Jakobsweg Görlitz über Vacha bis Fulda vom 9.7.-01.08.2020

Zu dieser Wanderung gibt es drei reich bebilderte PDF-Versionen (am Ende), die den Weg mit Fotos dokumentiert.

Wanderbruder auf Pilgertour
9. Juni 2020

Am 9. Juli startet meine zweite Pilgerwanderung in Görlitz, direkt an der polnischen Grenze, und führt mich bis nach Vacha.

Diese Tour ist Teil des Jakobswegs Görlitz – Vacha – Fulda. Nach den Erfahrungen meiner ersten Pilgerwanderung freue ich mich erneut auf viele Begegnungen, Gedanken und Eindrücke am Wegesrand. Der Startpunkt ganz im Osten Deutschlands hat für mich eine besondere Symbolik: losgehen, Schritt für Schritt, mit offenem Blick und ohne Eile.

Die Vorbereitung ist abgeschlossen, die Vorfreude groß. Nun beginnt das Warten auf den ersten Wandertag – dann heißt es wieder unterwegs sein, draußen schlafen, ankommen und weitergehen.


Farbenblinder Wanderer
10. Juni 2020

Der Ökumenische Pilgerweg e.V. hat ein wunderbares Pilgerheft mit Routenbeschreibungen und Übernachtungsmöglichkeiten für meine Strecke von Görlitz nach Vacha herausgegeben. Eigentlich perfekt vorbereitet – hätte ich da nicht ein kleines, aber entscheidendes Problem.

Der Pilgerweg ist mit roten oder grünen Markierungen gekennzeichnet. Leider bin ich farbenblind. Damit war klar: So einfach wird es für mich nicht, den richtigen Weg zu finden.

Zum Glück gibt es praktische Lösungen. Meine Frau hat den gesamten Pilgerweg im Heft mit einem Markierungsstift nachgezogen. Jetzt kann ich die Route eindeutig erkennen. Bleibt nur eine kleine Restunsicherheit: Hat sie vielleicht irgendwo Umwege eingebaut?

Ich höre sie schon sagen, das sei natürlich nur Spaß gewesen. Und zur Sicherheit gibt es ja immer noch die Jakobsweg-Schilder.

Noch 29 Tage, dann ist wanderbruder.de wieder unterwegs.


57-jähriger zieht in Jugendherberge
12. Juni 2020

Damit hätte ich selbst nicht gerechnet: Nach den Klassenfahrten in meiner Schulzeit ziehe ich tatsächlich noch einmal in eine Jugendherberge ein.

Am 9. Juli ist es so weit. Die Jugendherberge Altstadt Görlitz ist gebucht, die Bestätigung liegt vor. Natürlich habe ich mir dafür auch gleich einen Mitgliedsausweis besorgt – für etwas über 20 Euro Jahresbeitrag.

Auf die Übernachtung freue ich mich schon jetzt. Vielleicht kommen ja alte Erinnerungen hoch. Wie es sich anfühlt, werde ich hier berichten. Ihr werdet es erleben.


Wanderschuhe haben Test bestanden
13. Juni 2020

Für meine Pilgerwanderung von Görlitz nach Vacha habe ich mir wieder ein neues Paar Wanderschuhe gekauft: Meindl Vakuum. Und wie schon so oft haben sie den Test bestanden.

Ich war auf einem Waldweg unterwegs, auf dem zuvor schwere Holztransporter gefahren waren. Der Matsch in den Fahrspuren wirkte auf mich zunächst recht fest. Das stellte sich schnell als Irrtum heraus. Plötzlich sackte ich tief in den Schlamm ein.

Am nächsten Bach konnten die Schuhe gründlich gereinigt werden. Das Ergebnis: trockene Füße, guter Halt und weiterhin beste Laune.

Fazit: Schuhtest bestanden. Ehrlich.


Farbenblinden Wanderer wurde endlich geholfen
14. Juni 2020

Große Hilfe kam von meiner Frau. Die Pilgerstrecke von Görlitz nach Vacha hat sie nun speziell für mich mit einem schwarzen Stift gekennzeichnet. Damit kann ich als farbenblinder Wanderer endlich den richtigen Weg erkennen.

Jetzt sollte dem Unterwegssein nichts mehr im Wege stehen. Bleibt nur eine kleine Unsicherheit: Hat sie vielleicht doch irgendwo Umwege eingezeichnet?

Na ja – falls ich mich verlaufe, weiß ich ja, wem ich es in die Schuhe schieben kann. Natürlich nur in die sauberen.


Leichtgewicht auf Tour
17. Juni 2020

Bei meinen aktuellen Planungen für die Pilgertour von Görlitz nach Vacha versuche ich, noch konsequenter auf weniger Gewicht am Körper und im Rucksack zu achten.

Meine lange Wanderhose wiegt nur 250 Gramm, die kurze Hose 350 Gramm. Ohne Proviant ist das Ziel, unter sechs Kilogramm Rucksackgewicht zu bleiben. Erfahrene Wanderfreunde berichten, dass sich die tägliche Laufleistung pro eingespartem Kilogramm um etwa einen Kilometer steigern lässt.

Vielleicht trägt mich irgendwann mein Rucksack.


Corona mach’s gut, ich …
19. Juni 2020

Wenn ich am 9. Juli 2020 auf Pilgerwanderung zwischen Görlitz und Vacha unterwegs bin, werde ich bewusst auf das Hören von Nachrichten verzichten. Auch das Sehen von Nachrichten habe ich schon seit Jahren stark eingeschränkt.

Vielleicht gelingt es mir auf dieser Wanderung, mich vollständig von der dauernden Informationsflut rund um Corona zu lösen. Abstand gewinnen, Ruhe finden und den eigenen Gedanken mehr Raum geben.

Mein Motto lautet: Corona, mach’s gut – ich brauche dich nicht.


Plastikfolie oder Regenponcho
25. Juni 2020

Bei meiner letzten Jakobswegwanderung hatte ich an insgesamt sieben Tagen Regen. An zwei dieser Tage schüttete es von morgens bis abends – keine kurzen Schauer, sondern Dauerregen.

Als Regenschutz nutzte ich damals eine einfache Plastikfolie mit Kapuze. Der Wärmehaushalt darunter war hervorragend, ich habe kräftig geschwitzt. Für die kommende Wanderung von Görlitz nach Vacha habe ich eigentlich keinen Regen bestellt. Doch es gilt wohl die bekannte Regel: Nimmt man Regenkleidung oder einen Schirm mit, regnet es nicht. Vergisst man sie, regnet es ganz sicher.

Dieses Mal kommt daher ein Regenponcho mit seitlichen Druckknöpfen und Kapuze inklusive Kordel in den Wanderrucksack. Test Nummer zwei kann beginnen.


Trainingslager für Wanderbruder
27. Juni 2020

Morgen geht es für mich in die „Ebene“: ins Trainingslager auf die ostfriesische Insel Langeoog. Vierzehn Kilometer Sandstrand erwarten uns. Geplant sind mindestens zehn Kilometer pro Tag, gern auch mehr.

Leider fehlen auf Langeoog die Berge. Trotzdem bin ich überzeugt, dass mich die Tage dort gut auf die bevorstehende Pilgerwanderung vorbereiten werden. In zwölf Tagen sollte ich fit genug sein, um von Görlitz nach Vacha zu pilgern.


Barfuß-Wandern mit Rekord
29. Juni 2020

Im Trainingslager auf Langeoog konnte ich erstmals über 20 Kilometer barfuß wandern. Es war ein großartiges Erlebnis, im Watt unterwegs zu sein. Als Tagesleistung kamen schließlich 27,48 Kilometer zusammen.

Das Beste daran: Meine Wanderfrau ist zum ersten Mal über 25 Kilometer mitgewandert. Eine tolle Ausdauerleistung. Vielleicht wird sie ja künftig von ihrer Schwester oder ihrem Bruder „Wanderschwester“ genannt. Mal abwarten.

Wir hatten viel Spaß unterwegs. Wir sind im Kreis gelaufen, um Spuren zu verwischen oder zumindest jemanden zum Nachdenken zu bringen. Am Ende ist alles eine Frage der Sichtweise. Und wenn die Flut kommt, ist ohnehin alles Vergangenheit.

Wanderschuhe gefettet
7. Juli 2020

Früher mussten wir unsere Schuhe einmal pro Woche putzen und mit Schuhcreme einschmieren. In der heutigen Wegwerfgesellschaft kauft man sich eher neue Schuhe, wenn die alten schmutzig sind.

Dabei halten Schuhe mit guter Pflege deutlich länger – besonders Wanderschuhe. Und genau diese sollen mich in den nächsten vier Wochen tragen. Deshalb bin ich jetzt besonders lieb zu ihnen.


Enkelsohn will mit wandern
8. Juli 2020

Ich bekomme schon die ein oder andere WhatsApp-Nachricht, Sprachnachrichten eher selten. Umso überraschter war ich, als mir mein fünfjähriger Enkelsohn Jona eine Sprachnachricht schickte. Sie war nur fünf Sekunden lang, hatte es aber in sich:
„Hi Opa, ich möchte auch mal mit dir wandern gehen – bitte!“

Ich war total perplex und gleichzeitig sehr erfreut. Natürlich habe ich sofort ebenfalls mit einer Sprachnachricht geantwortet. Ich erklärte ihm, dass wir das sehr gern einmal zusammen machen können, diese Strecke mit knapp 500 Kilometern aber noch deutlich zu lang ist.

Also habe ich ihm etwas versprochen: Eine Kurzwanderung mit Übernachtung in einer Jugendherberge – gemeinsam.


Leichtgewicht auf Pilgertour
8. Juli 2020

Der Rucksack ist für meine Pilgerwanderung von Görlitz nach Vacha gepackt. Aufgrund meiner Erfahrung aus der letzten Reise konnte ich jetzt das Gewicht meines Rucksackes weiter optimieren. Ihr alle erinnert euch bestimmt daran, dass ich zwei Lastpäckchen per Post zurückgeschickt habe.

Mein Startgewicht beträgt jetzt 5,2 Kilogramm + 1,5 Kilogramm Wasser und 1,0 Kilogramm Essen = 7,7 Kilogramm. Ein Leichtgewicht geht dann morgen auf Pilgertour. Ich liege dann 0,2 Kilogramm über dem empfohlenen Gewicht von 10 % des Körpergewichts.

Nachtrag 11:00 Uhr: Oh nein, die Kulturtasche mit 1 Kilogramm kommt noch dazu. Dass es leichter wird, ist somit schon wieder „Geschichte“.


Filmkulisse für Wanderbruder
9. Juli 2020

Endlich wieder live dabei sein. Gleich mehrere kleine Kurzfilme des Alltags zogen heute an mir vorbei, und ich war stiller Zuschauer.

Heute Mittag bin ich pünktlich mit dem Zug in Görlitz angekommen, dem Startort meiner Pilgerwanderung von Görlitz nach Vacha. Beim Zwischenhalt am Berliner Hauptbahnhof erinnerte ich mich daran, dass ich dort schon vor über fünf Monaten stand und auf den Zug nach Warschau wartete.

Im Zug nach Cottbus saß ich hinter einer Referentin vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, das unter anderem Fördermittel auszahlt. Zusätzlich stieg eine Mutter mit ihrem Baby ein. Mein Wunsch wurde erfüllt: Das Baby schrie ohne Ende, während die Referentin gerade in einer Videokonferenz steckte und vermutlich nur noch die Hälfte verstand. Dann versagte auch noch das Internet in der brandenburgischen Weite. Sie schimpfte vor sich hin – köstlich.

Nach dem Umstieg in Cottbus ging es weiter nach Görlitz. Mir schräg gegenüber saßen zwei Männer, die die Nacht offenbar zum Tag gemacht hatten. Biertrinken zu dieser Uhrzeit hätte ich vielleicht noch verziehen, aber sie teilten sich die Flasche. Später holte einer von ihnen blaue Tabletten hervor und gab seinem Kumpel ebenfalls eine. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

In Görlitz wanderte ich zuerst zur Jakobskirche, holte mir den ersten Stempel und zündete eine Kerze an. Mir war neu, dass hier bereits vor über 500 Jahren Nachbildungen des Heiligen Grabes und weiterer Stätten entstanden sind. Deshalb wird Görlitz auch das „Görlitzer Jerusalem“ genannt. In der Kirche St. Peter und Paul gab es den nächsten Stempel, danach ging es bergab zur Altstadtbrücke, der Fußgängerbrücke nach Polen.

Dort stehen tatsächlich zwei Blitzer, die jeden Fußgänger erfassen. Aus Spaß bin ich mehrmals hin und her gegangen. In Polen angekommen fragte ich natürlich als Erstes nach dem Zigarettenpreis: Eine Schachtel Camel kostet dort 3,20 Euro.

Görlitz besitzt eine wunderschöne Altstadt, die im Krieg nicht zerstört wurde. Deshalb dient sie seit Jahren als Filmkulisse. Über hundert Filme wurden hier bereits gedreht, darunter „Der Zauberlehrling“, „Grand Budapest Hotel“ und „Der junge Karl Marx“.

Anschließend marschierte ich zur Jugendherberge. Sie liegt mitten in der Altstadt und ist zweckmäßig ausgestattet. Mein Einzelzimmer hat ein Hochbett – ich schlafe unten und kann mich sogar aufrecht hinsetzen. Abends gab es Kartoffelsuppe, frisches Brot und Salat. Alles erinnerte mich an frühere Klassenfahrten, besonders an die Zeit auf Amrum in der sechsten Klasse. Damals gab es Hagebuttentee und eine handfeste Schlägerei zwischen zwei Mitschülern, die einen kaputten Zaun und Gemeinschaftshaftung für uns Jungs zur Folge hatte.

