Die ersten Tage unseres Mallorca-Urlaubs waren schon ziemlich abwechslungsreich. Wir haben traumhafte Strände entdeckt, Cala Mesquida hat sich für mich bisher ganz klar den Titel „schönster Strand“ verdient, die Coves d’Artà waren für uns fast schon das achte Weltwunder, dazu kamen der tolle Markt in Artà, Porto Cristo und natürlich jede Menge Sonne, Meer und gutes Essen.

Heute wollte ich Mallorca allerdings einmal von einer ganz anderen Seite kennenlernen.

Meine Frau musste sich nach ihrem Arztbesuch und mit ihren Antibiotika etwas schonen. Also hieß es für mich: Der Wanderbruder geht heute alleine los. Nachdem es am Morgen noch kräftig geregnet hatte, war ich zunächst gar nicht sicher, ob das überhaupt etwas wird. Aber irgendwann kam die Sonne wieder heraus und ich dachte mir: Jetzt oder nie.

Mein Ziel war Capdepera. Dort hatte ich mir eine etwa zehn Kilometer lange Rundwanderung ausgesucht, die mich raus aus dem Ort und hinein in das ländliche Mallorca führen sollte.

Doch bevor ich überhaupt richtig loslief, gab es schon die erste kleine Szene, die ich so schnell nicht vergessen werde.

Auf dem Marktplatz von Capdepera saßen am Morgen auf der einen Seite die Menschen dicht gedrängt vor den Cafés und Restaurants. Kaffee, Gespräche, Zeitung – offenbar begann hier für viele der Tag ganz entspannt. Auf der gegenüberliegenden Seite dagegen: kein Mensch.

Dort schien die Sonne.

Ich musste schmunzeln und dachte: Das ist wohl der morgendliche Rentnertreff von Capdepera. Jeder sucht sich seinen Platz – und zwar genau dort, wo es gerade angenehm ist.

Dann ging es los.

Ich verließ den Marktplatz und tauchte immer mehr in das ländliche Capdepera ein. Die Strecke führte mich vorbei an Molí Vell und Sa Farinera, weiter in Richtung Na Maians, Can Planetes und Son Febrer. Je weiter ich vom Ort wegkam, desto weniger hatte das Ganze mit dem Mallorca zu tun, das man aus den Urlaubskatalogen kennt.

Keine Hotelburgen, keine Liegestühle, keine Strandpromenade.

Stattdessen alte Fincas.

Einige waren teilweise verfallen, bei anderen konnte man sehen, dass sie mit viel Liebe erhalten und gepflegt wurden. Dieser Gegensatz hat mir richtig gut gefallen. Hier eine alte Mauer, dort ein wunderschönes Anwesen – und dazwischen die Landschaft.

Immer wieder standen Zitronenbäume am Weg. Dazu Felder, Natursteinmauern und kleine Wege, auf denen ich immer wieder stehen blieb, um mir die Umgebung anzusehen.

Was mich besonders überrascht hat: Trotz der Hitze war alles erstaunlich grün.

An einer Stelle kam ich an einem Bach entlang. Wobei Bach eigentlich etwas übertrieben ist. Das Bett war komplett trocken. Kein Wasser, kein Plätschern – nichts. Nur die Landschaft verriet, dass hier normalerweise ein kleiner Wasserlauf entlangführt.

Dafür gab es andere Geräusche.

Irgendwo hinter einer Finca hörte ich plötzlich Schafe.

Määäh … Määäh …

Ich konnte sie gar nicht richtig sehen, aber hören konnte ich sie umso besser. Ein kleines Schafkonzert begleitete mich ein Stück meines Weges. Und irgendwie passte genau das zu dieser Wanderung.

Ich war mitten im ländlichen Mallorca.

Je weiter ich lief, desto mehr merkte ich, dass genau das heute das Besondere war. Ich musste nichts besichtigen und nirgendwo anstehen. Ich musste nur laufen und konnte die Landschaft auf mich wirken lassen.

Mal ein altes Anwesen, mal ein Zitronenbaum, mal eine Natursteinmauer und immer wieder dieser Blick über die Landschaft rund um Capdepera.

Und irgendwo im Hintergrund immer wieder:

Määäh.

Bei ungefähr 26 Grad kam ich schließlich wieder Richtung Capdepera. Insgesamt waren es am Ende 10,23 Kilometer.

Nicht ganz zehn.

Nicht elf.

10,23.

Der Wanderbruder nimmt es schließlich genau. 😉🥾

Als ich wieder auf dem Marktplatz ankam, musste ich allerdings richtig lachen.

Das komplette Bild hatte sich verändert.

Am Morgen hatten die Menschen auf der einen Seite des Platzes gesessen. Jetzt saßen plötzlich alle auf der anderen Seite bei den Cafés.

Und die Seite, auf der morgens noch alles voll gewesen war?

Leer.

Ich stand da und dachte nur:

Krass.

Es war nicht etwa ein anderes Publikum gekommen.

Es war einfach nur die Sonne weitergewandert.

Und die Menschen waren mit ihr.

Mallorca eben. ☀️🇪🇸

Nach der Wanderung ging es für mich zurück zum Hotel. Mittagessen, duschen und kurz die Beine hochlegen.

Aber der Tag war noch nicht vorbei.

Am Nachmittag fuhren wir gemeinsam noch einmal nach Capdepera und besuchten das Castell de Capdepera.

Nach meiner Wanderung durch die ländliche Umgebung war das noch einmal ein völlig anderer Blick auf denselben Ort. Die alten Mauern, die Festungsanlage hoch über Capdepera und der Blick weit über die Landschaft waren wirklich beeindruckend.

So wurde aus einem Morgen, der wegen des Regens eigentlich schon fast ins Wasser gefallen war, am Ende doch noch ein richtig schöner Mallorca-Tag.

Und wieder habe ich ein Stück Mallorca entdeckt, das man vom Strand aus niemals zu sehen bekommt.

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von sechs lieben Menschen.

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