Schreiberling, Messerschlecker und Schlafmütze

Zur Vorbereitung auf meine Pilgerwanderung im Frühjahr von Swinemünde nach Osnabrück war ich sechs Tage zu einem Schreibseminar im Ostseebad Boltenhagen. Bildungsurlaub als Pensionär. Titel des Seminars: Textlandungen… Im wahrsten Sinne des Wortes bin ich gelandet, nämlich auf den Boden der Tatsachen. Meine Stärken liegen in Bildbeschreibungen und in Erzählungen von tatsächlichen Erlebnissen und persönlichen Erfahrungen. Ich bin und bleibe ein Pilgerweg-Schreiberling. Für Prosa, Fabeln, Satire, Flash Fiction sind unendliche Fantasien und Träume erforderlich, das können andere besser. Aber es war für mich eine besondere Erfahrung, wie die weiteren Teilnehmer innerhalb kürzester Zeit tolle Geschichten aufs Papier gebracht haben. Ich hatte das Glück, das auch Redakteure vom WDR-Hörfunk und früher vom SWR dabei waren. Einfach genial anzuhören. Ob aus den Geschichten mal Bestseller werden?Vielleicht. Alle Geschichten, Gedichte und Fabeln werden in einem Reader gebündelt, so dass ich immer eine schöne Erinnerung haben werde.

Untergebracht waren wir im Seminarhaus “Ostseeperlen”, ein Aurahotel für sehbehinderte und blinde Menschen, mit vorzüglicher Vollpension. Morgens geformte Herzbrötchen mit Harzer Käse, mittags echte Hausmannskost wie in DDR-Zeiten und zum Abendbrot gab es wie bei Muttern selbstgemachte Fleischsalate, eingelegte Senfgurken…

Und ich habe viel beobachtet: ein Teilnehmer hat nach dem Essen immer sein Messer abgeschleckt, der Messerschlecker… Das darf man doch nicht… Haben wir nicht als Kinder dieses Verbot von unseren Eltern immer wieder gehört? Ok, ich musste es auch ausprobieren. Lecker und endlich mal wieder etwas Verbotenes getan. Und weiter beim Spieleabend konnte ich die Anspannung der Spieler sehen, wenn es spannend wurde, dann wurden die Füße auf den Zehenspitzen abgestellt, also wurde eine Anspannung aufgebaut. Kein Einzelfall.

In Boltenhagen gibt es übrigens auch ein Swingolf-Anlage. Auch Golfamateure dürfen hier ohne Platzreife auf dem 18-Loch-Platz spielen. Es ist nämlich ein riesiger Wiesenplatz und dort schaden “Schlaglöcher” nicht. Und es gibt keine Golf-Buggys sondern Bollerwagen für Sekt, Bier und Genüssliches für die ganze Familie. Tolle Idee.

Nach den langen Seminartagen habe ich mir jeden Abend einen Spaziergang zur Seebrücke gegönnt. Frische Luft schnappen und einfach mal die Seele baumeln lassen. Schön, dass auch abends der Strand hell erleuchtet ist… Und ich weiß warum, denn mehr als die Hälfte des Sandstrandes ist mit Seegras, teilweise bis zu 50 Zentimetern hoch, bedeckt und die Sturzgefahr ist deshalb groß. Die Seegras-Wüste von Boltenhagen, kein gutes äußeres Bild für Gäste. Wahrscheinlich haben die sich aber gesagt, dass Gäste aufgrund von Corona gar nicht vor Ort sein dürfen und die paar Bildungsurlauber sollen lieber lernen, als am Strand rumzulaufen.

Mit viel Input und neuen persönlichen Erkenntnissen landete ich dann wieder im Heimathafen. Oh ja und fast hätte ich es vergessen: auf der Rückfahrt am Bahnhof Lüneburg habe ich einen lieben ehemaligen Kollegen getroffen, der in Ratzeburg vor fünf Jahren eine neue Stelle gefunden hat und eine Wochenendehe führt. Wir konnten uns seinerzeit nicht verabschieden, desto herzlicher war jetzt der persönliche Austausch auf der Rückfahrt bis nach Hannover. Und dann wirklich kurios, aber für den Betroffenen nicht lustig: am Bahnhof Bad Bevensen fuhr die Schlafmütze, der Lokführer, einfach vorbei und deshalb konnten die Bahnfahrer erst auf dem Jahrhundertwasser-Bahnhof in Uelzen aussteigen, um dann wieder den nächsten Zug nach Bad Bevensen zurückzunehmen. Wolfsburg wurde ja schon häufiger auf der Bahnstrecke nach Berlin als Haltepunkt vergessen und jetzt hier. Ok ganz ehrlich: ich fand es lustig.

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