Das Bett hatte ich gleich nach der Ankunft bezogen. Kaum lag ich darin, hat es schon „gepfiffen“. Ich soll kommen – im Traum läuft der nächste Film.


Daumenkino mitten auf der Straße
10. Juli 2020

Nachdem ich gestern Abend meinen Beitrag fertiggestellt hatte, öffnete ich den Brief meiner Frau, den sie mir mitgegeben hatte. Schön, dass ich nach so vielen Jahren noch so liebe Briefe bekomme. Natürlich hatte auch dieser Brief mit einer Aufgabe für meine Pilgerwanderung zu tun. Beim letzten Mal bekam ich für jeden Tag ein Wort, das mich begleiten und zum Nachdenken anregen sollte. Das hat auch funktioniert. Es sind noch vierzehn Kärtchen von der letzten Tour offen, danach erzähle ich von meiner neuen Aufgabe.

Heute Morgen juckten schon früh die Füße, es sollte endlich losgehen. Das Frühstück in der Jugendherberge reichte aus, die Betten waren abgezogen, dann ging es hinaus in die schwüle Wärme. Gleich am Stadtausgang kam ich am NFV vorbei, dem Niederschlesischen Fußballverein. Bei uns heißt das Niedersächsischer Fußballverband. Dort habe ich selbst viele Jahre ehrenamtlich gearbeitet, zuletzt als zweiter Vorsitzender im Fußballkreis Hameln-Pyrmont. Eine schöne Zeit mit Andreas und Norbert.

Richtung Hochsteinbaude traf ich Volker, der ein Daumenkino mitten auf der Straße betreibt – praktisch ein Wandergeschäft. Man legt den Daumen unten rechts an und blättert. Ich kannte das noch aus der Kindheit und durfte es gleich ausprobieren. Eine großartige Idee, mit der Volker seine Reisen finanziert. Es war ein angenehmes Gespräch und eine schöne Erinnerung an frühere Zeiten.

Über Felder und Wiesen führte mein Weg weiter. Mitten auf dem Asphalt saßen plötzlich mehr als zwanzig Schmetterlinge. So viele auf einmal hatte ich noch nie gesehen. Wo Schmetterlinge fliegen, ist die Luft in Ordnung. Gut so. Direkt daneben lag sogar ein riesiges Erbsenfeld.

Nach einem guten Mittagessen in der Hochsteinbaude kam ich schließlich am Wasserschloss in Dobschütz an. Dort werde ich heute übernachten. Es ist urgemütlich, mit Dusche und WC. Handtücher und Bettwäsche sind inklusive, das Frühstück ebenfalls. Der Preis liegt bei 25 Euro – ein echter Pilgersonderpreis, besser als manches Hotel.

Mein Tagesmotto lautete „lebendig“. Ich lebe, mir geht es gut. Danke, Leben.

Die Tagesleistung betrug 25,46 Kilometer. Unterwegs traf ich außerdem zwei weitere Pilgerinnen, die die Via Regia in mehreren Abschnitten erwandern.

Bilder gibt es morgen dazu. Hier im Schloss mit den dicken Mauern ist der Empfang eher mau.


Drehrumbum und Helmut Kohl
11. Juli 2020

Mit einem echten Genießerfrühstück startete ich gut in den Tag. Das Wort des Tages lautete „genießen“. Es gab selbstgemachte Holunderbeermarmelade – herrlich. Dann fiel mein Blick auf die Fußmatte zur Küche. Genau dieses Entenmotiv hatten wir auch vor über 30 Jahren zu Hause. Lange her. Die Firma meines verstorbenen Bruders hatte diese Matten damals bundesweit gefertigt, sogar über Aldi vertrieben. Aldi nahm eine Million Stück ab, zahlte jedoch einen schlechten Preis und verdiente selbst ein Vielfaches. Prozentrechnung war noch nie meine Stärke, aber das Verhältnis fühlte sich damals schon schief an.

Die Schlossherrin begleitete mich bis zur Hofausfahrt, der Schlossherr grüßte freundlich aus dem Turmzimmer. In Melaune bot mir eine junge Frau, die gerade vom Bäcker kam, Käsebrötchen für unterwegs an. Da ich im Schloss gut mit Proviant versorgt worden war, lehnte ich dankend ab.

Weiter ging es Richtung Tetta, vorbei an riesigen Windrädern. Jedes hatte einen eigenen Namen. Mein Favorit: „Drehrumbum“. Auf einem Sportplatz spielten Jungen Fußball. Das habe ich früher auch immer gern gemacht. Durch das Hintertor ging es direkt auf den Platz. Unser häufigstes Spiel hieß Hochball – kennt das noch jemand?

Hinter Weißenberg begann das schönste Wandergebiet des Tages, ein Naturschutzgebiet. Zunächst führte der Weg über eine waghalsige Brücke. Spontan kam mir das Lied in den Sinn: „Dieser Weg wird kein leichter sein.“ Und tatsächlich folgten schmale Pfade, Brennnesseln – ideal für meine kurze Hose – und umgestürzte Bäume. Ein echter Hürdenlauf. Aber es war mein Genießertag, und ich habe diesen Weg sehr genossen.

Richtung Wurschen drehte ich eine kleine Ehrenrunde und entdeckte dabei eine Bank, an der offensichtlich gespart worden war. Den ersten und einzigen Pilger traf ich in Waditz. Er kam aus Dresden und wollte seine Großeltern in Görlitz besuchen. Eine fünftägige Tour – beeindruckend, dass junge Menschen so etwas als Ausgleich machen.

Kurz vor Jenkwitz sah ich auf einem Stein eine Art Familienaufstellung. Was es damit auf sich hat, weiß meine Frau deutlich besser. Die B6 führt übrigens nicht nur durch Hildesheim, sondern auch durch Bautzen, wo ich nach 33,7 Kilometern Wanderleistung ankam. Das zehrte an meinen Kräften. Von der Gedenkstätte Bautzen II machte ich deshalb nur ein Foto. Ein riesiges Areal mit unwürdigen Haftbedingungen für politisch Verfolgte.

Da es mein Genießertag war, quartierte ich mich im Akzenthotel ein. Das habe ich mir gegönnt. Beim Abendessen erzählte mir der Hotelier eine Geschichte aus dem Jahr 1992. Damals wartete er vor dem Gefängnis auf Bundeskanzler Helmut Kohl und Justizminister Klaus Kinkel. Die Limousinen fuhren vor, die Tore öffneten sich, die Fahrzeuge verschwanden im Inneren – und die Tore schlossen sich wieder. Die Bautzener blieben draußen zurück.

Der Hotelier ärgerte sich, kletterte kurzerhand auf die Mauer und rief Helmut Kohl zu, das sei schlimmer als bei der Stasi. Kohl unterbrach seine Gespräche, kam zu ihm, bat ihn herunter, schüttelte ihm die Hand und entschuldigte sich für den organisatorischen Ablauf. Auch das muss Politik noch lernen.


Krümelkacke und Wohlfühlen
12. Juli 2020

Wohlfühlen leicht gemacht. Ich konnte einfach nicht mehr weiterwandern. Die Kirchgänger haben mir die Pilgerherberge, den Weg bergab, wärmstens empfohlen. Also langsam runtergewandert und da stand ich schon vor der Herberge und konnte in den Garten sehen. Eine Pilgeroase eben.

Gleich begrüßte mich Monika und bat mich zu ihren Gästen. Oh dachte ich, sind das alles Pilger? Nee, es war eine Geburtstagsnachfeier – Monika ist in der Woche 60 geworden und sieht viel jünger aus. Arbeit hält jung, denn sie hat schon über 70 Pilger in diesem Jahr hier gehabt. Und ihre Freundin Maria hilft ihr.

Mit einem frischen Salat und Kuchen wurde ich bestens beköstigt, als ob ich zur Familie gehöre. Schön. Besonders lecker war der geraspelte Kohlrabisalat, der mit frischer Sahne angemacht war. Satt. Die Gespräche mit dem Schwager und seiner Lebensgefährtin, dem Sohn Martin und mit Maria waren offen und locker. Hier fühlte ich mich gleich wohl.

Mein Zimmer liegt in der 1. Etage, sehr geräumig und sauber. Frisch geduscht und nach einem Nachmittagsschlaf gab es Abendessen: Roulade mit frischem Gemüse und Klößchen.

Übrigens Monika arbeitet als Journalistin beim Hörfunk beim MDR im Studio Bautzen. Der MDR setzt wohl viel auf Regionalität, denn in Görlitz habe ich auch schon ein Büro in der Altstadt gesehen. Sie spricht sorbisch und macht u.a. auch beim MDR Hörprogramme für die Sorben, aber auf deutsch konnte ich Monika besser verstehen. Wir haben über Journalismus, über Krümelkacker und über die morgendlichen Meetings und deren zeitliche Umsetzung gesprochen. Ganz einfach übersetzt: aktuelle Berichterstattung und beste Recherche. Warum schreibe ich darüber so viel, na ja, das hatte ich fast täglich in meinem alten Job in der Zusammenarbeit mit den Medien.

So jetzt kann ich bestimmt ruhig schlafen. Gutes Essen, gute Gespräche. Wohlfühlen leicht gemacht.


Weihrauch, Lächeln und Hören
12. Juli 2020

Gestern Abend habe ich wie jeden Abend mit meiner Frau telefoniert. Sie bat mich, die neue Aufgabe für diese Pilgerreise zu kombinieren. Ich höre fast immer auf meine Frau. Für jeden Tag gibt es wieder Kärtchen in fünf Variationen zur Stärkung der Aufmerksamkeit: Sehen, Fühlen, Riechen, Schmecken und Hören. Da werde ich in meinem Pensionärsleben noch einmal richtig gefordert. Für diesen Tag lauteten die Karten „Lächeln“ und „Hören“.

Nach einem ausgiebigen Frühstück musste ich zunächst etwa zwei Kilometer vom Hotel bis zum Dom laufen. Bereits nach zweihundert Metern sah ich einen großen Smiley auf dem Bürgersteig. Zufälle gibt es, die gibt es eigentlich gar nicht. Der St.-Petri-Dom, eine kombinierte evangelisch-katholische Kirche, öffnete gerade seine Türen, und ich hörte Livemusik einer Kirchenband.

Am Vortag war ich sehr viele Kilometer auf Asphalt unterwegs gewesen, und auch heute sollte wieder viel Teer dazukommen. Die Fersen schmerzten stark, weil der Boden nicht nachgibt. Das kannte ich noch von meiner Pilgerwanderung von Nürnberg nach Konstanz. Egal – weitergehen, wie im wahren Leben.

Aufgemuntert wurde ich durch eine Miniatureisenbahnanlage auf einem Grundstück in Salzenforst. Die Schienen bestehen aus Messing, damit sie nicht rosten, müssen aber regelmäßig gereinigt werden. Ein tolles Hobby. Ich fragte mich, was meine Frau wohl dazu sagen würde – oder hatte ich mich da etwa verhört?

Gehört habe ich an diesem Tag sehr viel: die Autobahn, einen Hund, ein Segelflugzeug, einen Trabant, Spatzen in einer Eiche, Motorräder und Glockengeläut. Und ich hörte meine innere Stimme, die mich immer wieder daran erinnerte, dass das Schmerzen sind. Am Milleniumsdenkmal oberhalb von Niederuhna musste ich erst einmal Druckpflaster aufkleben. Dann meldete sich der innere Schweinehund und schlug vor, im nächsten Ort einfach aufzuhören. Doch meine innere Vernunft führte mich weiter bis nach Crostwitz – 19,54 Kilometer.

Schon von weitem hörte ich Glockengeläut und betrat die sorbisch-katholische Kirche. Es fand eine Erstkommunionsfeier statt. Ich setzte mich ganz hinten hin und hörte zu. Die sorbische Sprache verstand ich nicht, wohl aber die Rituale. Die Mädchen trugen weiße traditionelle Kleider mit Kappe und herunterhängendem Schal, die Jungen Anzug und Fliege. Ein Mädchen spielte Flöte, und alle Erstkommunionskinder sangen wunderbar im Chor. Ich schloss die Augen und war in einer anderen Welt – und das in Deutschland.

Die Sorben sind ein westslawisches Volk, das in der Lausitz zu Hause ist. Auch die Eltern waren festlich gekleidet, sangen mit und strahlten eine große Herzenswärme aus. Ich blieb die ganze Zeit, vergaß Raum und Zeit und ließ mich vollkommen darauf ein. Zum Abschluss zogen die Kommunionskinder singend durch den Mittelgang aus der Kirche. Die Ministranten schwangen den Weihrauch, ich atmete ihn tief ein und lächelte vermutlich über das ganze Gesicht. Vor der Kirche wurde ich als Pilger erkannt, viele wünschten mir einen guten Weg.

Nach fünfhundert Metern erreichte ich die Pilgeroase von Crostwitz. Wohlfühlen leicht gemacht – und das verdient einen eigenen Beitrag.

Mückenalarm, Biomais und zur Kirche gehen

13. Juli 2020

Es war in der Nacht irgendwie anders: ich hörte ein Mücke, die sich einen Spaß machte und dauernd um meine Ohren flog. Das hätte ich früher nicht lange ausgehalten und hätte erst weitergeschlafen, wenn ich sie erwischt hätte. Gestern war alles anders: meine innere Stimme sagte: du kannst mich mal Mücke. Am Morgen: kein Mückenstich.

