6. November 2020

Enkelsohn gibt alles und wird mit Jakobsmuschel belohnt

Uff, jetzt ist es schon fast vier Wochen her, dass ich mit meinem Enkelsohn auf dem Jakobsweg Via Scandinavica auf der Teilstrecke von Sarstedt bis Hildesheim gewandert bin. Als Pensionär habe ich wenig Zeit und kann natürlich auch nicht jeden Tag schreiben. Gleich vorweg: es war ein schöner, langer Wandertag. Und hier der ersehnte Bericht:

Unsere Tochter fuhr uns beide (Enkelsohn und mich) mit dem Auto zum Ostbahnhof nach Hildesheim. Dort warteten wir auf den Zug aus Bad Harzburg (RE 10), der uns nach Sarstedt bringen sollte. Eigentlich fahre ich oft in die andere Richtung in den Harz zu unserer Ferienwohnung nach Hohegeiß. Am Bahnsteig kamen wir gleich mit einem Wachmann von der Wach- und Schließgesellschaft Hannover ins Gespräch. Er musste zur Verbrauchermesse „Infa“, die mit einem besonderen Hygienekonzept die Durchführung der Messe vorgesehen haben. Irgendwie wirkte der Mann gefährlich mit seinem langen grauen Mantel und den gewölbten Taschen um seine Hüfte herum. War da eine Pistole drin? Nee, es war Pfefferspray, was herausguckte. Schade, dass der Wachmann so viel gequalmt hat, es stinkte ekelig nach Zigarettenrauch. Igitt.

Der Zug kam pünktlich an und wir fanden schnell das Abteil der 1. Klasse. In Sarstedt angekommen sah der Enkelsohn als Erster die Achse einer alten Lokomotive. Ich wäre glatt vorbeigelaufen, aber Kinder sehen anders und sind auch in kleinen Dingen aufmerksamer. Auch die „Schnuttenpullis“ im Einzelhandelsgeschäft in der Bahnhofstraße sah der Enkelsohn zuerst. Das sollte mich den ganzen Tag begleiten.

Vorm Standesamt in Sarstedt erzählten wir noch über die Hochzeit der Tante und des Onkels. Wollen wir die spontan besuchen? „Aber klar“, sagte der Enkelsohn freudestrahlend. Nach 1,5 Kilometer erreichten wir die Straße „Am Ried“. Auf dem Weg dort hin besprachen wir schon den „Schlachtplan“. „Sturm“-Klingeln war unsere Vereinbarung. Das übernahm natürlich der Enkelsohn. Die Tür öffnete sich und wir mussten zwei Stockwerke hoch in die Wohnung. Dort machte uns die Tante noch sichtlich müde auf und begrüßte uns besonders herzlich. Der Onkel war schon fleißig im Homeoffice. Und auf die nächsten zwei Kilometer des Jakobswegs begleitete uns die Tante mit. Überraschung gelungen. Hat der Enkelsohn auch hier Taschengeld bekommen? Ich weiß es nicht, es soll sein Geheimnis bleiben.

Von weiten konnten wir schon die Zuckerfabrik von Nordstemmen sehen, besser riechen. Heute waren unsere Nasen schon sehr gefordert. In Giesen sahen wir schon den weißen Berg des Kalibergwerks. Durch die unterschiedliche Sonneneinstrahlung wirkte der Berg mal grau und dann mal wieder leuchtend weiß.

Als wir in Hildesheim angekommen sind, da hatten wir schon 15 Kilometer auf dem Tacho. Schon eine Spitzenleistung eines Sechsjährigen. Ok, wir hatten natürlich von Omi zwei toll gefüllte Brotdosen mit Wegzehrung mitbekommen, aber die waren in Hildesheim schon ratzekahl leergefressen. Wandern macht hungrig. Also musste in Hildesheim gleich noch ein Eis dazu.

Zuletzt war ich im Mariendom in Hildesheim als Messdiener vor ca. 45 Jahren, ich habe diesmal mit dem Enkelsohn nichts wieder erkannt. Auch an den großen erhabenen Leuchter habe ich mich nicht erinnert. Im Dommuseum gab es dann einen schönen Stempel zur Erinnerung.

Wir hatten Zeit, deshalb haben wir dann noch das Roemer- und Pelizaeus-Museum besucht. Natürlich nicht Mumien angeschaut, sondern nur in der Sonderausstellung über Kräne, Brücken und Lokomotiven – die Metallbauwelten von Märklin, Trix und Stabil umgeschaut. So einen Metallbaukasten von Trix hatte ich als Kind auch. Der Enkelsohn war begeistert und die ca. 3 Meter lange Brücke und der Eiffelturm fand er besonders schön.

