Gestern Abend haben Thomas und ich wieder einmal festgestellt: Pläne sind wie Blasen – sie entstehen ständig, tun manchmal weh und ändern gerne spontan die Richtung. Also beschlossen wir, nicht in Bad Wimpfen Schluss zu machen, sondern gleich nach Bad Rappenau durchzuziehen, damit wir am Samstag entspannt und ohne Hetze zum großen Fußballtag und dem Spiel Hoffenheim gegen den HSV kommen. Dafür durften unsere Beine heute dann völlig selbstverständlich 30,58 Kilometer und 456 Höhenmeter leisten. Ein kleines Dankeschön gab’s nicht, aber sie tragen uns noch – meistens.
Dass am Ende die Zahl nicht deutlicher über 30 lag, lag einzig daran, dass wir zweimal „wir kennen da eine Abkürzung“ gespielt haben. Die erste davon war so spektakulär unklug, dass es schon wieder lustig war: Matschwege vom Feinsten, Extrahöhenmeter, Schlupfpassagen – und ich, der selbstverständlich mit beiden Barfußschuhen voll reintritt. Aber richtig voll. Schuhe im Endstadium, absolut unlauffähig, eine einzige glitschige Biowaffe. Tatsächlich laut darüber gelacht und die Schuhe bis zum bitteren Ende getragen. Abends dann Hochdruckwäsche mit dem Duschstrahl während ich mich fragte, warum meine Entscheidungen so oft nach Humoreinlage klingen. Unglaublich, was in einen Schuh alles reinpasst: eine Rolle Toilettenpapier zum Trocknen…
In Herbolzheim trafen wir Patrick und seinen Sohn Stefan. Ein großartiges Duo. Patrick, Amerikaner, seit 40 Jahren in Deutschland, und seit 1991 besitzt er einen Jeep, der damals quasi schon ein Oldtimerpatient war. In liebevoller Bastelarbeit haben sie ihn wiederbelebt – und heute gab’s sogar einen neuen Auspuff, natürlich selbst angebracht. Nach der Kirche, am steilen Aufstieg, schraubten sie entspannt vor sich hin und erzählten uns von Politik, Familie und dem transatlantischen Wahnsinn. Ein Bruder Demokrat, der andere Republikaner – wenn die beiden im nächsten Jahr nach Deutschland kommen, braucht Patrick wahrscheinlich eher einen Bunker als einen Jeep. Ganz nebenbei ging es um Zölle, Firmen, Verbraucher, John Deere, den EU-Markt und einen riesigen amerikanischen Trecker mit Raupenkette, den Thomas fotografiert hat. Ein Gerät wie ein Panzer, aber für Mais. Wie hoch die Zölle sind? Keine Ahnung. Aber hoch genug, dass alle darüber schimpfen.
Der Tag bot grandiose Ausblicke über Heilbronn und Neckarsulm – Heimat von Lidl, man glaubt ja gar nicht, wie präsent diese Marke plötzlich wirkt, wenn man 8 Stunden lang wandert. Und dann sahen wir zum ersten Mal den berühmten blauen Turm von Bad Wimpfen – „keine Moschee, aber ein blaues Dach“, wie man hier sagt. Der Aufstieg in die Altstadt war steil, aber jeder Schritt lohnte sich. Die Altstadt wurde dieses Jahr zur schönsten Altstadt Deutschlands gewählt – völlig zurecht. Und der Weihnachtsmarkt? Eine Mischung aus Märchen, Duftwolke und Komplettüberfüllung. Hotels alle voll, sogar das Malteser Kloster. Keine Chance. Nicht mal ein Notbett für Pilger. Tja, Wirtschaftlichkeit schlägt Nächstenliebe. Gelernt ist gelernt.
Ich gönnte mir ein herrliches Fladenbrot bei Jörg und Birgit, die die Hütte vor dem Kräuterweible betreiben. Thomas mampfte Pommes, beide glücklich. Glühwein gab’s nur im eigenen Becher oder im gekauften. Zum Glück hatte ich meine Thermokanne dabei – und nein, ich habe diese NICHT mit Glühwein gefüllt. Auch wenn das jetzt wirklich naheliegend wäre. Jörg und Birgit waren so begeistert von unserer Wanderstory, dass sie uns gleich einen Tipp für die letzten Kilometer gaben. Perfekt. Eine Art Sprintstrecke, und wir kämpften uns weiter Richtung Bad Rappenau.
Am Ortsausgang von Wimpfen tauchte plötzlich ein topmoderner Lidl-Bürokomplex auf. Eine Tochter von Thomas arbeitet bei Lidl. Hauptsitz ist in Neckarsulm – wir sind praktisch durchs Firmengelände marschiert, nee, das ist noch ein bisschen weiter weg. Und wo wir gerade bei großen Namen sind: Das Stadion von Hoffenheim heißt PreZero Arena, seit 2019. Nachhaltigkeitskonzept, Zero Waste, alles chic. Und PreZero gehört – wer hätte es gedacht – zu Lidl. Lidl verfolgt uns heute wirklich überall.
Zum Abendessen gab es ein halbes Hähnchen. Mehr nicht, aber völlig ausreichend für den Zustand unserer Körper. Ich übernachte im Hotel am Schafbaum im Industriegebiet – neu, modern, praktisch. Die telefonische Anweisung war herrlich unkompliziert: „Zimmer 11, Schlüssel steckt innen. Geld einfach auf den Tisch legen.“ Perfekt für Wanderer, die nach 30 Kilometern nur noch eine funktionsfähige Tür brauchen.
Und dann – ich schwöre, ich kann mir das nicht ausdenken – passiert es wieder: Mitten im Telefonat mit meiner Frau Renate fällt mir ein Implantat raus. Einfach so. Das hatte ich schon einmal, allerdings bei einer anderen Wanderung. Diesmal ein anderes Implantat. Und morgen ist Wochenende. Natürlich. Kein Zahnarzt weit und breit. Das Schicksal hat Humor. Und ja, am Telefon kann meine Frau mir keinen Zahn rausschlagen – aber die Vorstellung brachte uns beide zum Lachen.
Morgen geht’s früh los. 7:45 Uhr. Beine müde, Herz voll, Schuhe sauber genug, um weiterzulaufen. Und der Fußball ruft.


