Nach einem reichhaltigen gemeinsamen Frühstück erhielt ich von Monika eine Anstecknadel mit dem Sorben-Emblem der Linde – eigentlich kenne ich nur die Deutsche Eiche als Symbol der Deutschen. Wieder was dazu gelernt. Mich stören die Eichenblätter vom Baum des Nachbarn im Herbst, weil diese einfach nicht verrotten. Von Monika bekam ich dann noch einen Spruch-Glückskeks ohne Keks, der Spruch lautete: „ein Lächeln ist oft das Wesentliche“; da war dich was gestern 🙃.

Mit einem feierlichen Pilgersegen, da musste ich schon nachdenklich schlucken, wurde ich auf den Jakobsweg entsendet. Das heutige Begleitwort heißt „Bezaubernd“.

Gleich am Ortsausgang überholte mich jemand mit einem Fahrrad, erstaunlicherweise kein E-Bike. Es war Maria, gelernte Krankenschwester. Sie begleitete mich ein ganzes Stück des Weges. Sie fragte mich, ob ich regelmäßig in die Kirche gehe. Antwort: nein, nur bei Pilgerwanderungen. Das solltest du mehr machen…. war sehr überzeugend….

Sie erzählte von ihrer Arbeit, von der Hetze im Alltag und von ihrem behinderten Kind, was vor 15 Jahren verstarb. Sie sei immer gern zur Kirche gegangen, weil es der einzige Ort und die einzige Zeit war, wo sie mal Ruhe hatte. Kein Nörgeln und kein Gezeter. Oh, ist meine Mutter Maria deshalb auch regelmäßige Kirchgängerin gewesen? Das war bestimmt auch ein Grund.

Dann bekam ich eine Aufklärung über Mais und Biomais. Beeindruckend. In dem einen Maisfeld sah ich nur Stangen stehen, kein Unkraut- alles weggespritzt. Und ein Feld weiter Biomais, auch das Unkraut hatte dort seinen Platz. Und die Insekten flogen bezaubernd über dieses Feld. Das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen (2. Stichwort). Kauft bitte nur Biomais.

In Wendischbaselitz sah ich ein Schild mit dem Hinweis: Verkehrshelfer – bei uns hieß das früher Schülerlotse. Oh ja, ab der 5. Klasse mit dem Bus zur Schule „Sommerfrische“ und dort angekommen wurden wir sicher über die Straße gelotst. Ich muss mal meine früheren Verkehrswacht-Vorstandsmitglieder fragen, ob wir in Niedersachsen noch sowas haben. Die Verkehrswachtarbeit war immer sehr wichtig für mich.

An diesem bezaubernden Tag begleiteten mich von weitem Störche. Das habe ich selbst gesehen. Ich habe ja auch das Herzauge (sh. Foto) gesehen.

Kurz vor Kamenz traf ich bestimmt 5 x einen Rollstuhlselbstfahrer. Immer wieder sprachen wir zusammen und es viel ihm immer noch etwas neues ein, dass er wieder umdrehte. Bis ich ihm gesagt habe, lass uns doch einfach ein Stück zusammengehen, er musste ja leider fahren.

Mit 7 Jahren Speiseölvergiftung, nach der Wende den Arbeitsplatz verloren, er hat übrigens Fußmatten gewebt.. da war doch noch was.. Und dann die vielen Untersuchungen wegen der Frühverrentung. Keiner wollte ihm glauben. Heute sei er schon früh aufgestanden, um das schöne Wetter in vollen Zügen genießen zu können. Er lebt in einer Wohnanlage einer Genossenschaft. Nur alte Leute wohnen hier. Nächstes Jahr wird er 80. Trotz seiner Krankheit war er sehr, sehr zufrieden.

Gerhard, machs gut, rief ich ihm beim Abschied hinterher. Er gab Vollgas und winkte bezaubernd zurück. Das habe ich selbst gesehen und gefühlt.

Nach 18,8 Kilometer Wanderung wurde ich im Hotel Stadt Dresden in Kamenz bezaubernd empfangen, eine hübsche junge Frau und ein fleißiger Herr interessierten sich für mich. Das gibst wirklich noch, auch in einem so großen Hotel! Was ich denn so mache… Hey, hier bin ich nicht der Herr von Zimmer 203 (Upgrade😁), sondern Wanderbruder.de . Und wenn ich morgen noch Wegzehrung mitnehmen darf, dann gibst 5 Sterne bei Google. Ich schlafe nämlich heute in einem 7-Zonen Boxspringbett.

Vorsicht! Busfahrende Pilger auf der Via Regia

14. Juli 2020

Bestens geschlafen im Boxspringbett… mit genügend Wegzehrung machte ich mich diesmal schon um 8.00 Uhr auf den Weg. Es sollte heiß werden. Meine Tagesaufgaben meiner Frau: das Wort „Wichtig“ und Riechen.

Ich fange mal mit dem Riechen an; bewusst wahrgenommen habe ich den Gestank von Autos, Futtermiete, Dünger, Autolack, Weichspüler der Kleidung eines vorbeifahrenden Radfahrers, Modder eines Waldteiches, frisch geschlagenes Holz, Kuhfladen, Kiefer – bei 28 Grad im Kiefernwald war die Sauna voll angestellt-. Und wenn ich noch zwei Stunden weitergewandert wäre, dann hätte ich mich wohl auch „richtig“ gerochen. Ach ja und so ein Hobbygärtner hat Pflanzengift gespritzt. Ekelig. Das sollte man verbieten.

Nach meinem Aufstieg zum Hutberg und zum Lessingturm – Kamenz ist übrigens eine Lessingstadt, eigentlich dachte ich es gibt nur eine, nämlich Wolfenbüttel – war ich schon auf Temperatur, ich liebe es gleich am Anfang ca. 150 Höhenmeter zu bewältigen….

Im Ort Schwosdorf traf ich ein holländisches Pilgerpaar, die heute morgen auch von Kamenz losgewandert sind. Ganz freimütig erzählt der Pilger, dass sie heute bis Tauscha (über 25km) wandern wollten. Sie saßen um 9.00 Uhr schon in einer Bushaltestelle zur 1. Pause und hatten nur Turnschuhe an. Komisch dachte ich, jeder vernünftige Pilger schafft bis Mittags seine größte Strecke und wandert dann merklich langsamer weiter. Egal. Ich habe meinen Blinker links rausgesetzt und bin weiter gewandert.

Zwischen Reichenau und Königsbrück bin ich abweichend von der Strecke durch das Tiefental gewandert. Dort habe ich zwei Ehepaare getroffen, die sich für meine Wanderstrecke auf dem Jakobsweg interessiert haben. Sehr freundlich.

In Königsbrück angekommen musste ich leider feststellen, dass hier die Pensionen leider alle ausgebucht waren. Herr (Bio-) Herzog vom Wochenmarktstand sagte mir, dass die es hier nicht nötig haben, weil viele Polen wegen des Baus einer Solaranlage hier die Unterkünfte gebucht haben. Er sollte Recht haben, die reagieren auf Emails nicht und ans Telefon gehen sie auch nicht.

Doch Herr Herzog hat mir den entscheidenden Tipp gegeben: wandere weiter nach Tauscha, da bist du in der Pension Am Heidebogen besser aufgehoben. Irgendwie helfen mir immer Herzogs (s. Pilgerreise Nürnberg – Konstanz).

Und dann, wen sehe ich da am Springbrunnen sitzen? Die Pilger-Holländer. Es hat mich keiner überholt und ich hatte ein gutes straffes Tempo. Also klar: Busfahrende Pilger. Vorsicht!

Nach 28,68 Kilometer lt. Handytacho war ich dann angekommen. Bester Tipp, alles in der Pension sauber und ordentlich mit Dusche und WC im Pensionszimmer. 24 € inkl. Frühstück. Super. Und Michael hat gleich eine Maschine voll Wäsche für mich gewaschen. Jetzt hängt sie zum Trocknen.

Und das Wort „Wichtig“ hebe ich mir für morgen auf. Im örtlichen Krämerladen noch schnell zwei Bananen und einen Apfel fürs Abendbrot geholt. Also 0,95 € dafür bezahlt, da kann doch für Kosten nichts übrigbleiben…

Turbopilger, Sensenmann und fliegende Zecke

15. Juli 2020

Das war wieder ein Erlebnistag mit Happy End. Gestern am Abend kam noch ein Pilgerehepaar aus Dänemark in der Pension an. Im Hof der Pension sieht es übrigens aus wie auf der Ponderosa – sehr urig und rustikal. An der Bar bestellte sich der Däne gleich einen halben Liter Bier. Und schwupps ausgetrunken. Spät am Abend hörte ich dann noch von weitem Countrymusik, immer lauter, da haben sich die Dänen und der Pensionswirt Michael wohl noch ein paar mehr Bierchen gegönnt. Ehrlich: ich hätte richtig Geschmack, das heutige Stichwort, darauf gehabt. Nein, nein, Vorsätze – heute heißt das wohl „challenge“ – sind einzuhalten. Für die Dänen ist das hier ein Bier-Eldorado (1/2 Liter 2€).

Und dann krabbelte noch was an meinem Bein hoch. Es war eine Zecke. Oh nein, nicht schon wieder, die Folgen von einem Biss vor zwei Jahren habe ich heute noch, aber diese krabbelte ja noch. Fein säuberlich habe ich sie mit einer Pinzette leicht eingequetscht und dann habe ich sie aus dem Fenster geworfen. Diese Zecke ist im Gegensatz zu anderen Zecken tatsächlich geflogen.

In Quersa kam ich an einer Wiese direkt vor einem Wohnhaus vorbei. Da stand auf der halbgemähten Wiese eine Maschine, die ich vorher noch nie gesehen haben. Bauer Wolfgang klärte mich auf: eine Rotations-Scheiben-Sense, die im Jahr 2003 zuletzt hergestellt wurde. Also quasi ein Rasenmäher, nur dass das Gras nicht zerkleinert wird. Sensenmann Wolfgang sah übrigens ähnlich aus wie mein Bruder Peter, von dem mein Name Wanderbruder hergeleitet ist, mit Vollbart = Catweazle. Bei meinem Bruder ist jetzt der Bart ab – er sagte, er hätte wegen Corona keinen Friseurtermin bekommen…

Zum Thema „Geschmack“ bin ich vor einigen Tagen an einem besonderen Ort vorbeigewandert (sh. Foto „Schmeckwitz“). Heute hatte ich weiter einen pelzigen Geschmack von Teer und von Desinfektionsmittel, weil ich meine Lippen damit abgewischt hatte. Ekelig.

Und dann kurz vor Großenhain sah ich hinter mir das dänische Pilgerpaar. Wie, die hatten doch noch gefrühstückt, wo ich aus dem Hoftor ging. Ich weiß warum: das sind Turbopilger, im Schnitt über 5 Kilometer die Stunde. Klasse anzusehen, was das für eine dauerhafte Geschwindigkeit ist. Chapeau für diese Leistung. So heißt auch unsere Lieblingskneipe in Hildesheim „Chapeau Claque“. Und eine Frage stelle ich mir gerade: hat das an den Bierchen gelegen?

In Großenhain ist derzeit Notstand an freien Betten. Die Pilgerherberge ist zu. Hotels und Pension ausgebucht. 2 Stunden telefoniert und über 6 Kilometer rumgelaufen, um ein freies Zimmer zu ergattern. Auch meine Überlegungen einfach weiter zu wandern hätte nichts gebracht, alles in nächster Umgebung voll. Zur letzten Pension auf meinem Zettel bin ich hingelaufen. Happy End: letztes Zimmer bekommen. Das war richtig, richtig knapp. 23€ inkl. Frühstück. Die Pension ist an dem Cafe Faust angeschlossen. Alles ordentlich, sogar neues Duschbad. 33,96 Kilometer Tagesleistung und der Regenponcho kam erstmals zum Einsatz. Perfekt funktioniert.

Lohnabzug, Strafvollzug und toller Zug des Fahrdienstleiters

16. Juli 2020

Heute waren viele Menschen am „Zug“… Nach einer ruhigen Nacht und einem guten Frühstück kam es zu Irritationen beim Bezahlen. Gestern hatte mir der Ober vom Cafe, der gleichzeitig auch für die Vergabe der Pensionszimmer zuständig war, ohne das ich nachgefragt hatte, mitgeteilt: Pilger bekommen ein kostenloses Frühstück. Auf einmal kamen 29€ zusammen, also Übernachtung, Frühstück und Coronazuschlag. Und jetzt machte ich mir einen Spaß: ich bezahle das nicht, weil es anders vereinbart war. Punkt, Komma, Strich. Im übrigen sagte ich, sind auch ihre Preise auf der Internetseite nicht aktuell sondern noch niedriger. Ein Miteinander unter den MitarbeiterInnen gab es nicht, jeder „hackte“ auf den Ober herum. Er sei erst drei Monate krank gewesen und erst seit gestern wieder im Dienst. Ich fragte höflich, hat ihn denn keiner nach seiner Rückkehr neu instruiert? Ich argumentierte wohl etwas lauter… die Chefin aus der 1. Etage wurde gerufen: Hauptberuf Tochter schätze ich…. diese junge Dame musste sich erstmal von mir einen Vortrag zu guter Mitarbeiterführung anhören. Und die brachte dann folgende Aussage: wenn Sie nicht bezahlen, dann ziehe ich es vom Lohn des Obers ab. Lohnabzug? Sind ja tolle Methoden hier: erinnert mich an den Ausruf des Hoteliers zu Helmut Kohl (Bericht vor einigen Tagen). Ich bezahlte komplett und bei diesen fiesen Methoden kann ich noch nicht mal eine schlechte Bewertung schreiben, dann wird der Ober entlassen. Ich mach das einfach in drei Monaten. Das ist mir wichtig, mein heutiges Begleitwort.