Und wie sich die Zeiten wiederholen, der Enkelsohn trug eine Cordhose. Das war früher schon einmal modern. Ich erinnere mich eher nicht so gut daran, denn als wohl 10-jähriger habe ich zu Weihnachten von meinen Eltern auch eine Cordhose bekommen. Und das war das einzige Geschenk, keine Spielsachen. Ein Trauma. Ich hatte an diesem Weihnachtsfest trotzdem Glück, von der Patentante Bärbel habe ich wieder zwei Bücher von Pitje Puck den Postboten geschenkt bekommen. Dann war alles wieder gut, aber nicht vergessen.

In der Gaststätte „Schulz“ am Moritzberg haben wir uns kräftig gestärkt und viel Spaß gehabt. Mit den geschriebenen Karten haben wir Memory gespielt und natürlich habe ich den Enkelsohn inspiriert, Menschen zu beobachten. Er sollte sich alle Gäste anschauen, deren Haare gefärbt sind. War das lustig und sogar Männer färben ihre Haare stellte er fest.

Bei der Jugendherberge war dann leider die schöne Pilgerwanderung zu Ende und als Erinnerung hat der Enkelsohn vor ein paar Tagen von der Omi (mein Auftrag) eine echte Jakobsmuschel geschenkt bekommen. Die hängt jetzt über dem Schreibtisch.


25. März 2021

Biber, Kilimandscharo und Verbotene Liebe

Heute bin ich die Etappe vollständig von Sarstedt nach Marienrode auf der Via Scandinavica (Fehmarn – Eisenach) gewandert. Gleich früh morgens hatte mich meine Frau zum Bahnhof gebracht und kurz nach 8 startete ich schon vom Bahnhof Sarstedt aus. Nach einem kurzen Weg durch die Innenstadt von Sarstedt führte mich der Weg wieder an dem Flüsschen „Innerste“ entlang. Zuckerfabrik Nordstemmen und Schloss Marienburg im Weitblick. Auf dieser Strecke war ich schon häufiger mit Spaziergängen der Familie, aber heute war es anders, denn ich war nur mit mir unterwegs, also mein Kopf und ich… Es war viel intensiver, denn ich habe viele Details wahrgenommen und eigentlich erst heute festgestellt, dass dieser Teilabschnitt bestens mit Jakobswegschildern versehen war. Und damit ich nicht falsch abbiege, gab es Schilder mit einem „Kreuz“… nicht hier lang gehen….

An der Innersten ist ein besonderes Revier der Biber. Das ist nicht zu übersehen – viele Bäume sind fachgerecht angefressen und somit für den „Bau“ bestens geeignet. Lange Jahrzehnte war der Biber in Niedersachsen ausgerottet und hier haben sie jetzt ein neues Zuhause gefunden. Hoffentlich kommen jetzt nicht wieder irgendwelche Biber-Gegner auf die Idee, diesen Lebensraum zu zerstören. Leider habe ich keinen Biber gesehen.

Gesehen habe ich aber schon von weitem den Kilimandscharo von Hildesheim… ein imposanter Berg mit einer scheinbaren Schneekuppe. Natürlich ist das die Kalihalde des stillgelegten Kalibergwerks Siegfried-Giesen. Na ja, hoffentlich bleibt das auch so, nicht dass noch die Biber verscheucht werden… Aber die Mühlen für eine Wiederaufnahme mahlen schon, hoffentlich unendlich langsam.

Voll im Betrieb ist die Mühle in Hasede direkt am Sportplatz, da hatte mein Stiefschwiegersohn seine besten Fußballzeiten. Die sollen hier übrigens die beste Sportplatz-Bratwurst im Kreisgebiet haben. Probieren konnte ich diesmal nicht, denn das Vereinsheim hatte zu, wie fast alles zu Coronazeiten.

Durch den Haseder Bruch, der kleine Waldabschnitt unterhalb des Osterbergs – direkt an der Innersten, ging es Richtung Himmelsthür. Beim himmlischen Postamt Himmelsthür gehen übrigens jährlich über 50.000 Briefe mit Wunschzetteln von Kindern zu Weihnachten ein. Heute würde ich mir wünschen, dass das kreisweite Impfzentrum in Himmelsthür mehr Impfstoff gegen die Coronapandemie bekommen würde, damit endlich wieder ein normales Leben möglich ist. Hoffentlich bekomme ich bald meinen Impftermin. Auf der Warteliste stehe ich zu mindestens schon.

Über das Bergrestaurant Berghölzchen oberhalb von Hildesheim ging es dann schon Richtung Marienrode. Ca. zwei Kilometer vor Marienrode kam ich am Amelungsplatz vorbei. Schöner Rastplatz mit einer Sitzbank ausgestattet mit Blick auf Neuhof. Hier soll ein Eberhard von Amelung immer wieder seine verbotene Liebe „Gudrun“ getroffen haben, ob wohl die in Neuhof einen Mann hatte. Ja, das war früher so, wenn man verheiratet war und trotzdem unglücklich war, dann trennte man sich nicht oder wenn doch, dann wurde man von den Menschen verachtet. Leider war die Hinweistafel schon arg verwittert und ich konnte nicht lesen, was aus der verbotenen Liebe von Eberhard und Gudrun wurde. Ich kann es mir aber denken… wahrscheinlich nichts, denn häufig fehlt Liebenden der Mut. Heute sind Zeiten der Veränderung oder des Wechsels leichter.

