majestätisch. Auf der gegenüberliegenden Seite standen überall Camper mit perfektem Wasserblick. Offenbar bin ich nicht der Einzige, der erkennt, wie schön dieser Abschnitt ist.


Das erste große Highlight war die Schleuse Witzeeze. Ich hätte dort ewig stehen können. Faszinierend, wie riesige Schiffe langsam angehoben werden, als würde jemand gigantische Badewannen bedienen. Früher bauten Menschen solche technischen Meisterwerke ohne Computer, ohne GPS und vermutlich mit sehr viel schlechterem Kaffee als heute.


Weiter ging es Richtung Dalldorf und Basedow. Und dann stand da plötzlich dieses Schild:
„Fahrradweg gesperrt.“


Mein erster Gedanke war natürlich: „Ja gut… aber doch nicht für Pilger.“
Schließlich war Samstag. Keine Baustellengeräusche, keine Arbeiter, keine Maschinen. Ich war überzeugt: Da komme ich schon irgendwie vorbei.
Bis ich direkt vor der Baustelle stand.
Komplett dicht.
Keine Chance.


Kurz überlegte ich tatsächlich umzudrehen. Aber genau in diesem Moment erinnerte ich mich an die Häuser direkt am Wasser. Also ging ich zurück, vielleicht 200 Meter, und entdeckte eine luxuriöse Baustelle direkt am Kanal, deren Garten zum Kanal offen war. Kein normales Haus. Eher Kategorie „hier kostet der Wintergarten und die Terrasse mehr als mein Wohnmobil“.


Und dann begann der wahrscheinlich illegalste Abschnitt meines Jakobswegs.
Ich kletterte die Böschung hoch, marschierte quer über das Grundstück und versuchte dabei möglichst so auszusehen, als würde mir das alles gehören. Mein Puls war plötzlich deutlich höher als beim Wandern.
Oben angekommen wollte ich gerade zur kleinen Verbindungsstraße verschwinden, als plötzlich die Stimme kam:
„Kann ich Ihnen helfen?“


Da stand der Nachbar.
Und dieser Satz klang nicht freundlich interessiert, sondern eher nach: „Ich habe Sie exakt beobachtet, Sie seltsamer Mann mit Wanderschuhen.“
Ich antwortete: „Nein danke, ich finde meinen Weg selbst.“
Daraufhin kam trocken zurück: „Sie wissen aber schon, dass Sie gerade unerlaubt über ein fremdes Grundstück gelaufen sind?“
Ich: „Ja.“
Und ging einfach weiter.
Leider war mein Mund mal wieder schneller als meine Vernunft. Also sagte ich noch: „Der Millionär wohnt ja offenbar noch nicht hier.“
Plötzlich war Ruhe.


Der Nachbar schaute mich an, als hätte ich gerade ein Familiengeheimnis aufgedeckt. Wahrscheinlich begann in seinem Kopf sofort die Rechnung: „Moment… mein Nachbar ist Millionär?!“
Ich musste innerlich so lachen, dass ich froh war, schon ein paar Meter weiterzugehen.


Danach wurde der Weg wieder friedlicher. Am Kanal tauchte ein riesiges Kieswerk auf, bei dem das Material per Förderband direkt auf Schiffe verladen wird. Für irgendetwas muss der Kanal schließlich wirtschaftlich sinnvoll sein. Nur für Freizeitkapitäne mit polierten Deckschuhen wäre er vermutlich ein sehr teures Hobbyprojekt.


Bei Buchholz ging es weg vom Wasser Richtung Lauenburg/Elbe. Im Wald liegen dort tatsächlich noch alte Schmalspurgleise. Offenbar versucht ein Verein, die Strecke wiederzubeleben. Solche Menschen mag ich. Die geben Geschichte nicht einfach auf.


Und dann lag plötzlich Lauenburg vor mir.
Was für eine Stadt.
Verkehrstechnisch zwar ungefähr Dauerstress auf Kopfsteinpflaster, aber die Altstadt ist wirklich beeindruckend. Schmale Gassen, restaurierte Fachwerkhäuser, das berühmte schiefe Haus, das aussieht, als hätte es seit Jahrhunderten leichte Gleichgewichtsprobleme, dazu die imposante Maria-Magdalenen-Kirche hoch über der Stadt.


Hier merkt man sofort, wie wichtig die Elbe früher war. Handel, Schifffahrt, Salzstraße – alles lief hier zusammen. Genau an dieser Stelle mündet auch der Elbe-Lübeck-Kanal in die Elbe.


Besonders beeindruckt hat mich das Ehrenmal „Der Rufer“. Diese Figur schaut ernst und mahnend über den Fluss. Solche Orte treffen einen unterwegs oft stärker als im normalen Alltag.


Von dort hatte ich auch Blick auf die über 140 Jahre alte Hitzler Werft, die tatsächlich bis heute existiert. Irgendwie passt das zu dieser Gegend: viel Geschichte, aber trotzdem noch lebendig.


Danach ging es weiter raus aus Lauenburg in Richtung Hohnstorf und schließlich bis Artlenburg.
Und auf dem Weg kam dann noch einmal pures Deutschlandgefühl auf.

Die Elbbrücke war nämlich für Fußgänger und Radfahrer gesperrt.
Für die etwa 750 Meter über die Brücke gab es allerdings einen regelmäßigen Busverkehr.
Ich wiederhole: Einen Linienbus für 750 Meter.


Das ist so deutsch, dass vermutlich irgendwo heimlich ein Amt stolz darauf ist. Eine Fahrspursperrung für Autos, die dann von Fußgängern und Radfahrern genutzt könnte, kam wohl im Autoland Deutschland nicht in Frage. Da hätten die Autos zu lange an der Ampel stehen müssen.

Am Ende standen heute 24,81 Kilometer auf der Uhr – wobei ich ehrlich sagen muss: Die paar Meter unerlaubter Grundstücksquerung waren vermutlich die aufregendsten der ganzen Tour.


Morgen wartet nun die letzte Etappe bis Lüneburg.
Und ehrlich gesagt merke ich langsam, dass ich mich noch gar nicht richtig auf das Ende vorbereitet habe.

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von neu: fünf lieben Menschen.

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