Dann ging es wieder los. An einer Bahnschranke traf ich Pilger Viktor (29), Lehrer für evangelische Religion und Sport aus Wuppertal. Wir sind ca. 3 Kilometer zusammen gewandert. Vorgestern hat er in einem Armenhaus ohne Strom und Wasser übernachtet. Nur eine Kerze und 20l Wasser in einer Kanne hat ihm der Küster gegeben. Auch seine WhatsApp hat er für diese Wanderung gelöscht. Toller junger Mann, der schon zweimal in Compostela war. Seine neueste Idee: Pilgern im Rahmen einer Projektwoche. Bitte, bitte umsetzen. Das ist wichtig.

Ich hörte heute den Strom durch die über mir verlaufenden Stromleitungen fließen und sah einen Trecker, der ein Kartoffelfeld mit Unkraut-Vernichtungsmitteln bespritze. Es roch einfach Sch….. wir haben früher die Kartoffelkäfer vom Feld unserer Eltern per Hand einsammeln müssen. Und das Unkraut haben wir weggehackt.

Immer wieder traf ich die Dänen, sie heißen übrigens Allan und Christine. Und mittags hat er sich gedopt: 1/2 Liter Bier. Also doch – Bier ist gut für den Turbo (sh. Bericht gestern).

Und dann wieder etwas kurioses: in der Jugendstrafvollzugsanstalt in Zeithain gibt es eine Pilgerherberge. Strafvollzug für Pilger.

Entlang am Elberadweg ging es bis zur Fähre nach Lorenzkirch. Oh je, die Fähre war aufgrund eines technischen Defekts außer Betrieb. Wie rüberkommen? Doch bitte nicht wie „Fischer, Fischer wie tief ist das Wasser?“…. – unser Laufspiel auf der Straße in unserer Kindheit. Allan und Christine waren schon an der Fähre und hatten eine Lösung: mit dem Bus nach Riesa und dann nach Strehla. Ein toller Zug des Fahrdienstleiters bei der Dänischen Eisenbahn. Also zurück zur Bushaltestelle, natürlich sahen wir von weitem noch einen abfahrenden Bus.. Von der Fähre wäre es nur noch 1 Kilometer gewesen… Angekommen sind wir dann trotzdem. Danke Allan, ein toller Zug von dir. Das ist mir wichtig zu sagen.

Heute übernachte ich im Ambiente in Strehla. Sehr gemütlich und die Wirtsleute sind sehr zuvorkommend. Klasse 4,6 Sterne bei Google. Gleich dort gegessen. Und noch eine schnelle OP am rechten Fuß Methode Herzog (sh. Bericht Nürnberg – Konstanz) durchgeführt. Heutige Wanderleistung 30,26 Kilometer.

11 % Steigung und sind Schuhkartons langweilig?

17. Juli 2020

Wenn ich morgens mit „Guten Morgen Herr Kruppki“ begrüßt werde, dann fühle ich mich fast wie Zuhause. Zuhause sagt natürlich keiner Herr Kruppki… Aber: haben Sie/Du gut geschlafen, das fragt mich meine Frau auch immer. Schön. So beginnt ein traumhafter, das Tageswort, Sommertag.

Übrigens hier in Sachsen der letzte Schultag. Es gab Zeugnisse und um 8.30 Uhr waren die Kids schon wieder aus der Schule. Bei uns in den Ferien gab es die Zeugnisse erst in der 3. Schulstunde. Hauptsache die Zeugnisse werden nicht zum Trauma für manche Schüler. Und bereits um 10.00 Uhr in Mahlis einen vollbesetzten Audi + Wohnwagen gesehen. Oh schön, Sommer am Meer – traumhaft.

Vorher, kurz nach Leckwitz, habe ich eine Pilgerin in meinem Alter gesehen. An der alten Windmühle machte sie Pause. Ich hatte sie schon von weitem beobachtet: sie hatte sich verlaufen und musste einen Berg mit 11 % Steigung hoch. Aua. Und kurz vor Dahlen hat sie mich wieder überholt. Scheint ja doch nicht so anstrengend gewesen sein…

Und in Dahlen sehe ich eine Mauerkritzelei: „Schuhkartons sind langweilig“. Was will uns der Sprüher damit sagen? Ich weiß es wirklich nicht…

Nach 19,1 Kilometer Wanderstrecke bin ich in der Lindenpension angekommen und habe mir heute den Restnachmittag frei genommen. Traumhaft.

Und heute zum Schluss eine Buchempfehlung: Achtsam morden von Karsten Dusse, erschienen im Heyne Verlag. Es geht um einen verheirateten Mann, der von seiner Frau quasi „gezwungen“ wurde, an einem Achtsamkeitsseminar teilzunehmen. Das hat Folgen… Gut, dass es keine wahre Geschichte ist.

Übeltäterin auf frischer Tat ertappt…

18. Juli 2020

Gestern Nachmittag habe ich auf dem Marktplatz von Dahlen noch das Pilgerehepaar Nannette und Michael getroffen. Sehr freundliche Pilger, die auch schon von Görlitz unterwegs sind. Beim Kloster Marienstern habe ich sie wohl ungesehen überholt. Natürlich frage ich auch gern, wo sie herkommen und, und, und … Und sie kommen aus Simmern. Upps, da war doch noch was: da hat mein Wanderbruder Peter bei einer Fertighausfirma gearbeitet, die OKAL übernommen hatten. Er war fast zwei Jahre von Montag bis Freitag als Architekt vor Ort in Simmern. Wir plauderten munter weiter…. beide wandern auch bis Vacha. Ich fragte habt ihr denn solange Urlaub? Ganz zögerlich kam heraus: wir sind beide Lehrer.

Also ich muss jetzt mal eine „Lanze brechen“ für LehrerInnen. Ihr macht einen tollen Job, habt unseren Kindern viel beigebracht und sie zur Selbstständigkeit erzogen. Meine Frau und ich lassen uns gern auch heute immer noch die Meinung sagen. Allein als LehrerIn täglich diese Geduld aufzubringen und sich um jede/n SchülerIn individuell zu kümmern. Vorbildlich. Und in den heutigen Klassen noch mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen zu recht zu kommen und keinen auf der Strecke zurückzulassen, das bedarf schon Geduld. Ihr habt es verdient, auch im Sommer länger Urlaub zu machen, denn viele von euch haben keine 38,5 Stundenwoche. Das musste ich jetzt mal los werden, obwohl das heutige Wort „können“ heißt. Und steht zu eurer „Berufung“!

Nach einer geruhsamen Nacht und einem einfachen Frühstück ging es wieder auf „Strecke“ und bereits nach 150 Metern habe ich die Übeltäterin auf frischer Tat ertappt. Ihr wisst schon, meine große Blase und Druckstellen an der rechten Ferse. Es ist meine innenliegende, orthopädische Schuheinlage, die ein zu kurzes Bein ausgleicht. Egal, raus damit und oh Wunder der Schmerzgrad ging von 5,87 auf 2,05 zurück. Macht 3,82 % Schmerznachlass bei meiner besonderen Prozentrechnung (sh. Vorbericht).

Nun gut, ich konnte deutlich besser gehen. Hier in der östlichen Region unseres Landes gibt es selten Fußwege vor den schicken, renovierten Häusern, aber es gibt überall frisch geharkte Wege mit Erde und Steinen. Es ist mir immer eine besondere Ehre darüber zu laufen. Herrlich. Ich könnte auch daneben gehen – mache ich aber nicht.

13-jähriger fährt Motorradrennen auf dem Jakobsweg – Vater erfüllt sich seinen Kindheitstraum…

In Börin sehe ich in einem Vorgarten einen älteren Herrn, der typisch für diese östliche Region ein weißes Unterhemd und Jogginghose trug. Er wünschte mir eine gute Wanderung und betonte, dass ich trotz der ersten sechs Kilometer sehr entspannt wirkte. Mein Angebot mich noch fast 20 Kilometer zu begleiten, schlug er lachend aus. Verstehe ich nicht….

Kurz nach Börin, auf dem Abzweig zum gemeinsamen Luther-/Jakobsweg, hörte ich Motorradgeräusche. Und dann sah ich ihn schon, ein junger Knirps mit seiner Crossmaschine kam auf mich mit vollem Tempo zu und fuhr knapp an mir vorbei. An einem Jägerstand lehnen sah ich den Vater, eine Hand in der Hose: wahrscheinlich mit Stoppuhr. Wir kamen kurz ins Gespräch und meine Vermutung hat sich bestätigt: der 13-jährige erfüllt Vaters Kindheitstraum. Und schwupps sauste der Junior wieder vorbei. Was wohl Martin Luther oder Bruder Jakob dazu gesagt hätten?

Die erste und einzige Pause machte ich in Körlitz, in dem Ort, wo der Schiedsmann „Friedensrichter“ heißt und der Mitgliedsbeitrag des Kleingartenvereins zur Jahreshauptversammlung noch in bar mitgebracht werden muss.

+++ Eilmeldung +++ Junior steht vor großer Herausforderung

Und in Wurzen angekommen, hörte ich unfreiwillig einem Handygespräch mit, die Mutter hatte auf „laut“ gestellt. Die Eltern sind wohl im Urlaub hier und Junior fragte seine Mami, wie denn die Waschmaschine funktionieren würde, seine Jeans müsste unbedingt heute gewaschen werden. Mami war sehr bemüht, es zu erklären. Papi platzte bald der Kragen und riss Mami das Handy aus der Hand und schrie rein: schau Dir ein Video auf YouTube an. Mami riss sich das Handy zurück und erklärte geduldig weiter. Erst als ich richtig, richtig laut lachte, da bemerkten sie mich. Schön peinlich. Den Anruf wie der Trockner funktioniert, den habe ich aber nicht mehr mitgekriegt.

Untergekommen bin ich im Gasthof zur Post. Schick. Etwas für die Seele nach 24,67 Kilometer und vielen Eindrücken….

Pilgergolf und Wäschesonntag

19. Juli 2020

Es sind jetzt Ferien in Sachsen. Ich hatte gestern für die nächsten drei Tage die Unterkünfte vorgebucht. Als ich heute morgen um 8.30 Uhr losmarschierte hatte ich in Wurzen schon 23 Grad Temperatur auf der Wetterapp. Es sollte also heute richtig heiß werden – wurde es auch… auf dem Weg nach Leipzig fühlte ich mich besonders lebendig, das heutige Stichwort.

Noch lebendig waren die Fische im kleinen Flüsschen „Mulde“, aber es waren fast 20 Angler dabei dies zu ändern. Angler darf man eigentlich nicht stören, sie trinken hier ihre Biere, weil sie es zu Hause wohl nicht dürfen… Ich wünschte ordnungsgemäß bei jedem Angler „Petri Heil“.

Heute habe ich nur ganz wenige Wanderer getroffen; kein Sch…… läuft bei 28 Grad im Schatten durch die pralle Sonne. Gut, dass ich das Hotel in Leipzig gebucht hatte, denn der innere Schweinehund hat sich mehrmals gemeldet. Und welcher Wochentag ist eigentlich? Ganz klar: Sonntag! Hier in der östlichen Region unseres Landes herrscht noch Disziplin und Ordnung, in keinem Garten hing Wäsche auf der Leine. Nur bei uns Zuhause wird da nicht drauf geachtet, deshalb frage ich meine Frau schon mal: welcher Tag ist eigentlich heute?

Als letzter Wanderer, nach dem gleichnamigen Spielfilm mit Heinz Erhardt, pfiff ich fröhlich und lebendig vor mich hin. Dann kam ich an einer Bank vorbei, hier wurde ein Naturförderprogramm für in Schieflage geratene Banken aufgelegt. Der Ameisenhaufen übernahm eine feste Säule. Ob trotzdem noch jemand die Dienste dieser Bank in Anspruch nimmt?

Und jetzt der Hammer. Ca. 20 Kilometer vor Leipzig befindet sich der Golfplatz vom ccc Leipzig und mitten durch geht der Jakobsweg! Einmalig schön und die GolferInnen sind sich dieser besonderen Verantwortung bewusst und beten sehr häufig zum Himmel: lieber Gott lass den Ball reingehen…. Meine Schwester spielt auch sehr leidenschaftlich und gut Golf und hat gerade am Wochenende ihr Handicap verbessert. Glückwunsch. Es wäre schön, wenn auch Menschen mit dem anderen Handicap sich lebendig fühlen.

Und die neuste Trendsportart ist Fußballgolf. Das habe ich selbst schon mit großer Freude gespielt – mit Picke geschossen, versteht sich. Also wie beim Golf muss man mit wenigen Schüssen den Platz überqueren und genau in einem im Boden eingelassenen Maurerkübel zielen. Meine Kinder haben jetzt ihre Stiefschwester zum Junggesellinnen-Abschied mit dem Fußballgolf überrascht. Es war wohl richtig lustig… mehr haben sie nicht verraten….

Na ja und ich erfinde jetzt das Pilgergolfen: Pilgerstab umgedreht und mit vollem Schwung den Ball dreschen… Oder würde da besser Pilgerhockey mit gehen?

Und jetzt etwas in eigener Sache: noch 4,5 Kilometer, dann habe ich bereits die Hälfte der Strecke geschafft. Heute waren es 32,23 Kilometer. Morgen geht es friedlich und lebendig zur Nikolaikirche – natürlich an einem Montag. Danke für über 1.500 Besuche meiner Seite www.wanderbruder.de und danke an die www.personallounge.de in Hildesheim und Groß Düngen für die wunderbaren schmerzbefreinen Übungen, speziell für Pilger mit einem schweren Rucksack und danke an meine Frau www.coach-hildesheim.de für das tägliche Coaching.

