Die Nacht im „Krankenhaus“ – unserer Pension im Tal – haben wir tatsächlich überlebt. Ich musste fast quer im Bett schlafen, weil am Fußende eine Wand eingebaut war. Wer das konstruiert hat, wollte vermutlich sicherstellen, dass große Menschen nachts Demut lernen. Aber egal – nach einem ordentlichen Frühstück inklusive Jakobsmuschel-Brötchen war der Bewegungsapparat wieder halbwegs einsatzbereit und Thomas und ich stapften los.

In Schrozberg liefen gerade die Weihnachtsmarkt-Vorbereitungen. Der ganze Ort wirkte wie ein Bühnenbild, das darauf wartet, dass gleich jemand „Licht an!“ ruft. Schloss, Innenhof, Lichterketten – ein Ort, der schon morgens gute Laune macht.

Auf dem Weg nach Simmetshausen landeten wir erneut an einer dieser legendären Multifunktions-Bushaltestellen. In Baden-Württemberg werden Haltestellen nicht einfach Haltestellen – sie werden Dorfzentren, Kneipe, Wohnzimmer und wahrscheinlich manchmal auch politischer Krisenstab. Die Dorfbewohner räumten gerade die Reste der Glühweinparty vom Vorabend weg. Wir rasteten kurz – Getränke leider Fehlanzeige, aber wir wollten ohnehin weiter, bevor der Restalkohol der Luft uns umhaut.

Danach entschieden wir uns für den direkten Weg nach Mulfingen. Direkt heißt: hoch, runter, schräg, unklar, aber mit gigantischem Ausblick. Auf dem Berg stand ein Startplatz für Paragleiter – wir Pilger zu Fuß, andere Pilger per Luftfracht.

In Mulfingen gönnten wir uns eine Pause im Supermarkt – Café, bevor wir entlang der Jagst, ein mitreißender Fluß, weiterzogen. Dort trafen wir den kleinen Kraft – offiziell Nachname Kraft, inoffiziell „der Kleinste hier“, wie er selbst lachend sagte. Aber zumindest hatte er Kraft, er war ja Waldarbeiter. Er bat uns, seine ehemalige Mitschülerin Irene, die Inhaberin der Pension Panni, zu grüßen. Wir ahnten da noch nicht, dass später in ihrer Pension unsere Seele auf links gedreht werden würde.

Doch vorher stoppten wir aber in Ailringen zum Essen. Pizza unter zehn Euro, frisch gezapftes Bier für 3,50 Euro. Thomas sagte nur: „Hier ist die Welt noch in Ordnung.“ Und recht hatte er. Denn in dieser Pizzeria erlebten wir außerdem die unsterbliche Stammtisch-Truppe. Seit vielen Jahren treffen sie sich fünfmal die Woche zum Knobeln. Gespielt wird Chicago (*)– verlieren bedeutet Cola-Whisky oder Cola-Weinbrand. In anderthalb Stunden sechs Runden. Und dann hörten wir tatsächlich ein Auto starten. Dorfkinder eben. Die härter im Nehmen sind als jeder Marathonläufer.

Die letzten vier Kilometer marschierten wir in völliger Dunkelheit, nur Thomas’ Stirnlampe leuchtete wie ein einsamer Leuchtturm. Gegen 19 Uhr erreichten wir die Pension Panni – 28,01 Kilometer für den Tageszähler. Geplant waren… deutlich weniger. Aber planen kann ja jeder.

Und dann kam Irene. Was für eine Wirtin. Was für ein Mensch. Wir sahen ein Buch „Mein liebes Frauchen“ auf der Kommode. Herausgeberin Irene Panni. Es erzählt von einer Kiste voller Briefe, die sie auf dem Dachboden gefunden hatte. Liebesbriefe zwischen ihren Eltern, geschrieben nach dem Zweiten Weltkrieg. Wochen ohne ein einziges Lebenszeichen, Hoffnung, Angst, Sehnsucht – alles auf Papier. Wir hatten Gänsehaut, obwohl wir eigentlich nur duschen wollten.

So saßen wir da – zwei müde Pilger – und blätterten in einem Stück Familiengeschichte, das ehrlicher war als alles, was man auf diesem Weg sonst vor die Füße bekommt.

Ein langer Tag. Ein schwerer Tacho. Ein warmes Herz. Und Geschichten, die man nicht erfindet, sondern geschenkt bekommt.

(*) Chicago knobeln“ (auch „Chikago“ genannt) ist ein beliebtes deutsches Würfelspiel, bei dem es darum geht, durch geschicktes Würfeln mit drei Würfeln einen höheren Wert als der Vorgänger zu erreichen.

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von neu: fünf lieben Menschen.