Heute Morgen um 6:30 Uhr war die Entscheidung schnell gefallen. Ich schaute aufs Regenradar und stellte fest: 15 Liter Regen pro Quadratmeter in den nächsten vier Stunden. Nach gestern hatte ich ungefähr die gleiche Motivation wie ein nasser Pudel. Noch einmal wollte ich mich nicht freiwillig in einen norddeutschen Waschlappen verwandeln.
Also blieb ich erst einmal vernünftig. Zumindest kurz.


Erst um 10:30 Uhr ging es schließlich los – von Grube Richtung Cismar. Und plötzlich zeigte sich die norddeutsche Tiefebene von ihrer schönsten Seite. Weite Landschaften, ruhige Wege, gelber Raps, grüne Felder und dieser Himmel, der ständig so aussieht, als würde er entweder gleich aufreißen oder erneut explodieren.


In Cismar führte mich der Weg zur Gedenkstätte zur Aufhebung der Leibeigenschaft am Kloster. Ein bemerkenswerter Ort. Hier wurde daran erinnert, dass in Ostholstein bis ins 19. Jahrhundert hinein viele Bauern unfrei waren und von Gutsherren abhängig lebten. Erst die Aufhebung der Leibeigenschaft brachte langsam mehr Selbstbestimmung für die Menschen.


Wenn man dort steht und heute freiwillig mit Rucksack über diese Wege läuft, bekommt Freiheit plötzlich eine tiefere Bedeutung. Gerade als gläubiger Mensch spüre ich unterwegs immer wieder Dankbarkeit dafür, selbst entscheiden zu dürfen, wie ich lebe und meinen Weg gehe.


Danach ging es weiter Richtung Lensterstrand – vorbei am Wohnmobilstellplatz, auf dem ich vor vielen Jahren schon einmal mit meiner Frau ein Wochenende verbracht habe. Damals war es gemütlich. Heute schon komplett ausgebucht.
Vatertag steht vor der Tür. Deutschland bereitet sich offenbar flächendeckend auf Grillgut und Kontrollverlust vor.


Dann kam Grömitz.
Und ich muss ehrlich sagen: Die haben sich hier richtig herausgeputzt. Promenade, Strand, gepflegte Häuser, Blumen, Cafés – alles geschniegelt wie ein Ostseebad im Bewerbungsgespräch. Für mich tatsächlich ein kleiner Geheimtipp an der Küste.


Besonders schön: Selbst direkt am Strand verläuft offiziell der Jakobsweg. Ich pilgerte also tatsächlich mit Meerblick über den berühmten Längengrad von Grömitz. Nicht jeder Jakobsweg führt an Fischbrötchenbuden und Strandkörben vorbei.
Hinter Grömitz wurde es dann richtig stark.
Der Weg Richtung Pelzerhaken führte oben über den Küstenkamm entlang. Rechts leuchtend gelber Raps. Links tiefblau die Ostsee. Dazwischen ein schmaler Weg und erstaunlich viel Ruhe im Kopf.
Wenn es einen Abschnitt gab, der die Seele durchlüftet, dann diesen.


Über den Waldfriedhof ging es weiter. Dort entdeckte ich überall violette Ölkäfer – diese seltsam schillernden Tiere, die aussehen, als hätte jemand Käfer mit Metallic-Lack bestellt.


Eigentlich wich ich anschließend vom offiziellen Jakobsweg ab und blieb einfach auf dem Küstenweg. Das Kuriose daran: Trotzdem tauchten ständig weiter Jakobsweg-Schilder auf. Entweder war ich genial unterwegs oder das Wegesystem hatte selbst kurz Orientierungsschwierigkeiten. Aber ehrlich gesagt: Die Strecke am Wasser war einfach schöner. Vielleicht ist das längst die bessere Variante.


Unterwegs tauchte plötzlich noch ein Kriegsschiff draußen auf der Ostsee auf. Ein merkwürdiger Kontrast zu den friedlichen Küstenwegen. Während ich durch Rapsfelder wanderte und Möwen hörte, zog draußen grauer Stahl durchs Wasser.


In Rettin legte ich eine Kaffeepause ein. Ein wunderschönes Café mit direktem Blick aufs Meer.
Und ich war der einzige Gast.
Das wirkte fast gespenstisch. Vor einiger Zeit hatte ich gelesen, wie schwer viele Restaurants und Cafés aktuell kämpfen müssen. Der Steuerberater des Besitzers soll sogar gesagt haben, dass noch eine große Insolvenzwelle auf die Branche zukomme.
Wenn man dann allein mit seinem Kaffee auf die Ostsee schaut, bekommen solche Sätze plötzlich Gewicht.


Danach fotografierte ich noch den markanten Fernmeldeturm von Pelzerhaken – irgendwo zwischen Wahrzeichen, Raketenbasis und überdimensionierter Thermoskanne.


Und dann ging es schnurstracks weiter nach Neustadt in Holstein.
Laut. Voll. Verkehr. Menschen.
Nach den stillen Küstenwegen wirkte Neustadt fast wie ein kleiner Realitätsschock.
Am Ende standen 31,01 Kilometer auf der Uhr.
Ganz ehrlich: Was für eine Strecke.


Danach folgte allerdings noch eine ganz eigene Pilgerprüfung: 1,5 Stunden Busfahrt mit 39 Haltestellen und 212 Milchkannen zurück nach Grube. Ich glaube, meine Beine wussten zwischenzeitlich selbst nicht mehr, ob sie noch laufen oder schon sitzen.


Besonders gefreut habe ich mich heute über die Reaktionen im Pilgerforum. Nach meinem gestrigen Totalregen kamen plötzlich Segenswünsche aus allen Richtungen. Thor möge mich vor Regen und Donner bewahren, Ra reichlich Sonne schicken und Petrus ebenfalls ein Auge auf den Weg haben.
Ich musste darüber wirklich lachen.
Und gleichzeitig fand ich es schön, wie offen und herzlich das geschrieben war. Aus der Community berichtete ein Teilnehmer aus einem katholischen Priesterseminar, dass der Leiter dabei eine wohltuende Offenheit gegenüber anderen Sichtweisen und Symbolen zeigte. So wünsche ich mir Glauben: nicht eng, nicht abgrenzend, sondern freundlich, interessiert und mit einem offenen Blick auf die Welt.
Und das Erstaunliche:
Heute hat das mit dem Wetter tatsächlich funktioniert.
Vielleicht macht Petrus ja wirklich ökumenische Außendienste.

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von neu: fünf lieben Menschen.

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