Waschbecken-Turner und Abstecher nach Damaskus

20. Juli 2020

Heute heißt mein persönliches Tageswort „Achtsamkeit“. Eigentlich hätte es schon gestern Abend gepasst. Gestern verspürte ich enormen Hunger. Bei der Achtsamkeit soll ich auf meinen Körper hören. Gehört. Zwei Straßenecken weiter war ich im Leipziger Damaskus I. Restaurant. Ich bestellte einen Hähnchenburger ohne Pommes Frites und bekam stattdessen Hähnchen + Gemüse in einer Teigrolle. Egal, frisch zubereitet und hat gut geschmeckt. Nebenan in Damaskus II trank ich einen Espresso und achtete darauf diesen langsam zu trinken. Geschafft. Wieder ein Geschäft weiter: Damaskus III, ein Lebensmittelgeschäft, dort kaufte ich eine Flasche stilles Wasser. Ausgetrunken. Schön, dass alles hier so direkt zusammenliegt.

Ach so, in Damaskus I kam ein Angestellter zur Schicht und betete zum Nachmittagsgebet erstmal auf einem Teppich. Das ist alles hier so lebendig – mein gestriges Stichwort. Manchmal komme ich schon selbst durcheinander, welches Wort gerade dran ist.

Und dann zurück auf die Bude. Von Helga H. habe ich einen Insidertipp für müde und geschwollene Füße bekommen. Mindestens 10 Minuten ins kalte Wasser stellen. Oh je, also bin ich aufs Waschbecken geturnt, gut dass das kein hängendes war, oben hingesetzt und die Füße ins kalte Wasser gestellt. Ein Bild für die Götter… und als 2. Tipp die Füße auch über Nacht richtig hochlegen. Und das hat richtig geholfen… zum Frühstück passte ich wieder bequem in meine Duflex-Schuhe. Super.

Heute morgen marschierte ich zuerst zur Nikolaikirche – das war schon ein aufregender Moment, als ich mitten auf dem Platz die Augen schloss und an die friedlichen Demonstrationen im Jahr 1989 dachte. In der Stadt Leipzig wird derzeit viel gebaut, es war einfach nur laut. Raus da. Heute war es eine schöne Wegstrecke am Zoo vorbei und entlang des Flüsschens „Neue Luppe“, wenig Asphaltstrecken.

Vor der Kirche in Maßlau habe ich die ersten und einzigen Pilger getroffen. Das Ehepaar wohnt auf Rügen und die sind seit Wurzen auf der Strecke. Total freundlich, sie machten gerade Siesta. Hunger hatte ich allein vom Zugucken bekommen. Nein, nein, du musst auf deinen Körper achten… und die Turbopilger aus Dänemark (sh. Bericht vor einigen Tagen) hatten sich auch erst heute im Kirchenbuch eingetragen. Ich sitze Allan und Christina quasi im Nacken.

In Dölkau habe ich auf dem Hof etwas gesehen, was mich an früher erinnerte: auf der Hoffläche haben wir auch immer das Gras für die Kaninchen getrocknet. Durch den Beton von unten und der Sonne von oben wird es schnell zu Heu.

Und dann noch am Handy „Happy Birthday“ für unseren Enkelsohn gesungen und schwupps war ich schon in Merseburg. 36,21 Kilometer waren heute zu viel. Aber genauso anstrengend war es wohl auch für meine Frau beim Kindergeburtstag mit 10 Kindern. Sie sagte: Flöhe sind einfacher zu hüten.

Für heute untergekommen bin ich im Goldenen Löwen in Merseburg. Vorher hatte ich mir noch ein Karton aus einer Buchhandlung geholt und jetzt sind schon 2,2 Kilo Klamotten etc. unterwegs nach Hause. Denn wie heißt die alte Pilgerregel: jedes Kilo weniger, erhöht die Tagesleistung um einen Kilometer. Mal sehen, ob der Rucksack morgen allein geht….

Ach ja, sowohl heute beim Goldenen Löwen und gestern beim Atlas Hotel bekam ich den Schlüssel für das für mich vorgesehene Zimmer. Und jedesmal war es noch nicht gereinigt!!! Na ja, Upgrade lässt grüßen :-). Ich spekuliere gerade, was beim 3. Mal passiert… wahrscheinlich sind dann noch Gäste drin. Abwarten.

Nackter Pilger und Yoga in der Kirche

21. Juli 2020

Ein herrlicher Tag. Heute war „Ruhe“, das angesagte Stichwort des heutigen Tages. Richtig gut, gestern habe ich mich überschätzt. Gleich nach dem feudalen Frühstück die Laufpläne geändert: das Zimmer in der Pension in Freyburg storniert und bei der Pilgerherberge in Roßbach mich angemeldet. Gut so, denn laut Plan waren es 16 Kilometer, tatsächlich mit Stadtrundgang in Merseburg doch wieder 21,04 Kilometer.

Bei diesem Stadtrundgang, auch zum Dom, traf ich wieder das Pilgerehepaar von Rügen. Ines und Dirk. Die beide hatten in einer Kirche übernachtet – auf der Empore, wo bis zum Krieg noch eine Orgel stand. Was muss das für eine tolle Atmosphäre gewesen sein…. und morgens haben sie gleich ihre Yogaübungen gemacht, die fünf Tibeter. Interessant. Gemeinsam wanderten wir die nächsten acht Kilometer zusammen, bis kurz vor Frankleben. Sind gerade Großeltern geworden und durch Corona hatten sie endlich wieder mehr Zeit für sich und die Familie. Das ging wohl allen so. Das war das Schönste an Corona.

Mein Weg führte mich durch eine Kleingartenanlage, dort wurde eine Parzelle extra für Pilger eingerichtet – der Garten der Begegnung. Klasse gemütlich. Pause und Ruhe. 100 m weiter gab es in dieser Kleingartenanlage sogar eine Pilgerherberge. Witzig. Frischer geht das Gemüse und das Obst nicht.

In Frankleben, in der Nähe des Dorfgemeinschaftshauses sah ich eine Schlange – aus hintereinander gelegten Steinen. 11 m lang. Tolle Idee. Und sowas habe ich schon auf meiner Tageswanderung um das Steinhuder Meer gesehen (sh. Bericht).

Und dann kam schon wieder so eine geharkte Fläche. Diesmal bin ich nicht rüber gelaufen – warum eigentlich nicht?

Und am Geiseltaler See, der größte wohl in Sachsen-Anhalt, war mit tierisch warm. Es ist ein See, der durch die Aufgabe des Tagebaus entstanden ist. Ich dann verbotenerweise zum See runter, Klamotten aus und splitterfasernackt in den See gegangen. Das Wasser war sehr angenehm, nur unter mir sackte der Boden ein. Halt Vorsicht, da war doch was (sh. Bericht Nürnberg–Konstanz). Dann habe ich mich von oben bis unten nass gemacht. Also nicht nur ein nackter sondern auch ein nasser Pilger. Dann 30 Minuten Ruhe… übrigens, das trübe Wasser wurde während dieser Zeit nicht wieder klar – das matschige Erdreich war wohl richtig tief.

Heute war Mäusetag, also nicht die im Portemonnaie, sondern auf den abgemähten Kornfeldern. Sie zischten nur so vorbei. Und dann habe ich meinen zukünftigen Stiefschwiegersohn zum Geburtstag gratuliert. Dem haben sie beim Junggesellen-Abschied böse mitgespielt. Ok, das Bierfahrrad war angemessen, doch er musste den ganzen Tag ein Dortmund-Trikot tragen, obwohl er ein eingefleischter Schalker ist und die sind bekanntlich Erzfeinde. Tun so etwas die engsten Freunde? Die Zeche haben sie selbst zu zahlen. Rache ist süß.

Hier im Tagebaugebiet sind viele Kleingartenanlagen. Und eine heißt „Glück auf“. Das darf ich übrigens auch offiziell sagen, urkundlich verbrieft. In Osterwald bin ich in ein Bergwerk eingefahren und habe mich wohl ordentlich benommen. Wenn die heute die Story mit dem verbotenen Baden hören würden, dann müsste ich mit einem Entzug rechnen.

Getroffen habe ich noch den sechsjährigen Erik, der jetzt am 29. August in die Schule kommt. Er hat schon einen Polizeiranzen (?). In der Vorschule hat er tatsächlich schon die ersten Wörter auf Englisch sprechen müssen. Kein Kommentar.

Untergekommen bin ich ordentlich in einem Gartenhaus mit Dusche und WC bei der Familie Schwarzer in Roßbach. Sehr idyllisch hier. Schöner Garten.

Fährunglück, Jacke wie Hose und Hexenbesen

22. Juli 2020

In der Nacht habe ich etwas gefröstelt, aber irgendwie wollte mein „Ich“ nicht aufstehen, um eine Decke zu holen. Komisch, dass der nicht auf mich hört… Mit frischem Kaffee und einem einzigartigen, mein heutiges Begleitwort, tollen Müsli mit leckeren Obststücken und Haferflocken begann mein Tag sehr gesund. Die Frau des Hauses, Andrea Schwarzer, setzte sich mit einem Tee zu mir an den Frühstückstisch und wir kamen ins Erzählen. Das ist alles immer so zwanglos auf einer Pilgerwanderung. Sie ist Sozialarbeiterin in einer Schule mit 320 SchülerInnen. Und leider sagt sie, kommt sie erst ins Spiel, wenn es in der Wechselbeziehung zwischen Lehrer – Schüler – Eltern irgendetwas nicht so läuft. Tja, und sie ist die einzige Sozialarbeiterin dort… sie würde gern mehr helfen, doch dazu fehlt die Zeit. Ich erzählte ihr, was meine Frau in ihrer Freiberuflichkeit als Coach so macht. Ein Geschäftsmodell für Andrea? Bestimmt, denn sie ist aus dem gleichen Geburtsjahrgang wie meine Frau, denn zu solch einer Tätigkeit gehört auch Lebenserfahrung. Ach so, beim Frühstückstisch stand ein Beistelltisch – witzig beschriftet: so setzt sich da keiner drauf….

Heute ging meine Wanderstrecke Richtung Freyburg, den Freyburger Sekt kennt hier jeder. Aus dieser Stadt kommt auch der Rotkäppchen-Sekt. Und mitten durch einen Weinberg ging der Jakobsweg Görlitz – Vacha. Schöne Gegend, herrliche Gutshäuser und Straußenwirtschaften. Den Begriff Straußenwirtschaft kannte ich bisher nicht. Hier wird die eigene Weinernte in der Saison direkt vom Erzeuger ausgeschenkt. Und das Zeichen, dass die Wirtschaft auf hat, ist ein raushängender Besen. Na ja, Hauptsache es kommen nicht nur Hexen als Gäste. Eine schöne Urlaubsgegend. Muss ich mal mit meiner Frau hin. An dem Flüsschen „Unstrut“ führt auch ein sehr gut ausgebauter Radweg entlang, der Saalekreis-Radweg.

Und 5 km vor Naumburg führt der Jakobsweg über die Unstrut mit einer Fähre in die Stadt. Gestern Abend gab es ein Fährunglück, der Fährmann wurde von einer Wespe gestochen und was kommt jetzt? Aber klar, die Fähre hat deshalb heute ihren Betrieb eingestellt. Na liebe Stadt, wo ist der Notfallplan für die Hauptsaison, hunderte Radfahrer und Fußgänger wollten rübersetzen? Egal, Jacke wie Hose, dann lauf ich halt noch ne Extrarunde. Ich dachte der Fährausfall an der Elbe (sh. Vorbericht) wäre einzigartig, jetzt schon zweiartig.

Und in Naumburg, endlich nach 26,74 Kilometer angekommen, führte mich der Weg an einem Behindertenparkplatz vorbei. Seht auf dem Foto selbst: so werden rücksichtslose Autofahrer abgeschreckt. Klasse.

Diesmal habe ich eine neu renovierte Ferienwohnung „Erlenring-Pension“ mitten in der Stadt als Quartier bekommen. Sehr angenehm.

2. Kaffee, Umzugshilfe und die schönste Frau gesehen

23. Juli 2020

Zur Feier des Tages, mehr als 2/3 der Wegstrecke von Görlitz nach Vacha sind geschafft, gibt es zwei Berichte:

Gestern Abend musste ich wieder auf meinen Körper hören. Hunger, Hunger. Im Biergarten „Zum Alten Krug“ wurde ich gut versorgt. Dieser Biergarten befand sich in der grünen Fahrradzone nahe des Doms. Ich setzte mich zudem strategisch günstig hin, um bei einem Umzug zuzuschauen. Schön, wenn andere richtig arbeiten. Ich erkundigte mich freundlich, in welche Etage geht’s denn? 4. Etage – ohne Fahrstuhl. Nein, nein, da möchte ich nicht helfen. Aber ich habe die vielen Helfer aktiv begleitet mit meinen Sprüchen: „kann das nicht ein bisschen schneller gehen“ oder „was seid ihr für Männer und lasst eine junge hübsche Frau (die zieht da mit ihrem Freund ein) so schwer schleppen?“ … beim nächsten Vorbeilaufen bekam ich ein ehrliches Lächeln der jungen Frau. Mensch, haben die geschwitzt, ob die sich über mein Zuprosten gefreut haben?

Vor dem Essen hatte ich noch den Dom besichtigt. Freier Eintritt mit Pilgerausweis. Geht doch. Und dann habe ich Uta, die schönste Frau des Mittelalters, gesehen. Sie war irgendwie so versteinert. Mir war der Dom zu unübersichtlich, ist natürlich Geschmackssache… Und in der benachbarten „Taverne zum 11. Gebot“ soll ich wohl zum Trinken einkehren. Nee, nee, ich habe eine Challenge.

