Teilabschnitt des Jakobswegs von Frankfurt (Oder) nach Leipzig

Manchmal beginnt ein Wandertag nicht mit Vogelgezwitscher, sondern mit einem technischen Defekt.

6:00 Uhr.
Die Nacht war abrupt vorbei. Gasflasche leer. Heizung aus. Wohnmobil kalt.
Pilgern bildet – vor allem in Improvisation. Also raus aus der Bettdecke, Gasflasche gewechselt, Heizung wiederbelebt und als Zeichen zivilisatorischer Überlegenheit einen heißen Kaffee gekocht. Ordnung wiederhergestellt.

Eigentlich hätte ich heute ausschlafen können. Der Bus zum Startort fuhr erst um 9:15 Uhr. Doch mein Kopf war längst unterwegs.


Literatur am Morgen – bevor die Kilometer kommen

Vor zwei Wochen, im Djerba-Urlaub, hatte ich Martin Suters Roman „Melody“ gelesen. Darin lebt Alt-Nationalrat Dr. Stotz in einer Villa am Zürichberg, umgeben von Porträts einer jungen Frau. Melody war einst seine Verlobte, verschwand kurz vor der Hochzeit – vor über 40 Jahren – und ließ ihn nie los. Ein junger Mann soll seinen Nachlass ordnen und beginnt gemeinsam mit Stotz’ Großnichte Laura nachzuforschen. Wahrheit und Fiktion geraten gefährlich nah beieinander.

Vielleicht ist das das Gemeinsame von Literatur und Pilgern: Man geht los – und weiß nie genau, was wirklich war und was man sich selbst erzählt.

Heute Morgen begann ich direkt das nächste Suter-Buch auf meinem Tolino: „Einer von Euch – Bastian Schweinsteiger“, frisch aus der Stadtbibliothek heruntergeladen. Ich kam bis zur Einschulung. Dann wurde es ernst. Der Bus hätte mich beinahe ohne mich mitgenommen. So fesselnd kann Entspannung sein.


Tag 3 – von Stremmen nach Lübben

Start in Stremmen. Und natürlich zuerst noch einmal in den Hofladen. Gestern hatte ich Mohn/Marzipan- und Holunder-Minze-Joghurt restlos vernichtet. Heute also Nachschub: Pfirsich/Maracuja und wieder Holunder-Minze. Der legendäre Mohn/Marzipan? Ausverkauft. Offenbar pilgern hier noch andere Genießer.

Dann ging es los: über die altertümliche Spreebrücke bei Briescht, weiter durch Wiese, Klein Leuthen, Biebersdorf bis nach Lübben.

Kurz nach Briescht tauchte das erste Jakobsweg-Schild auf. Es fühlte sich falsch an und wich von meinen Tracks ab. Da der Weg hier noch nicht durchgehend ausgeschildert ist, blieb ich meiner digitalen Linie treu. Vertrauen ist gut, GPS ist besser.


Frühling mit Nachdruck

Der Tag entwickelte sich zu einer einzigen Liebeserklärung an den März. Ein Specht klopfte konzentriert gegen einen Stamm. Vögel zwitscherten im Chor. Zwei Kraniche stritten lautstark miteinander – vermutlich über Revierfragen oder Beziehungsdetails. Kaiserwetter.

Der sandige Boden erinnerte stellenweise eher an Strand als an Brandenburg. Am Leuthener See führte der Weg durch traumhafte Waldabschnitte, Naturschutzgebiet für Störche und Kraniche. Drei weitere Jakobsweg-Schilder – Nummer 2 bis 4– stark verblasst, fast wie historische Relikte einer künftigen Pilgerkultur.

Dann der Kontrast: vorbei am Bundeswehrdepot OST – Sanitätsmateriallager Spreewald-Kaserne in Krugau. Zwischen Kiefern, Kranichen und militärischer Logistik. Brandenburg kann alles.


„Ufer Frei!“ – und warum sie recht haben

Immer wieder sah ich Zeichen der Initiative „Ufer Frei!“, das blaue Andreaskreuz an Zäunen. Eine Bürgerbewegung, die sich für freien Zugang zu See- und Flussufern einsetzt – gegen Privatisierung und gegen Zäune bis ins Wasser.

Während ich an mehreren Seen vorbeiging, die eben nicht für jedermann zugänglich waren, wurde klar: Sie haben recht. Natur sollte kein Exklusivbereich sein.


35,34 Kilometer – ein Hammer von Wandertag

Am Ende standen 35,34 Kilometer auf der Uhr. Sand in den Schuhen, Sonne im Gesicht, Gedanken sortiert.

Jetzt sitze ich im Zug zurück nach Beeskow. Die Beine spüren den Tag, der Kopf ist klar. Vielleicht lese ich gleich weiter – irgendwo zwischen Einschulung und Nationalmannschaft.

Der Morgen begann kalt.
Der Tag wurde weit.
Und irgendwo zwischen Kranichrufen und Joghurtregal war wieder dieses Gefühl:

Ich bin genau richtig unterwegs.

Buen Camino
Der Wanderbruder

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von neu: fünf lieben Menschen.

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