Manchmal merkt der Körper sehr deutlich, was er am Vortag geleistet hat. Nach den 35 Kilometern gestern war bei mir relativ früh Sendeschluss. Eigentlich wollte ich noch ein bisschen lesen – der Tolino lag schon bereit – aber irgendwo zwischen zwei Seiten bin ich einfach eingeschlafen. Ergebnis: 10,5 Stunden Schlaf im Wohnmobil. Pilgern ist offenbar auch eine hervorragende Schlaftherapie.
Am Morgen dann das Wohnmobil nach Lübben umgesetzt. Der Startpunkt für den heutigen Abschnitt.
Begegnung mit der Vergangenheit – und mit Mist
Kaum unterwegs, begegnete mir ein landwirtschaftliches Gerät, das sofort Erinnerungen auslöste: ein Miststreuer hinter einem John-Deere-Trecker.
Mein Pilgerfreund Thomas, den ich im Urlaub kennengelernt habe, hat lange bei John Deere gearbeitet. Kurz dachte ich also an ihn – und dann kam die Realität.
Der Trecker verteilte großzügig seine Ladung über die Felder.
Für mich bedeutete das: 30 Minuten Pilgern im Duft frisch verteilter Landwirtschaft.
Es gibt Gerüche, die bleiben. Leider.
Spreewald-Wälder – aufgeräumt wie früher
Die Wälder hier im Spreewald wirken erstaunlich ordentlich. Fast leergefegt. Kaum herumliegendes Holz, kaum Durcheinander.
Das erinnerte mich sofort an früher: Wenn ich mit meinen Eltern und Geschwistern im Wald Holz sammeln war. Mit Leseschein durfte man bestimmte Mengen Holz holen. Klingt romantisch – war aber vor allem eins: Mordsarbeit.
Alles musste aus dem Wald herausgeschleppt werden.
Mit Bollerwagen.
Damals war das Alltag. Heute wirkt es wie eine Szene aus einer anderen Zeit.
Barfußschuhe und digitale Pilgertechnik
Ich bin übrigens wieder mit meinen Barfußschuhen unterwegs. Perfekt. Keine Blasen, keine Druckstellen – und nach inzwischen vielen Kilometern fühlen sich die Füße immer noch erstaunlich gut an.
Der Weg führte auch unter der Autobahn A13 hindurch. Danach tauchten wieder einige Wegweiser auf – diesmal mit Hinweis auf die Niederlausitz.
Zur Orientierung nutze ich übrigens die Locus-App auf dem Smartphone. Die Tracks stammen von
https://www.deutsche-jakobswege.de/wege-uebersicht.html
Ohne diese digitalen Helfer wäre dieser Jakobsweg aktuell deutlich komplizierter zu gehen.
Ein T-Shirt mit Botschaft
Mitten auf dem Weg begegnete mir eine Frau mit einem bemerkenswerten T-Shirt. Darauf stand in großen Buchstaben:
BALLERN
Zur Einordnung: Der Begriff stammt aus der Streetwear- und Clubszene. Er steht umgangssprachlich für intensives Feiern, Techno, Rave-Kultur und Nächte, die erst am Morgen enden.
Ich habe euch das Foto der Dame bewusst vorenthalten.
Sagen wir es so: Sie hatte das Thema „Ballern“ schon einige Jahre lang intensiv studiert.
Märkische Heide, märkischer Sand
Gestern hatte ich über den Sand in Brandenburg geschrieben. Daraufhin bekam ich einen Hinweis von Raudi.
Im berühmten Brandenburg-Lied heißt es schließlich:
„Märkische Heide, märkischer Sand.“
Danke für den Hinweis, liebe Raudi.
Übrigens ist sie 82 Jahre alt, bei uns im Sportverein immer noch Schriftführerin – und wirkt locker 20 Jahre jünger. Außerdem der ruhige Pol im Verein. Es ist beruhigend, solche Menschen im Umfeld zu haben.
Der Weg des Tages
Heute führte der Abschnitt von Lübben nach Luckau:
Lübben
Treppendorf
Neuendorf
Terpt
Alteno
Cahnsdorf
Luckau
Unterwegs viel Sand, viel Himmel und diese typische Weite der Niederlausitz.
Tagesbilanz
21,6 Kilometer
Durchschnitt: 5 km/h
Nach dem gestrigen langen Tag genau das richtige Tempo.
Manchmal braucht es keinen spektakulären Moment.
Es reicht ein langer Schlaf, ein aufgeräumter Wald, ein stinkender Miststreuer und ein T-Shirt mit ehrlicher Botschaft.
Und irgendwo dazwischen läuft man einfach weiter.
Buen Camino
Der Wanderbruder