Die Wohnung war wunderbar und ich habe super gut geschlafen. In der Bäckerei Sternbäck gegenüber hatte ich am Abend vorher ein deftiges Frühstück und zwei Brötchen extra als Wegzehrung bestellt. Wusste natürlich keiner am Morgen… Das Frühstück war sehr lecker. Dazu gab es Kaffee mit zwei Milchportionen. Ich machte beide auf und schüttete sie in den Kaffee. Und dann passierte es wie in 2 von vier Fällen. Die zu kalte Milch gerinnte im heißen Kaffee. Ja, ja früher im Büro nannte ich das „Plocken“ und schlug auf meine Stimmung. Heute morgen habe ich erstmal die Hälfte ausgetrunken und mich dann beschwert. So hatte ich meinen 2. Kaffee.

Die Wegstrecke ging wieder am Dom vorbei, wobei heute früh der Organist noch ohne Besucher sich „frei“ spielte. Das war herrlich. Vorbei am Oberlandesgericht und dabei an Dr. Herbert S., von der Kreisverkehrswacht, dem Amtsgerichtsdirektor gedacht. Der ist nie abgehoben, sondern hat mich auch bei meiner Stiftungsarbeit unterstützt. Pfundskerl.

Durch das Weindorf Roßbach hätte ich früher bei vielen Kostproben länger gebraucht. Kein Wein(en), sondern heulen… Die moderne Weinpresse ersetzt die menschliche Fußpresse.

Auf dem Weg nach Punschrau, ganz oberhalb des Weinberges, traute ich meinen Augen nicht, eine ausgediente Sparkassen-SB-Geschäftsstelle stand dort. Mitten im „Niemandsland“. Soll das ein Zeichen für mich sein? Ich glaube ja, denn die alte Sparkasse hat jetzt von hier den verdienten besten Weitblick und das gilt auch für mich.

Rodelner Pilger und just in time

23. Juli 2020

Heute stand der Handytacho bei 25,17 Kilometer. War aber sehr kurzweilig. Und ich hatte vergessen, das Tagesstichwort von meiner Frau zu ziehen… Heute fehlte es mir nicht. Ich marschierte wieder über die Rüttelseitenstreifen (sh. Bericht Nürnberg – Konstanz), die hier immer 4 Punkte haben. Oh, in Bayern hatten diese im Wechsel drei und vier Punkte. Gibt es in der Straßenverkehrsordnung dazu keine DIN-Norm? Da muss wohl gleich Bundesverkehrsminister Scheuer ran. Und ob dieser Witz was taugt (sh. Foto) entscheidet selbst.

Hier werden fleißig die Felder geerntet. Die Mähdrescher laufen pausenlos – noch nicht einmal zur Entleerung der Körner hält der Mähdrescher an. Ein Trecker mit Anhänger fährt parallel dazu und schwupps wird umgepumpt. Just in time – und das auf dem Dorf. Aus Rücksicht auf meinen Schwiegersohn Rainer habe ich das Foto aus einer größeren Entfernung gemacht, der Mähdrescher kam nicht von Krone. Weiter konnte ich ein Gummikettenfahrzeug beobachten, das an einem Hang eggte. Jedes Rad bestand aus drei innenliegenden Rädern und drumherum war die Gummikette. Sah so aus wie eine Treppenkarre. Leider habe ich kein Foto davon gemacht.

In Eckartsberga fand ich schnell meine Unterkunft am Markt. Am Markt habe ich früher auch gearbeitet. Erst die alte Sparkasse (sh. heutiger Bericht) und dann noch die Straßenbezeichnung. Na ja, Zufälle soll es ja nicht geben, aber warum wünscht mir Frau M. von der größten Tageszeitung im Weserbergland www.dewezet.de gerade heute eine gute Wanderung. Danke auch für die gute Zusammenarbeit.

Und auch sportlich ging es weiter… im Ort keine Essensmöglichkeit. Ein Einheimischer empfahl mir das Freizeitgelände oben an der Eckartsberga-Burg. Nur, dass das sehr weit oben ist, konnte ich erst sehen, als ich die 1. von 126 Stufen mir vornahm. Der schwere Rucksack musste nicht mit. Gut so. Oben angekommen habe ich mich erst einmal gestärkt mit einem mediterranen Nudeltopf. Frisch und sehr geschmackvoll. Ich hätte es auch schon eher schreiben können, aber das Beste kommt zum Schluss – ein Muss für jeden Pilger!!!

Dort gibt es eine kurvenreiche Sommerrodelbahn. Bruder Jakob hätte sich bestimmt gefreut, wenn er mich gesehen hätte: den rodelnen Pilger. Bin fast immer Vollgas gefahren. In meiner Heimat in Bodenwerder gibt’s auch eine Bahn. Diese hier ist nur die weltweit größte Rodelbahn mit den engsten und meisten Kurven. Informiert euch unter www.rodler-treff.de. Zählt eigentlich diese Strecke als Wanderkilometer mit?


Pilger rutscht Hose runter und lebensmüde Maus

24. Juli 2020

Und fast hätte ich es vergessen, gestern war ich nach meinem Rodeleinsatz (sh. Bericht) noch in der Außenstelle der Verbandsgemeinde „An der Finne“ in Eckartsberga. Dort wollte ich meinen Pilgerstempel abholen. Die Gemeinde hat bis 16.00 Uhr Öffnungszeit, doch die zuständige Mitarbeiterin war um 15.45 Uhr wahrscheinlich schon auf dem Weg ins Freibad. Richtig. Ich machte mir einen Spaß und fragte nach dem Namen der Bürgermeisterin, den Namen Monika Ludwig hatte ich natürlich schon an einer Tür gesehen. Irgendwie ging dann alles schneller. Da der Pilgerstempel nicht zu finden war, habe ich auf einen Dienstsiegelabdruck bestanden und bekommen. Geht doch.

Irgendwie ist gerade meine Pilgerhose ein bisschen größer geworden, heute morgen nach dem Anziehen rutschte sie gleich wieder runter und auch der Gürtel ist schon im letzten Loch. Ganz klar: das gute Essen meiner Frau fehlt mir sehr. Ja und das Stichwort behalte ich für mich und genieße es. Und was ihr schon wieder denkt: es hat mehr als drei Buchstaben.

Heute feiert meine Tochter D. ein Helferfest. Sie baut ein neues Haus mit ihrem Mann Rainer in Graes bei Ahaus. Dort kennen die Menschen kein Richtfest. Eigentlich richtig, denn nur wer hilft, sollte auch mit einem kleinen Dankeschönfest belohnt werden. Ich wäre gern dabei… Jammerschade. Übrigens: Ahaus ist die Stadt, wo die Trauung in der RTL-Show Traumhochzeit mit Linda de Mol in Holland noch im dortigen deutschen Standesamt offiziell gemacht werden musste.

Meine Frau kann leider auch nicht hinfahren, sie hat unseren Enkelsohn, den zukünftigen Wanderkönig, zu Besuch und sie sind gleich in den Harz in unsere Ferienwohnung gefahren – Werbeblock: www.urlaub-braunlage.de – kriegt er morgen seinen ersten Wanderpass von der www.harzer-wandernadel.de?

Zurück zu meiner Pilgerwanderung von Görlitz nach Vacha…. Heute gab es wieder viele Mäuse und eine sah ich über die breite Straße laufen. Ist die lebensmüde, denn es raste ein Auto heran? Ich guckte nicht hin, denn ich hasse gequetschte Mäuse mit Blut… Als das Auto durch war rannte die Maus zum Straßengraben. Glück gehabt.

In Buttelstedt habe ich mich länger mit Werner unterhalten. Der wohnt direkt am Jakobsweg Görlitz – Vacha und schneidet hinterm Haus regelmäßig mit einer Heckenschere den Jakobsweg frei. Danke. Irgendwie helfen hier alle selbstlos mit.

Etwas richtig Schönes, Nachahmenswertes habe ich in Ottmannshausen gesehen. Da hält regelmäßig die Fahr-Bibliothek. Ein Bus mit tausenden von Büchern steht dort heute zum Beispiel für 45 Minuten. Ich gleich rein und umgeguckt. Tolle Idee und die besteht schon seit 1992. Das müsste in den Dorfgemeinden bei uns auch Schule machen.

Pilger in Staubwolke verschwunden

In Ottmannshausen gibt es noch ein Freibad. Da war richtig was los. Schwimmen wollte ich nicht, die fast 30 Kilometer bis dort hin zeigten schon bei mir Ermüdungsspuren. Ich hatte mir dort gleich zwei alkoholfreie Biere bestellt. Das 1. Bier gleich ex getrunken. Und das 2. Bier war auf einmal ein alkoholhaltiges Bier. Hat der liebe Gott gemeint, ich hätte jetzt eins verdient? Es war nur eine Fehllieferung. Schade.

Auf dem Weg zum Landhotel Ollendorf überholte mich ein Fahrzeug eines Malermeisters. Auf dieser Schotterstrecke gab er richtig Gas und in dieser Staubwolke war ich verschwunden. Somit bin ich auch ein Staubpilger. War aber nicht so lustig… Na ja, die Via Regia war eben eine wichtige Handelsstraße.

Nettes Landhotel hier in Ollendorf. Tagesleistung 36,23 Kilometer.

Alter Pilgerstuhl und Handel auf der Krämerbrücke

25. Juli 2020

Heute früh bin ich pünktlichst losgewandert; es naht doch das Ziel Erfurt. Dort war ich schon häufiger vom Harz aus zum Shoppen. Wird es diesmal anders sein, wenn ich als Pilger in die Stadt komme? Die Vorfreude war riesig und das Stichwort für heute heißt Freude. Und zu meiner großen Freude sah ich wieder eine Steinschlange kurz vor Töttleben. Diesmal 70 Meter lang. Ob ich das bei uns Zuhause auch mal initiiere?

Nach 18,4 Kilometer war ich schon mitten in der Stadt. Bin von der anderen Seite (Anger) eingewandert. Irgendwann war die Wegweisung weg. Und was sehe ich zuerst, den Thüringer Bratwurststand, der gleich nach der Wende bei der Alten Mühle aufgemacht hat. Ich habe hier noch nie keine Warteschlangen gesehen. Köstlich diese Bratwürstchen…. aber ich habe ja die Challenge.

Ein besonderer Höhepunkt meiner Pilgerwanderung von Görlitz nach Vacha fand heute seinen Höhepunkt. Die Via Regia geht über die Krämerbrücke. Oh ja, das war Emotion pur. Ich machte meine Augen zu und ich hörte viele Stimmen und Geräusche; waren da etwa vollbeladene Pferdekarren der Handelsreisenden dabei?

Automatisch führte mich mein Weg zum Dom. Den haben wir bei unseren Einkaufserlebnissen nur von außen fotografiert. Doch heute sollte die Besichtigung einfach sein, denn die Kirchen in den letzten sechs Tagen waren alle verschlossen. Pilgerunfreundlich.

Und jetzt sitze ich vor dem Altar und genieße die absolute Stille in meinem Pilgerstuhl. Dieser Dom hat für mich etwas ganz Besonderes, weil er so eine große weite Welt verkörpert. Wunderbare Freude. Jetzt genau hier beginnt mein freier Nachmittag. Große Freude.

Kippenfrei und Nähpilger

26. Juli 2020

Direkt vor dem Dom in Erfurt gab es gestern Abend noch eine italienische Opernaufführung. Ich konnte in meiner Unterkunft live dabei sein. Das war kostenfrei :-). Rechne ich den Eintrittspreis vom Übernachtungspreis ab, dann habe ich für 10 Euro übernachtet. Trotzdem bin ich wohl drüber eingeschlafen. Kurz vor Mitternacht, das habe ich am Morgen gelesen, hat mir meine Lieblingsschwester, ich habe nur eine, die Information gegeben, dass unser verstorbener Vater in seiner Kindheit in Erfurt gelebt hat. Wusste ich nicht mehr, aber deshalb war wohl Erfurt für mich was Besonderes.

Im Hotel Garni am Domplatz begann dann schon sehr früh mein Tag. Ich hatte meine Sachen schon gepackt und begab mich bereits um 7.15 Uhr in den Frühstücksraum. Anpfiff fürs Frühstück eigentlich erst 7.30 Uhr. Ich mache seit einiger Zeit einen Test… bin einfach immer 15 Minuten vor Öffnung da. Mal sehen, ob sie dann Stress kriegen. Gemein, ich weiß, aber bei mir im Büro war das auch oft so, ich hatte die Jacke noch an und schon die ersten Fragen… Früher hat dann die innere Stimme gesagt: „der Tag geht ja schon mal gut los…“. In der Hälfte der Fälle bleiben die Wirtsleute trotzdem sehr entspannt, weitere 25 % werden etwas hektischer, so auch heute morgen, denn die Brötchen mussten erst noch vom benachbarten Bäcker geholt werden. Egal, ich bestellte gleich zwei mehr als Wegzehrung mit. Und prompt erfüllt. Die letzten 25 % haben ab diesem Zeitpunkt schlechte Laune. Ich bin ja jetzt Pensionär…

Gleich heute morgen kam mein Poncho zum Einsatz. Dauerregen. Aber unersetzlich bei diesem Schietwetter. Die hier in Erfurt sind übrigens sehr fortschrittlich: in 2021 ist hier die Bundesgartenschau; wer als Hundebesitzer ohne das Mitführen eines Kotbeutels erwischt wird, zahlt 20 € Verwarngeld und mindestens 50 €, wenn der Abgang liegenbleibt; und Erfurt soll kippenfrei werden, eine Zigarettenkippe verseucht übrigens 40 Liter Trinkwasser und wird erst in 400 Jahren abgebaut. Aber irgendwie können wohl die RaucherInnen nicht lesen…

27,94 Kilometer betrug meine heutige Wanderleistung nach Gotha. Ich habe nur wenige Menschen gesehen: einen Mann, der luxuriös in seinem Schwimmbad mit Gegenstromanlage schwamm, ein Herrn Sänger, der sich sehr für mich interessierte und mich nach meinem Befinden nach dieser schon langen Pilgerstrecke seit Görlitz erkundigte. Hatte den meine Frau beauftragt? Und sonst nur Menschen in der Entfernung.

