6:15 Uhr.
Der Wecker klingelt. Starttag. Jakobsweg. Endlich wieder unterwegs.
Eigentlich hätte alles perfekt beginnen können – hätte ich nicht direkt zwei klassische Pilgerfehler hingelegt: Brotdose vergessen. Stempelheft vergessen. Ein vielversprechender Auftakt.

Dazu kommen noch die ehrlichen Nachwirkungen des Djerba-Urlaubs: 2,5 Kilogramm zu viel auf der Waage, die nun ebenfalls mit auf Pilgerschaft gehen wollen.
Doch genau so beginnen echte Wege – nicht geschniegelt, sondern mitten aus dem Alltag heraus.


Vom Sportplatz direkt auf den Pilgerweg


Bevor es überhaupt losging, stand noch gestern ein Arbeitseinsatz am Sportplatz meines Heimatortes an. Rasen, Organisation, anpacken – und dann ohne große Übergangsphase hinein in die Wanderstiefel. Kein langsames Ankommen, sondern direkt Umschalten: Alltag aus, Jakobsweg an.
Startpunkt heute: Frankfurt (Oder). Hinfahrt mit dem Wohnmobil.


Hier war ich schon einmal unterwegs – damals auf dem Jakobsweg über Berlin nach Tangermünde. Heute beginnt ein neues Kapitel: Richtung Leipzig, rund 240 Kilometer liegen vor mir.


Mit mir selbst habe ich für die nächsten elf Tage einen Termin vereinbart. Kein dramatisches Seelenkino, nichts Schweres – aber Gespräche stehen an. Fachgespräche sozusagen. Zwischen Kopf, Herz und Kilometerzähler.


Ohne Schilder, aber mit perfekten Tracks


Der Weg ist noch nicht vollständig ausgeschildert. Die Muschel fehlt vielerorts – doch die GPS-Tracks funktionieren hervorragend. Also Schritt für Schritt hinein in die brandenburgische Landschaft.
Über Güldendorf, vorbei an der A12, taucht schließlich das erste und einzige Jakobsweg-Schild unweit vor dem Helene-See auf. Ein kleiner Moment der Bestätigung: Ich bin richtig.
Am idyllischen Ossicamp vorbei geht es weiter. Wichtig für alle Nachwanderer: Den Abzweig Richtung See bei Malchow besser nicht nehmen. Dort wartet zwar ein Streichelzoo, aber der Weg ist ab Oktober gesperrt. Sackgasse statt Pilgerpfad.

So wie eigentlich der gesamte Helensee. Abgeschirmt und als Pilger nicht passierbar. Stattdessen an der Straße weiter. Schade.


Kampfmittel, Metall und ein kleiner Regelbruch


Mitten im Wald plötzlich Hinweisschilder: Kampfmittelortung. Der Boden wird untersucht, neben einer Hütte liegt auffällig viel Metall. Ein stiller Reminder daran, dass diese Landschaft mehr Geschichte in sich trägt, als man auf den ersten Blick sieht.
Und ja – manchmal trifft man unterwegs Entscheidungen, die man offiziell nicht empfehlen darf. Eine Eisenbahnbrücke stellte sich als unerwartetes Hindernis heraus… und wurde schließlich dennoch überquert. Pilgerlogik schlägt Umwegplanung.


Die nackten Zahlen des ersten Tages
17,8 Kilometer stehen am Ende auf der Uhr.
Durchschnittsgeschwindigkeit: 4,8 km/h.
Die Beine laufen sich ein, der Kopf kommt langsam an.


Kultur statt Kilometer am Nachmittag


Nach dem Wandertag ging es mit dem Zug zurück nach Frankfurt (Oder). Ein freier Nachmittag, der sich schnell als perfekte Ergänzung zum Start entpuppte.
Erst das Kleist-Museum fotografiert, danach ein Spaziergang an der Oder – ruhiges Wasser, weiter Horizont, Gedanken sortieren.


Und am frühen Abend dann ein völlig unerwartetes Highlight: im Kabarett Oderhähne mit dem Weimarer Programm „veni, vidi, veggie“.
Ich saß direkt an der Bühne – und plötzlich mitten im Geschehen. Spontan, witzig, lebendig. Pilgern wurde kurzerhand Teil des Programms, Werbung inklusive.


Tag 1: Angekommen
Vergessene Ausrüstung, ungeplante Begegnungen, Geschichte am Wegesrand, erste Kilometer in den Beinen und ein Abend voller Lachen.


Genau so darf ein Jakobsweg beginnen: nicht perfekt geplant, sondern lebendig.


Morgen geht es weiter Richtung Leipzig.


Buen Camino
Der Wanderbruder

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von neu: fünf lieben Menschen.

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