Teilabschnitt des Jakobswegs von Frankfurt (Oder) nach Leipzig

Die Nacht verbrachte ich standesgemäß im Wohnmobil auf dem Parkplatz am Rathaus von Müllrose, direkt vis-à-vis vom Bahnhof. Pilgerromantik trifft Pendlerrealität – besser kann man einen Wandertag eigentlich nicht beginnen.

Am Morgen ging es zunächst durch das Zentrum von Müllrose, vorbei am wunderschönen Erholungsgebiet Schlaubetal mit seinem riesigen See. Ruhiges Wasser, klare Luft, perfekte Bedingungen. Alles deutete auf einen harmonischen Wandertag hin. Wirklich alles.


Der Jakobsweg – oder: Suchspiel mit GPS

Der Jakobsweg ist hier bekanntlich noch nicht ausgeschildert. „Nicht ausgeschildert“ bedeutet in der Praxis: Der Weg existiert theoretisch. Praktisch verfranst er sich gelegentlich wie ein alter Wollpullover.

Und plötzlich stand ich vor einem Zaun.

Ende Gelände. Keine Lücke, kein Durchgang, kein Pilgerbonus. Also blieb nur eines: umdrehen. Ergebnis: vier Kilometer Ehrenrunde, sorgfältig gesammelt und gewissenhaft abgelaufen.

Das Beste kam natürlich danach.

Nach dem großen Umweg erreichte ich exakt die Stelle, an der ein umgestürzter Baum den Zaun längst plattgedrückt hatte. Durchgang frei. Umweg komplett unnötig. Der Jakobsweg lehrt Demut – und gelegentlich auch Ironie.


Willkommen in Merz – dem saubersten Ort Deutschlands

Weiter ging es nach Merz. Ja, genau: Merz. Unser Bundeskanzler heißt schließlich Friedrich Merz, und offensichtlich besitzt er hier seinen eigenen Ort.

Anders lässt sich der Zustand dieses Dorfes nicht erklären.

Ich habe noch nie einen so sauberen Ort gesehen. Grünflächen geschniegelt, Nutzflächen geschniegelt, Wege geharkt, kein Müll, nicht einmal ein verirrtes Bonbonpapier. Hier wurde Ordnung nicht nur eingeführt – hier wird sie gelebt.

Natürlich musste ich nachfragen, ob Friedrich Mitglied der örtlichen Feuerwehr ist. Die Kameraden waren sehr fleißig, aber nein – er gehört nicht dazu. Offenbar hat er mit Feuerwehren weniger zu tun, unterstützt aber immerhin die Ehrenamtlichkeit. Man muss Prioritäten setzen.

Kurz gesagt: Merz ist ein Vorzeigeort für unseren Kanzler.

Storchennester gibt es übrigens sowohl in Merz als auch in Ragow. Noch leer. Die Störche kommen erst jetzt im März zurück – der Winter war ihnen schlicht zu kalt. Verständlich.


Vormittagsbilanz

Bis zum Bahnhof Beeskow standen am Ende der ersten Etappe 21,34 Kilometer auf der Uhr. Von dort ging es mit dem Zug zurück nach Müllrose, das Wohnmobil wurde eingesammelt und nach Beeskow umgesetzt. Pilgern mit Logistik – eine eigene Disziplin.


Nachmittagsrunde: Siehdichum gibt es wirklich

Die zweite Tageshälfte begann direkt mit einem Wegweiserschild nach Siehdichum. Kein philosophischer Hinweis, sondern tatsächlich ein Ortsname. Der Jakobsweg hat Humor.

Vom Bahnhof Beeskow ging es über Kohlsdorf nach Stremmen – Ruhe, Sonnenschein und perfektes Wanderwetter. Brandenburg zeigte sich heute von seiner entspannten Seite.

In Stremmen wartete dann ein Hofladen, und damit ein Moment, in dem jede Selbstdisziplin endete. Eingekauft wurden:

  • Mohn-Marzipan-Joghurt
  • Holunder-Minze-Joghurt
  • Bockwürstchen direkt vom Hof

Pilgern ist schließlich Hochleistungssport.

Mit dem Bus ging es anschließend zurück zum Bahnhof Beeskow, der heute auch mein neuer Übernachtungsplatz im Wohnmobil ist – inklusive frisch angelegtem Parkplatz.


Tagesbilanz

  • 21,34 km Vormittagswanderung
  • 9,64 km Nachmittagswanderung
  • 30,98 Kilometer gesamt

Ein Tag mit allem, was dazugehört: falsche Wege, unnötige Umwege, perfekte Dörfer, leere Storchennester, überraschende Ortsnamen und kulinarische Höhepunkte aus dem Hofladen.

Der Jakobsweg zeigt weiterhin zuverlässig: Planung ist wichtig. Realität ist besser.

Morgen geht’s weiter.

Buen Camino
Der Wanderbruder

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von neu: fünf lieben Menschen.

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