Auch der Check-in ins Hotel Schützenberg erfolgte per Telefon und Durchsage des Codes für den Schlüsselkasten. Trotzdem ein ausgezeichnetes Genießer-Hotel.

Und beim Umziehen habe ich doch tatsächlich einen Knopf von meinem Polohemd abgerissen. Selbst ist der Mann. Gleich wieder angenäht, denn ich hatte Anfang der siebziger Jahre als Junge Handarbeitsunterricht. Das war für die damalige Zeit eine Revolution. Ob ich heute noch stricken und häkeln kann? Na ja, und der Zufall hatte mir in Tüttleben auch den Nachnamen meiner Handarbeitslehrerin ins Gedächtnis gebracht. Geißler stand auf einer Haustürklingel, der Nachname der Lehrerin.

Pilgervirus, Badelatschen und Spenden

26. Juli 2020

Hey, was war dass denn? Eigentlich ist ja der heutige Tagesbericht schon online. Und dann habe ich heute noch eine wunderbare Nachspielzeit gehabt. Jetzt aber erst von vorn: frisch geduscht, in kurzer Hose und mit meinen blauen zu engen Duflex-Latschen bin ich ins Zentrum gelaufen. Super schöne Innenstadt in Gotha. Die historische Fußgängerzone wird bis November 2021 saniert, so der Plan der Stadtfürsten. Und direkt vor meinen Augen: Archäologische Ausgrabungen – sichtbare alte Reste einer Stadtmauer, da geht die Fertigstellung aber auch bestimmt in eine Nachspielzeit… Kenn ich vom Wilhelm-Busch-Haus in Hameln.

Und plötzlich ein Regenguss. Ich musste mich schweren Herzens bei einem früheren Mitbewerber ins Foyer stellen, um halbwegs trocken zu bleiben. Eine Frau um die 60 erzählte mir während dieser Wartezeit, dass sie heute aus dem Kreis extra in die Stadt gekommen ist, um an drei Konzerten des Thüringer Orgelsommers teilzunehmen. Das letzte Konzert wäre um 18.00 Uhr in der Augustinerkirche. Pop, Rock und Filmmusik auf einer Kirchenorgel? Also ich mit. Alle schick gekleidet und ich mit meinen Badelatschen und der kurzen Hose. Zunächst fragte ich am Einlass, ob ich denn in diesem Outfit das Konzert besuchen dürfte. Aber klar sagte eine der Organisatoren: Jesus ist doch auch barfuß gelaufen…

Der Organist Michael Schütz aus Berlin spielte u.a. Cover-Versionen von Abba, Queen und Harry Potter auf der Kirchenorgel. Ein weiteres Nachspiel und eine schöne Auszeit für mich. Besonders gut gefallen hat mir das Stück „Imagine“ von John Lennon: …stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin…. Im Anschluss wurden Spenden für die arg gebeutelte Künstlerbranche gesammelt. Konnte ich gut nachvollziehen und wurde ehrlich in der Begrüßung rübergebracht. Ich habe mich auch beteiligt und es hat im Klingelbeutel nicht geklimpert!!! Zusammengefasst heißt das: gestern und heute im Konzert gewesen = Konzertpilger.

Auch meinen Körper habe ich gestärkt. Ich war danach beim Griechen Athos hier in Gotha. Kurze Zeit später kamen zu einem reservierten Tisch die Helferschar des Konzerts. Was für ein Zufall. Und ihr glaubt es nicht – das Gespräch habe ich belauscht!!! (warum sprechen die auch so laut?). Die 1. Frage war, wer zahlt das eigentlich heute? Das kam von dem Herrn, der gerade in der Kirche einen großen Spendenaufruf gemacht hatte. Hey Leute, wie scheinheilig ist das denn? Kann nicht jeder sein Essen selbst bezahlen? Leider gab es auf die Frage keine Antwort, weil wohl der „Herr des Geldes“ noch nicht da war. Schämt euch allein schon für die Frage! Hat das ein Nachspiel?

Ach so, fast hätte ich schon wieder etwas vergessen. Meine Berichte werden auch fleißig von Nutzern des www.daspilgerforum.de gelesen. Das sehe ich anhand meiner Statistikdaten. Und Pilger „Wanderer“ hat geschrieben, dass ihm der Pilgervirus genau auf dieser Strecke der Via Regia von Görlitz nach Vacha gepackt hat. Einmal Pilger – immer Pilger. Und „Simone“ ist so begeistert von den Berichten, dass sie am 5. Oktober selbst diese Pilgerwanderung macht. Da habe ich sie mit dem Pilgervirus virtuell angesteckt. Und vielleicht geht Pilger Franz mit. Herrlichst. Bleibt alle wohlbehütet.

Lauf – Forrest … Wanderbruder verlängert bis Fulda

Ihr kennt bestimmt alle den Film mit Forrest Gump, der in seinem ganzen Leben eigentlich immer nur gelaufen ist. Und meine große Stieftochter V. hat meine ausgedehnten Pilgerwanderungen mal zum Anlass genommen, mich mit „Lauf –Forrest“ zu motivieren. Ist ihr gelungen. Ich verlängere meine Pilgerwanderung auf der ViaRegia von Görlitz nach Vacha, jetzt bis nach Fulda. Für den nächsten
Sonntag ist das Rückfahrticket für den Zug nach Hildesheim gebucht. Also genügend Zeit für mich. Gestern hatte ich übrigens die 400 Kilometer-Marke überschritten. Ich melde mich also noch einige Tage lang auf diesem Kanal.

Radrennfahrer, Jakob verloren und Asse gefunden

27. Juli 2020

Im Büro hätte ich gesagt: typisch Montag. Der „Grieche“ von gestern lag mir die ganze Nacht noch schwer im Magen, so dass ich heute morgen auch nicht nur Pilger sondern noch gefühlter Radrennfahrer war, so gerädert war ich noch. Und das sollte so bleiben. Bin kurz nach 8 los und hatte immer noch keine Orientierung. Egal, die App maps.me gestartet, den nächsten Ort „Trügleben“ eingegeben. Und los. Ich habe viel gesehen, bloß den Jakob (Wegschilder) verloren. Auch im nächsten Ort Aspach, aber bitte nicht mit dem Weinbrand Asbach Uralt verwechseln, weit und breit kein Jakob zu sehen. Will mich da einer an einem Montag ärgern? Früher hätte ich es mir eingeredet, heute weiß ich, dass das alles nur Einbildung ist. Aber die Schilder habe ich trotzdem nicht gesehen.

Und wieder den nächsten Ort eingegeben: Mechterstädt. Jups, da habe ich die Asse (kleiner Bach) gefunden und bin auf der linken Seite entlanggewandert. Dann führte mich die App über eine vielbefahrene Straße nach Mechterstädt. Ich muss wohl verzweifelt ausgesehen haben, denn ein Autofahrer fuhr erst vorbei und drehte um, um mich dann nach meinem Weg zu fragen. Er hätte mich mitgenommen… Sehr freundlicher Autofahrer.

Endlich, in Burla habe ich Jakob wieder gefunden – nach über 15 Kilometern… und so erreichte ich Eisenach nach 7,5 Stunden. Das hat geschlaucht, denn ich hatte in der ersten Hälfte der Strecke keine gute Orientierung und das hat mich so beschäftigt, dass ich mit „Scheuklappen“ gewandert bin. Wirklich rein gar nichts wahrgenommen. So einen Tag wie heute hatte ich früher häufiger, besonders montags 🙂

Schnell noch in Eisenach das Martin-Luther-Haus angesehen und dann ab zum Kaiserhof. Ausgiebig geduscht und dann einen zweistündigen Vorabend-Schlaf gehalten. Hätte ich mal im Büro auch ein Schlaflager gehabt…, denn jetzt bin ich fit und könnte Bäume ausreißen.

Saftladen, Stichladen und Schuhladen

28. Juli 2020

Gestern Abend war ich noch kurz in der Stadt, hier in Eisenach. Zuerst habe ich mir das schmalste Fachwerkhaus Deutschlands angesehen (sh. Foto). Klasse. Die Breite des Hauses beträgt 2,05 m und hat zwei Etagen. Und sogar bewohnt. Kleines Haus und großes Leben, besser als großes Haus und kleines Leben. Zumindest ist die Grundsteuer niedrig.

Sehr bemerkenswert fand ich es, dass bereits um 18.30 Uhr alle ihr Altpapier rausstellten und das mitten in der Fußgängerzone… und besonders beim Schuhgeschäft, die einen Räumungsverkauf durchführen. Sind da etwa noch Schuhe drin? Liebe Stadtväter, das sieht einfach Sch… aus. Bei 2 € Kurtaxe darf ich mir bitte eine ansehnliche Stadt wünschen und keinen Müllhaufen. Dann würde ich lieber 3 € bezahlen.

Dann gibt es hier noch einen Saftladen und ein Stichladen. Der Saftladen hat wirklich frisch gepresste Säfte im Angebot, na ja, auch die haben viel Fruchtzucker. Besser, ich trinke Wasser. Und diese Stichläden (Tattoos etc.) braucht doch wirklich keiner. Gut, jeder kann mit seinem Körper machen, was er will, aber die Behandlung von entzündeten oder zu entfernenden Tattoos, dann bitte auch selbst bezahlen. Das wollte ich eigentlich gar nicht schreiben, jetzt ist es raus. Sorry, liebe Tattooträger.

Dänische Turbopilger gesichtet

Zurück im Kaiserhof machte ich es mir im Zimmer gemütlich. Ich hatte einen tollen Weitblick. Und von der 4. Etage sah ich auf einmal Allan und Christina, die dänischen Turbopilger. Allan mit Rucksack und Christina ohne Rucksack, aus Richtung Bahnhof kommend. Ich hätte gern gewusst, was passiert ist. Vermutlich ist Allan die Strecke allein gewandert, ich saß den beiden ja im „Nacken“… und Christina ist mit dem Zug vorgefahren. In der Pension in Ollendorf hatten sie mir schon von einem Schwächeanfall berichtet. Auf jeden Fall gute Besserung von hier. Wir Pilger sind schon eine große Familie. Bleibt gesund.

Und morgen sollte der Tag der Tage werden. Gleich im nächsten Bericht.

Auslaufen, Keltendorf bei Sünna und Umweltpilger

29. Juli 2020

Trotz der gestrigen Marathonwanderung bin ich heute morgen fit aufgewacht. Die Pilgerstrecke Görlitz nach Vacha ist geschafft. Jetzt folgt in den nächsten Tagen das „Auslaufen“ bis nach Fulda. Also habe ich heute den Gang runtergeschaltet. Persönlich finde ich es aber anstrengender langsamer zu gehen. Doch so soll es sein, denn ich bin ja nicht auf der Flucht.

Direkt am Keltenhotel oberhalb von Vacha-Sünna ist das Keltendorf. An dieser Stelle soll vor vielen hundert Jahren tatsächlich auch ein Dorf gestanden haben. Urig nachgebildet. Hier gibt es auch einen Keltenpfad. Die Fotos sollen einen kleinen Eindruck liefern.

Und total interessant fand ich auch die Schautafel über die Verrottungszeit von Materialien. Eine ernste Sache und ich als selbsternannter Umweltpilger bitte dieses weiterzutragen, damit jeder weiß, wenn er etwas in die Natur schmeißt. Versprochen, ich kontrolliere Euch. Und wer nicht hört, muss mit mir mitpilgern. Damit der Kopf mal gereinigt wird. Ja, es ist eine Drohung.

Auf der Strecke zum Pilgerweg in Sünna habe ich einen alten VW Bulli in einer Hofeinfahrt gesichtet. Natürlich kommen meine Gedanken gleich zu meinem 1. Auto. Ein VW Käfer 1302. Und so einen alten Käfer haben jetzt meine Stieftochter und ihr zukünftiger Mann fast 3 Jahre lang restauriert. Jetzt zur Hochzeit am 15. August soll es dann als Hochzeitskutsche (-Auto) dienen. Ich freue mich schon auf die Hochzeit und auch auf das Baby (Auto).

Und was ich heute so erlebt habe, das steht im nächsten Bericht.

Auslaufen, Keltendorf bei Sünna und Umweltpilger

29. Juli 2020

Trotz der gestrigen Marathonwanderung bin ich heute morgen fit aufgewacht. Die Pilgerstrecke Görlitz nach Vacha ist geschafft. Jetzt folgt in den nächsten Tagen das „Auslaufen“ bis nach Fulda. Also habe ich heute den Gang runtergeschaltet. Persönlich finde ich es aber anstrengender langsamer zu gehen. Doch so soll es sein, denn ich bin ja nicht auf der Flucht.

Direkt am Keltenhotel oberhalb von Vacha-Sünna ist das Keltendorf. An dieser Stelle soll vor vielen hundert Jahren tatsächlich auch ein Dorf gestanden haben. Urig nachgebildet. Hier gibt es auch einen Keltenpfad. Die Fotos sollen einen kleinen Eindruck liefern.