In Marienrode in der Klosterkirche habe ich meinen Pilgerstempel erhalten. 23,71 Kilometer standen dann auf meinem Handytacho als ich in Barienrode, meinem Heimatort, einwanderte.


12. April 2021

Fußballpilger, 125 Jahre Hannover 96, „Alte Liebe“ gezwitschert und durchgezapftes Bier

Heute hat mein Beitrag wenig mit Pilgern zu tun, obwohl ich die Teilstrecke auf der Via Scandinavica von Hannover bis nach Sarstedt gewandert bin, denn der Fußball-Bundesligaklub Hannover 96 besteht heute genau 125 Jahre. Ein ganz besonderer Tag mit vielen Erlebnissen und Erinnerungen, bin eben Fußballpilger…

Mit Bus und Bahn fuhr ich direkt zum Hauptbahnhof in Hannover. Start des Jakobswegs direkt an der Kröpcke Uhr und dem Anlass des Jubiläums entsprechend war diese mit 96-Fahnen und Infos aus der Vereinsgeschichte bestückt. Ja, ja, ja: deshalb habe ich mir den heutigen Tag für meine Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg ausgesucht.

Der Jakobsweg führte mich direkt beim Niedersächsischen Landtag vorbei und schon ging es Richtung Stadion. Vorfreude, ob ich vielleicht Martin Kind, den früheren Präsidenten von Hannover 96 und heutigen Geschäftsführer der Hannover 96 GmbH & Co.KGaA, treffe? Ich machte mir keine Hoffnungen, aber irgendwie wunderschön, wieder einmal vor dem Stadion zu stehen. Das letzte von über 50 Bundesligaspielen von Hannover 96 habe ich vor ungefähr fünf Jahren gesehen. Lange ist es her.

Da war ich mit einem lieben Nachbarn im Stadion und zur Einstimmung vor dem Spiel gab es „durchgezapftes“ Bier beim Marriot Hotel direkt am Maschsee. Der „Bierzapfer“ füllt dabei in einem 0,3 Liter Glas soviel Bier, bis es mit Schaum überläuft und das ohne Pause. Dieses Bier wird dann als 0,2 Liter Bier verkauft. Es geht schnell und es wird bewusst auf die „Tulpe“ verzichtet.

Im „Niedersachsenstadion“ heute HDI-Arena habe ich tolle Spiele gesehen, zum Beispiel beim Fifa-Federationscup 2005 das Spiel Mexico gegen Brasilien. Klasse Stimmung der südamerikanischen Fans – Fußball von der leichten spielerischen Art mit Flair. Auch die Gruppenspiele bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 waren ein wahres Erlebnis.

Aber so richtig Kontakt zum Jubliäumsverein Hannover 96, besser zu Martin Kind, hatte ich erst im Jahr 2008. Genau am 29. März 2008. Denn aufgrund der Initiative von 96-Ikone Gerhard Paschwitz aus Hameln und der Bürgerstiftung Weserbergland starteten wir an diesem Tag das Projekt „Fußballbrücke gegen Rassismus“.

Martin Kind kam selbst nach Hameln und stand für eine Podiumsdiskussion zur Verfügung – und das vor 2.500 Zuschauern. Später wurden wir mit VIP-Tickets bedacht. Nach dem Spiel kam Martin Kind persönlich an unseren Tisch und zeigte uns seine Wertschätzung. Als er fragte, was ich trinken möchte, antwortete ich: „Als Fußballer trinkt man Bier – ich hätte gern ein Bier!“ Daraufhin besorgte er persönlich ein Tablett mit vollen Biergläsern.

Mit meinem heutigen Besuch des Stadions zum 125-jährigem Jubiläum kommen alle schönen Erinnerungen zurück. Herzlichen Glückwunsch Hannover 96. Und auf meiner Jakobswegwanderung hatte ich einen Ohrwurm, den ich dauernd gezwitschert habe: den Fan-Song „96 – alte Liebe“.

Der Jakobsweg führte mich entlang des Maschsees und weiter an der Leine entlang. In Grasdorf hörte ich von weitem einen Wasserfall – die Wasseraufbereitungsanlage. Über die Koldinger Seenplatte, durch Ruthe erreichte ich dann nach 27,37 Kilometern Wanderung den Sarstedter Bahnhof. Mit Zug und Bus ging es wieder nach Hause.

Ich hatte heute den ganzen Tag Rückenwind… diesen Rückenwind wünsche ich auch Martin Kind und der Mannschaft von Hannover 96 in der neuen Saison. Wanderbruder lässt grüßen.

Hiwer kannst du den ganzen Text inkl. Bilder als pdf herunterladen:

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von neu: fünf lieben Menschen.