4:45 Uhr riss mich der Wecker aus dem Schlaf, der Rucksack wog stolze 8,8 Kilogramm, und meine Frau setzte mich im Dunkeln an der Bushaltestelle im Nachbarort ab. Der Zug hatte bereits am Startbahnhof in Hildesheim fast zehn Minuten Verspätung, und in Göttingen war dann erstmal Schluss: technischer Defekt, Weiterfahrt unmöglich. Doch kaum ausgesprochen, sprang die rettende Lösung schon auf die Anzeige – ein ICE direkt hinter uns. Rein, Platz gefunden, tief durchgeatmet. Und tatsächlich: pünktlich in Rothenburg ob der Tauber angekommen.

Dort begann der Weg offiziell mit Thomas bei Kilometer 0,0 und 431 Metern Höhe, doch gefühlt hatte der Tag da schon eine ganze Strecke hinter sich. Die Route sollte uns über Enzenweiler (7,3 km; 473 m), weiter nach Schöngras (10,4 km; 479 m), bis wir in Schrozberg die 18,9 Kilometer hätten vollmachen sollen. Am Ende wurden es allerdings statt der geplanten 18,9 gleich satte 27,4 Kilometer. Und keiner von uns hat sich beschwert.

Gleich zu Beginn verfielen Thomas und ich in Gespräche, die so intensiv waren, dass man sie kaum jemandem weitererzählen möchte. Themen, tiefe Gedanken, viel ehrliche Offenheit – als würde man nicht wandern, sondern Schritt für Schritt gemeinsam einen alten Dachboden entrümpeln. Und mitten hinein in diese Stimmung überreichte ich Thomas eine goldene Pilgermuschel als Symbol für unseren gemeinsamen Weg. Die Muschel hatte meine Frau Renate kunstvoll vergoldet, das Original stammt aus Frankreich – ein Geschenk von Freunden. Thomas war sichtlich bewegt.

Rothenburg ob der Tauber selbst ist ein Traum aus Fachwerk, Türmchen, Mauern und Motiven, die selbst Menschen ohne Kamera ins Schwärmen bringen. Ich werde auf jeden Fall noch einmal mit Renate wiederkommen. Kein Wunder, dass Touristen aus aller Welt in diese Altstadt hineinströmen wie in ein lebendiges Märchenbuch.

Kurz vor Enzenweiler bekamen wir von einer Busfahrerin noch einen Tipp: Wir sollten unbedingt die legendäre Bushaltestelle von Funkstatt besuchen. Sie hätte uns sogar mitgenommen, doch das wäre zu einfach gewesen. Also liefen wir den großzügigen Umweg – und wer hätte gedacht, dass ein schlichtes Wartehäuschen als Dorfkneipe durchgeht? Vollbestückt mit Getränken, 2-Uhr-Sperrstunde, Geschichten, die im Holz stecken. Wir gönnten uns ein Biobier und grinsten wie zwei Schuljungen, die etwas Verrücktes entdeckt haben.

Hinter uns lagen einige Kilometer, vor uns noch ein paar mehr, doch der Weg schenkte uns zwischendurch immer wieder unerwartete Begegnungen. Mit Horst und Erich zum Beispiel, die privat Holz ernteten und uns in ein Gespräch verwickelten, als würden wir uns seit Jahren kennen. Hier draußen scheint die Welt tatsächlich noch in Ordnung zu sein: Respekt, fairer Umgang, klare Worte – Wärme ohne große Gesten.

Als wir schließlich völlig durchweicht, aber zufrieden in Schrozberg ankamen, wartete unsere Pension „Im Tal“ auf uns. Ausgehungert bestellten wir zwei mächtige Gyros-Teller beim örtlichen Imbiss – online, per Lieferservice, direkt auf unsere Zimmer. Perfekt, einfach, heiß und genau richtig nach fast 30 Kilometern. Dann setzte sich auch schon Brigitte, die Pensionschefin, zu uns. Voller Energie, Geschichten und Herzblut erzählte sie von der Pension, die früher ein Krankenhaus war. Deshalb schlafen wir nun offiziell in einem ehemaligen Krankenzimmer, komplett mit alter Notrufklingel. Wer drückt, bekommt angeblich von Nachtschwester Hildegard noch ein Lied geträllert – glaubt ihr das?

Brigitte lebt ihre Aufgabe so sehr, dass man sich als Pilger sofort willkommen fühlt. Und während wir erzählten, lachten und uns festquatschten, wurde immer klarer, wie viel mehr Thomas ist als eine Urlaubsbekanntschaft. Ein echter Zuhörer, ein Mensch, der versteht, ohne dass man viel erklären muss. Und so ist es passiert, dass wir unseren Frauen heute gar nicht mehr rechtzeitig „Gute Nacht“ wünschen konnten, weil wir zu vertieft im Gespräch waren.

Darum sagen wir es jetzt:
Gute Nacht, Ute. Gute Nacht, Renate.

Der erste Tag liegt hinter uns – länger als geplant, nasser als gedacht, aber mit einer Herzenswärme, die man nicht planen kann. Und morgen geht es weiter. Schritt für Schritt.

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von neu: fünf lieben Menschen.

Ein Gedanke zu „Vom Zugchaos, Pilgergold & Funkstatt-Kult – unser Weg startet mit 27,4 Kilometern Vollgas!““

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