Heute war einer dieser Tage, die sich leise anschleichen und am Ende ganz tief sitzen. Ich hatte einen privaten Wanderführer. Thomas lebt hier, und wenn jemand eine Gegend kennt, dann so. Jeder Weg, jede Kurve, jede Geschichte hatte plötzlich Bedeutung. Kein bloßes Vorbeigehen, sondern echtes Verstehen.
Los ging es in Sinsheim mit der Skulptur Wetzsteinspucker. Eine Sense wird geschärft, der Schleifer spuckt auf den Stein, damit er nicht zu heiß wird. Einfach, logisch, jahrhundertealt. Genau diese Bodenständigkeit passte perfekt zu diesem Morgen.
Am Stadtausgang dann der Bruch. Verfallene Häuser, geschlossene Wirtschaften, Orte, aus denen das Leben langsam verschwunden ist. Man läuft hindurch und spürt, dass hier früher mehr war.
In Dühren kamen wir an der Wohnung von Felice, die gestern auch mit beim Fußball war, vorbei, der Tochter von Thomas. Sonntagmorgen, kurz nach neun. Ich hatte diesen kindlichen Impuls: Klingeln, weglaufen, lachen. Eine harmlose Klingeljagd wie früher. Thomas blieb ernst. Der Vater in ihm war sofort da. Und irgendwie war genau das auch schön. Schutz, Nähe, Verantwortung – alles in einem kurzen Moment.
In Eichtersheim dann dieser große Kurpark mit seinen schrägen Kunstwerken. Der dreibeinige „Musengaul“ mit Straßenbesen. Skurril, ein bisschen verrückt, aber auch mutig. Zu Pfingsten tobt hier wohl der größte Markt der Region. Heute war es still, fast andächtig.
Und dann kam er wieder, dieser unausweichliche Punkt eines Wandertages: Thomas hatte Hunger. Nicht so ein „Ich könnte was essen“, sondern dieses ehrliche, tiefe Wanderhunger-Gefühl. In Mühlhausen erzählte er mir von Giovanni, von diesem italienischen Restaurant, von Erinnerungen an alte Schulfreunde, an Abende mit Ute. Ich tat so, als würde ich nicht zuhören. Innerlich war ich längst dort. Ich schlug halbherzig eine Pause an der Bushaltestelle vor, mit unserem Proviant. Thomas schaute mich an und sagte nur: „Bernhard, ich geb dir auch ein Bier aus.“ Das war’s.
Giovanni empfing uns wie alte Bekannte. Keine Show, keine Hektik, nur Herzlichkeit. Und dann kam das Bier. Kalt, ehrlich, genau richtig. Das Essen folgte. Ich ein Rumpsteak, Thomas eine Pizza – allerdings nicht irgendeine. Obendrauf noch eine komplette Portion Bolognese. Ein kulinarisches Statement. Wir lachten, genossen, schwiegen zwischendurch. Giovannis Dialekt, eine Mischung aus Badisch und Italienisch, machte alles noch wärmer. Ein Ort, an dem man bleiben möchte.
Danach ging es auf direktem Weg nach St. Leon-Rot ins Fairway Golf Hotel. Und wieder so ein Moment, der hängen bleibt: rund hundert Zimmer – und wir beide ganz allein. Kein Lärm, keine anderen Stimmen. Nur Ruhe. Auf der Uhr standen 21,77 Kilometer. Kein Druck, kein Ziehen. Genau richtig. Wir gönnten uns bewusst eine Pause. Einfach sein.
Am späten Nachmittag holte uns Susanne ab. Wir fuhren zu Werner und Tina, ebenfalls Freunde von der Kreuzfahrt. Und was dann kam, war pure Herzlichkeit. Tina hatte gekocht: Chili con carne, dazu Blumenkohl und Kartoffeln. Klingt ungewöhnlich, schmeckte großartig. Weihnachtsbier dazu, ein liebevoll gedeckter Tisch, sogar mit Tischkarten. Kleine Gesten, große Wirkung.
Es wurde erzählt, gelacht, zugehört. Wirklich zugehört. Niemand drängte sich in den Vordergrund. Jeder hatte Raum. Genau das machte diesen Abend so besonders. Für jeden gab es einen Adventsgruß, versteckt in einem Keks. Kleine Zettel mit großen Gedanken. Eine stille, warme Einstimmung auf Weihnachten. Die Sprüche auf den Fotos sagen mehr als viele Worte.
Später brachte uns Susanne zurück ins Hotel. Morgen laufen wir wieder direkt an Werners und Tinas Haus, unsere letzte Etappe, vorbei.
Ein Tag, der gezeigt hat, dass ein Weg nicht durch Kilometer zählt, sondern durch Begegnungen, Ehrlichkeit und diese stillen Momente, die man mitnimmt, ohne sie festhalten zu können.



