Und total interessant fand ich auch die Schautafel über die Verrottungszeit von Materialien. Eine ernste Sache und ich als selbsternannter Umweltpilger bitte dieses weiterzutragen, damit jeder weiß, wenn er etwas in die Natur schmeißt. Versprochen, ich kontrolliere Euch. Und wer nicht hört, muss mit mir mitpilgern. Damit der Kopf mal gereinigt wird. Ja, es ist eine Drohung.

Auf der Strecke zum Pilgerweg in Sünna habe ich einen alten VW Bulli in einer Hofeinfahrt gesichtet. Natürlich kommen meine Gedanken gleich zu meinem 1. Auto. Ein VW Käfer 1302. Und so einen alten Käfer haben jetzt meine Stieftochter und ihr zukünftiger Mann fast 3 Jahre lang restauriert. Jetzt zur Hochzeit am 15. August soll es dann als Hochzeitskutsche (-Auto) dienen. Ich freue mich schon auf die Hochzeit und auch auf das Baby (Auto).

Und was ich heute so erlebt habe, das steht im nächsten Bericht.

Marathon-Pilger, Nationalhymne und Heidelbeer-Joghurttorte

29. Juli 2020

Heute war wieder Marathon angesagt. Obwohl ich eigentlich schon im Auslaufmodus bin, habe ich mich von der Strecke her wieder etwas übernommen. Aber das passiert mir öfter, wenn es gerade so schön ist. Und schön war es heute wirklich.

Schon früh auf der Strecke hatte ich das Gefühl, dass mein Körper noch im Marathonmodus steckt. Beine liefen, Kopf war frei und der Rucksack fühlte sich irgendwie leichter an. Vielleicht ist es die Vorfreude auf Fulda, vielleicht aber auch einfach nur das Wissen, dass das Ziel näher rückt.

In einem kleinen Ort spielte plötzlich jemand laut Musik. Und was höre ich da? Die Nationalhymne. Ganz ehrlich: ich bin kurz stehen geblieben. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil es sich in diesem Moment einfach richtig angefühlt hat. Ich stand da allein auf weiter Flur, mitten auf dem Jakobsweg, und hörte zu. Ein komisches, aber gutes Gefühl.

In einer Bäckerei gab es dann die Belohnung des Tages: eine Heidelbeer-Joghurttorte. Ich weiß, Zucker und so… aber Pilgern ohne kleine Sünden funktioniert bei mir nicht. Die Torte war großartig. Frisch, nicht zu süß und genau das Richtige nach vielen Kilometern. Dazu ein Kaffee – fertig war das kleine Pilgerglück.

Unterwegs habe ich wieder gemerkt, wie freundlich die Menschen hier sind. Kurze Gespräche, ein Lächeln, ein „Gute Wanderung“. Das reicht manchmal schon, um den Tag besonders zu machen.

Am Ende standen wieder viele Kilometer auf der Uhr. Zu viele vielleicht. Aber es war ein guter Tag. Einer, an den ich mich gern erinnern werde.

Dänen gesund, nasse Socken und Wassertreter

30. Juli 2020

Heute morgen ging es mir richtig gut. Ich habe hervorragend geschlafen und meine Beine fühlten sich erstaunlich frisch an. Die dänischen Turbopilger, Allan und Christina, sind wieder gesund. Das habe ich unterwegs erfahren. Gute Nachrichten, denn so eine lange Strecke fordert eben ihren Tribut. Wir Pilger passen aufeinander auf, auch wenn wir uns nicht ständig sehen.

Kurz nach dem Start bin ich in ein ordentliches Gewitter geraten. Starkregen. Keine zehn Minuten und meine Socken waren klatschnass. Egal, weitergehen. Nasse Socken gehören beim Pilgern irgendwie dazu, genauso wie Blasen oder Sonnenbrand. Jammern hilft nicht, laufen schon.

Und dann kam ich an einer Kneipp-Anlage vorbei. Wassertreten! Das lasse ich mir doch nicht entgehen. Schuhe aus, Socken aus, Hose hoch und rein ins kalte Wasser. Herrlich. Erst dachte ich, das halte ich keine Minute aus, aber dann wurde es richtig angenehm. Danach fühlten sich die Füße wieder lebendig an, fast wie neu. Vielleicht sollte man solche Anlagen öfter direkt an Pilgerwegen aufstellen.

Auf der Strecke gab es heute viele kleine Begegnungen, kurze Gespräche, freundliche Blicke. Nichts Großes, aber genau das macht für mich das Pilgern aus. Man ist unterwegs und trotzdem nicht allein.

Am Nachmittag erreichte ich meine Unterkunft. Wieder alles gut organisiert, freundlich und unkompliziert. Die nassen Sachen habe ich sofort zum Trocknen aufgehängt. Hoffentlich ist morgen alles wieder einsatzbereit.

Die heutige Strecke war nicht extrem lang, aber intensiv. Genau richtig für diesen Abschnitt des Auslaufens Richtung Fulda.

Ich habe fertig, Wanderhose steht allein und fünf Sauna-Durchgänge

31. Juli 2020

Ich habe fertig…. hat mal der Bayern-Trainer Giovanni Trapattoni bei seinem Abschied gesagt. Ich verabschiede mich heute vom Pilgerweg Görlitz–Vacha–Fulda, weil ich den heute auch fertig habe. Um 15.00 Uhr waren die letzten 24,87 Kilometer geschafft. Bin sehr, sehr glücklich.

Das „Auslaufen“ von Hünfeld hatte es noch einmal in sich. Ein opulentes Frühstück wartete auf mich. Heute nahm ich mir besonders viel Zeit: letzter Wandertag. Wie öfters sollte auch diesmal meine Wanderhose mitessen. Diesmal waren es Joghurt und Butter, die sich auf ihr niedergelassen haben. Also ich habe jetzt eine alleinstehende Wanderhose, also quasi eine Singlehose.

In der Jakobuskirche in Hünfeld bekam ich heute den sehr begehrten Pilgerstempel und dann ging es wieder auf Strecke… Diesmal als zusätzliche Alternativroute über Sargenzell. Richtig gemacht, denn ich kam an der Mutter-Maria-Grotte vorbei. Danke, danke, danke stand auf vielen Steinen. Danke sage ich auch meinen verstorbenen Eltern, Mutter Maria und Vater Erich, für die große Fürsorge und Hilfe in meinem Leben. Das wird einem erst wieder auf einer Pilgerwanderung nochmal besonders bewusst.

Und auf dem Golfplatz bei Sargenzell gab es auch eine Schirmherrin des Golfspiels. Seht selbst auf dem Foto.

Beim Auslaufen bin ich immer unkonzentriert. Bin gedanklich schon zu Hause bei meiner Frau und überlege mir nächste Projekte. Und schwupps wieder verlaufen. Aber nach einigen Kilometern kam dann mein persönliches Verkehrsschild, dann wusste ich den Weg. Ich bin jetzt auf dem richtigen Weg in meinem Leben, das beruhigt mich ungemein.

Nach gefühlten fünf Sauna-Durchgängen bei über 30 Grad erreichte ich Fulda. Gut, dass ich mich ordentlich eingecremt hatte, denn einige Zeit ging es über die „Pläne“.

Jetzt liege ich in meinem Hotelzimmer (Arte Hotel) im Bett und schreibe gern gerade diesen Beitrag. Morgen gibt es einen letzten Beitrag mit +/- dieser Pilgerwanderung sowie einige statistische Daten. Und vielleicht erlebe ich bis Sonntag ja noch was hier in Fulda. Jetzt habe ich mein freies Wochenende.

Görlitz – Vacha – Fulda – ein Pilgerfazit

1. August 2020

Auf der Pilgerstrecke von Görlitz nach Vacha war ich insgesamt 19 Wandertage unterwegs. Weitere drei Tage bis Fulda. Zusammengekommen sind 599,14 Kilometer auf dem Handytacho. Die Strecke ohne Umwege und Stadtbesichtigungen etc. beträgt 533,2 Kilometer.

Während dieser Wanderung erfolgten 2.100 Aufrufe meiner Internetseite www.wanderbruder.de. Mehrmalige Besucher am Tag wurden nur einmal gezählt. Danke für das riesige Interesse. Meistgelesene Beiträge: Daumenkino mitten auf der Straße (190x) und Nackter Pilger (149x), das war mir klar…

Meine Vorsätze: keine Süßigkeiten, kein Alkohol, keine Currywurst = erfüllt; Kopf frei machen = erfüllt; nicht mehr als 25 Kilometer im Tagesschnitt wandern = nicht erfüllt, es waren 27,32 Kilometer. Es lag an der Himbeerjoghurttorte (sh. Marathonpilger).

Und hier meine Positiv-/Negativliste:

Positiv:

Landschaftlich schöne Strecke, ab Eisenach mit einigen Höhenmetern mehr
gut ausgeschilderte Wege
Herbergsnetz sehr gut, aber wenig genutzt
Belebte Pilgerstrecke in Deutschland (ca. 500 im Jahr)
Katholische Gebiete (z. B. Sorben) wirken gepflegter. Katholische Kirchen sind alle auf.

Negativ:

Zu viel Beton-/Teerwege, mindestens 70 % der gesamten Pilgerstrecke
Lebensmittelversorgung nur in größeren Städten
Herbergen/Pensionen nicht immer sauber (haben auch andere Pilger erzählt)

Update Steinschlange: Das siebte Gebot

23. September 2020

Ich wollte es nicht glauben. Nach unserem Urlaub wollte ich die Steine meiner initiierten Steinschlange zählen. Vorher waren es schon acht Steine und jetzt waren alle weg – nur mein Hinweisschild hing noch.

Du sollst nicht stehlen, so das 7. Gebot. Und das passiert hier in meinem beschaulichen Wohnort Barienrode. Diebstahl. Unfassbar.

Der liebe Gott wird es schon bestrafen….

Artikel vom 25.08.2020

  1. Versprechen eingelöst: Steinschlange gestartet

In diesem Jahr bin ich bereits über 1.000 Kilometer auf zwei Jakobswegen in Deutschland gewandert und habe dabei häufiger am Wegesrand „Steinschlangen“ gesehen und mir die Zeit genommen, diese Steine zu betrachten und über vieles nachzudenken. Und jetzt habe ich mein 2. Versprechen eingelöst: in meinem Heimatort Barienrode bei Hildesheim habe ich auch eine Steinschlange gestartet, so wie ich es auf meiner Pilgerwanderung von Görlitz – Vacha bis Fulda versprochen habe. Bin richtig gespannt, wie viele Steine dazukommen. Als ehemaliger Beamter kontrolliere ich das natürlich jeden Tag (Hundegassi).

Jetzt am kommenden Samstag löse ich dann auch mein 1. Versprechen ab 17.00 Uhr ein. Es geht zum Holunderbeerenpflücken an die „Beuster“, um dann später einige Liter schmackhaften Holunderbeerenschnaps herstellen zu können. Sonderbericht folgt.

Letztes Versprechen wird eingelöst: Jakobswegwanderung mit Enkelsohn

1. Oktober 2020

Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen.

Vor meiner letzten Pilgerwanderung von Görlitz über Vacha nach Fulda habe ich meinem Enkelsohn Jona versprochen, dass wir mal zusammen wandern. Seit Ende August ist er in der 1. Klasse und deshalb kommt natürlich nur ein Ferientermin in Frage.

Und es hat geklappt. Am Donnerstag, 22. Oktober wandern wir auf der Via Scandinavica (Fehmarn – Eisenach) auf der Teilstrecke von Sarstedt über Himmelsthür und übernachten in der neu renovierten Jugendherberge in Hildesheim. Dort ist das Familienzimmer mit Frühstück schon fest gebucht. Die Strecke nach Sarstedt fahren wir mit der Deutschen Bundesbahn und natürlich 1. Klasse, der Enkel soll sich ja später gern zurückerinnern. Das Sparangebot für die 1. Klasse hat die Bahn mir schon geschickt.

Nach der Übernachtung geht es über Neuhof zum Kloster Marienrode und dann zurück nach Ochtersum (Wohnort). Insgesamt 24 Kilometer stehen auf dem Wanderprogramm. Ich freue mich riesig und bin gespannt, ob er durchhält. Und wenn nicht, dann rufe ich meine Frau an, die trägt gern „Kinder“ durchs Leben.

Letztes Versprechen wird eingelöst: Jakobswegwanderung mit Enkelsohn

1. Oktober 2020

Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen.

Vor meiner letzten Pilgerwanderung von Görlitz über Vacha nach Fulda habe ich meinem Enkelsohn Jona versprochen, dass wir mal zusammen wandern. Seit Ende August ist er in der 1. Klasse und deshalb kommt natürlich nur ein Ferientermin in Frage.

Und es hat geklappt. Am Donnerstag, 22. Oktober wandern wir auf der Via Scandinavica (Fehmarn – Eisenach) auf der Teilstrecke von Sarstedt über Himmelsthür und übernachten in der neu renovierten Jugendherberge in Hildesheim. Dort ist das Familienzimmer mit Frühstück schon fest gebucht. Die Strecke nach Sarstedt fahren wir mit der Deutschen Bundesbahn und natürlich 1. Klasse, der Enkel soll sich ja später gern zurückerinnern. Das Sparangebot für die 1. Klasse hat die Bahn mir schon geschickt.

Nach der Übernachtung geht es über Neuhof zum Kloster Marienrode und dann zurück nach Ochtersum (Wohnort). Insgesamt 24 Kilometer stehen auf dem Wanderprogramm. Ich freue mich riesig und bin gespannt, ob er durchhält. Und wenn nicht, dann rufe ich meine Frau an, die trägt gern „Kinder“ durchs Leben.