Heute Morgen ging es zunächst mit dem Wohnmobil nach Neustadt in Holstein – zurück an mein gestriges Etappenziel. Geparkt habe ich stilecht im Industriegebiet. Romantik kann schließlich überall entstehen. Um 8:30 Uhr war ich bereits wieder unterwegs.

Und zwar nicht als Schnecke mit Haus.

Nein.

Eher wie ein norddeutscher Esel mit Jeanshose und leichtem Hang zur Selbstüberschätzung.

Der Start lief erstaunlich flott. Vorbei an der Pohnsdorfer Mühle, eine Pilgerunterkunft direkt an der Straße, und anschließend unter der A1 hindurch. Spätestens dort war klar: Die Via Scandinavia bietet nicht nur Küstenromantik, sondern auch die volle Geräuschkulisse deutscher Verkehrsinfrastruktur.

Laut ist gar kein Ausdruck.

Unterwegs erreichte ich dann Oevelgönne und dort in der Bushaltestelle in einem Stempelkasten den Stempel für die „De bannig Groote Tour“. Allein der Name klingt schon so, als hätte ihn ein Norddeutscher nach drei Kümmeln erfunden. Übersetzt bedeutet das ungefähr „die ziemlich große Tour“.

Der Stempel ist nicht irgendeiner. Nein – hier wird norddeutsche Ingenieurskunst ernst genommen. Der Stempel war mit einem massiven Stahlmechanismus gesichert, vermutlich einbruchsicher bis mindestens Panzerklasse. Während anderswo Kugelschreiber verschwinden, wird hier der Pilgerstempel behandelt wie ein Staatsgeheimnis.

Und ehrlich gesagt: Ich feiere das.

Der Jakobsweg verläuft hier übrigens identisch mit dem Nord-Süd-Trail. Doppelter Wanderweg, doppelte Motivation, doppelte Chance, sich trotzdem mal kurz zu verlaufen.

Weiter ging es vorbei an Siedenkamp und dem Hansano-Bauernhof. Hier kommt also die Milch für den Joghurt her. Man läuft tagelang durch die Landschaft und plötzlich steht man praktisch an der Quelle seines Frühstücks.

In Siedenkamp wurde es dann kurz unerquicklich. Eine Straße ohne Bürgersteig, wenig Verkehr – und trotzdem direkt daneben ein kleines Kreuz mit der Aufschrift:

„Herbert 2016–2025“

Ich mutmaße einfach mal, dass Herbert ein Kater war. Kinder heißen heutzutage eher Liam, Matteo oder Fynn und selten Herbert. Trotzdem irgendwie traurig. Und gleichzeitig auch ein deutlicher Hinweis darauf, wie gefährlich manche Straßenabschnitte selbst für Pilger werden können.

Wenig später stand im Garten eines Hauses dann dieses fantastische Schild:

„Willkommen lieber Einbrecher! Gerne nehmen wir Deine Organspende entgegen.“

Dazu noch die Hinweise:

  • ohne Wartezeit
  • ohne Narkose
  • zu jeder Tageszeit

Norddeutscher Humor. Freundlich formulierte Morddrohung.
Ich musste wirklich lachen.

Danach führte der Weg vorbei an wunderschönen reetgedeckten Bauernhäusern in Stawedder. Genau diese alten Höfe machen die Strecke besonders. Alles wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen – ruhig, bodenständig und erstaunlich gepflegt.

Und dann kam Luschendorf.

Ganz ehrlich: Wer einen Ort „Luschendorf“ nennt, darf sich nicht wundern, wenn Wanderer automatisch langsamer werden. Das klingt nicht nach Leistungszentrum, sondern eher nach einem Dorf, in dem man sich kollektiv nachmittags zum Verdauungsschlaf verabredet.

Ab dort ging es leider lange entlang der Landesstraßen L102 und L309.

Und das war heute wirklich der schwächste Abschnitt.

Viel Verkehr. Sehr viel Verkehr. Offenbar war ganz Norddeutschland auf dem Weg ins verlängerte Vatertagswochenende. Autos, Wohnwagen, Motorräder – dazu zwei Stunden Nieselregen und kilometerlang Asphalt neben Leitplankenromantik.

Spätestens dort dachte ich mehrfach: Vielleicht wäre die alternative Strecke über Scharbeutz doch die klügere Entscheidung gewesen.

Aber Pilgern lebt bekanntlich auch von den Wegen, die man hinterher anders planen würde.

In Pansdorf kam ich schließlich am „Krug zum grünen Kranze“ vorbei. Sofort hatte ich das alte Lied im Kopf:

„Da kehr ich durstig ein …“

Problem nur: Der Krug hatte geschlossen.

Das passte irgendwie perfekt zum Tag.

Weiter ging es über Techau und Ratekau bis nach Bad Schwartau.

Dort begegnete mir direkt das Denkmal von Thomas Mann. Durch die „Buddenbrooks“ wurde die Region literarisch weltberühmt. Die feine norddeutsche Gesellschaft, Familiengeschichten, Wohlstand und Zerfall – alles irgendwie passend zu diesen alten Städten zwischen Ostsee und Backstein.

Ich selbst verbinde Bad Schwartau allerdings deutlich pragmatischer mit Marmelade.

Für mich ist das hier die heimliche Hauptstadt der Konfitüre.

Wobei ich ehrlich sagen muss: Gegen die selbstgemachte Marmelade meiner Frau hat selbst Bad Schwartau keine echte Chance. Wir haben davon zu Hause mittlerweile Vorräte für ungefähr drei Jahre.

Man weiß ja nie.

Vielleicht kommt irgendwann der große Marmeladennotstand.

Am Ende standen heute 28,16 Kilometer auf der Uhr.

Mit Sonne.
Mit Nieselregen.
Mit Verkehrslärm.
Mit Stahlstempeln.
Und mit der Erkenntnis, dass Pilgern manchmal irgendwo zwischen Küstenidylle und Bundesstraßenrealität stattfindet.

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von neu: fünf lieben Menschen.

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