Manchmal beginnt ein Pilgertag schon mit einer philosophischen Frage.
Heute früh um 7 Uhr im Zug nach Görlitz stellte sich genau diese:
Der Zug hält kurz auf polnischem Gebiet.
Also stellt sich natürlich die entscheidende Frage:
Gilt hier eigentlich noch mein Deutschlandticket?
Zum Glück hat der Schaffner nicht nachgefragt.
Start in einer der schönsten Städte Europas
Start war in Görlitz.
Diese Stadt ist für mich etwas Besonderes. Vor sechs Jahren begann hier meine Pilgerreise auf der Via Regia, dem ökumenischen Pilgerweg.
Und deshalb war klar:
Vom Bahnhof aus nicht sofort loslaufen.
Erst einmal in die Altstadt.
Denn Görlitz ist schlicht beeindruckend. Mehr als 4000 denkmalgeschützte Gebäude, eine Altstadt, die wie ein Filmset wirkt – was kein Wunder ist, denn hier wurden tatsächlich viele internationale Filme gedreht. Hollywood nennt die Stadt nicht umsonst manchmal „Görliwood“.
Und dann natürlich die Neiße.
Über eine Fußgängerbrücke gelangt man direkt nach Polen in die Schwesterstadt Zgorzelec.
Ein paar Dinge haben sich seit meinem letzten Besuch verändert.
Vor sechs Jahren war die Grenze gefühlt unsichtbar.
Heute stehen dort wieder Kontrollen.
Die Bundespolizei auf deutscher Seite – und auf polnischer Seite ebenfalls Polizei.
Und wenn dort jemand mit Maschinengewehr steht, wirkt das plötzlich doch etwas ernster als früher.
Ich habe mich aber auf das konzentriert, was Görlitz ausmacht:
Eine wunderschöne Stadt mit vielen Kulturen, viel Geschichte und einer Atmosphäre, die man selten findet.
Ein absolutes Reiseziel.
Der heutige Routenverlauf
Start: Görlitz
Weinhübel
Hagenwerder
Leuba
Ostritz
Rosenthal
Hirschfelde
Tagesleistung: 32,80 Kilometer
Schon wieder ein Dreißiger.
Ein Pilgerweg unweit entlang der Bundesstraße
Der Start des heutigen Abschnitts hatte allerdings eine kleine Herausforderung.
Die ersten 8 Kilometer führten praktisch parallel zur Bundesstraße, gleichzeitig auf dem Oder-Neiße-Radweg.
Natur, ja.
Aber eben auch Verkehr.
Grenzpfähle, Zaun und afrikanische Schweinepest
Der Weg verläuft über lange Strecken direkt an der deutsch-polnischen Grenze entlang.
Etwa alle tausend Meter ein Grenzpfahl.
Und dazu ein ein Meter hoher Zaun.
Grund: Afrikanische Schweinepest.
Ich habe mir den Zaun sehr genau angesehen.
Und dabei festgestellt:
Wenn ein Landwirt das Tor zu seiner Weide offen lässt, dann nützt der kilometerlange Zaun ungefähr so viel wie ein Regenschirm bei Sturm.
Also habe ich kurzerhand einige Tore wieder zugemacht.
Pilgern und Seuchenprävention – eine interessante Kombination.
Hochwasser-Erinnerungen in Hagenwerder
In Hagenwerder sah ich etwas sehr Beeindruckendes.
Hochwassermarken der Neiße von 2010.
Die Markierungen an den Häusern reichen teilweise bis zur Garagenhöhe.
Man bekommt sofort eine Vorstellung davon, welche Kräfte Wasser entwickeln kann.
Die Deichsanierung wurde 2019 abgeschlossen, aber diese Marken bleiben als Erinnerung.
Der erste wirklich schöne Ort: Ostritz
Nach fast 20 Kilometern kam endlich ein Ort, an dem man wirklich durchatmen konnte:
St. Marienthal
Ein Zisterzienserkloster aus dem 13. Jahrhundert.
Heute ein Bildungszentrum – aber die Atmosphäre ist geblieben.
Ruhe.
Stille.
Genau das, was man nach einem langen Weg braucht.
Die Beschilderung des Zittauer Jakobswegs
Ehrlich gesagt:
Der Zittauer Jakobsweg wirkt stellenweise etwas in die Jahre gekommen.
Viele Muschelschilder sind verblichen, manche kaum noch zu erkennen.
Man hat das Gefühl, der Weg wurde irgendwann um 2006 sehr engagiert eingerichtet – und seitdem ein wenig vergessen.
Rosenthal und ein Mittag mit Ansage
In Rosenthal habe ich gegessen.
Und zwar in der Dorf-Fleischerei Engemanns.
Dort saßen auch gerade die Mitarbeiter beim Mittag.
Und ich kann sagen:
Der Ton ist dort direkt.
Sehr direkt.
Aber das Essen war hervorragend.
Das Kraftwerk, das man hört
Auf dem Weg Richtung Hirschfelde hörte ich immer wieder ein tiefes Brummen.
Das kommt vom Turów Power Station.
Ein polnisches Braunkohlekraftwerk.
Und zwar nur etwa einen Kilometer von der deutschen Grenze entfernt.
Man hört es.
Sehr deutlich.
Warum steht das so dicht an unserer deutschen Grenze?
Eine ostdeutsche Ikone
Kurz vor dem Ziel dann eine Überraschung.
In Hirschfelde stehen die Produktionsgebäude von Fit.
Ja, genau das FIT-Spülmittel, das in vielen ostdeutschen Haushalten – auch bei uns Zuhause und im Wohnmobil – seit Jahrzehnten nicht wegzudenken ist.
Allerdings wurde die Marke inzwischen an die spanische BlueSun Group verkauft.
Offiziell bleibt der Standort bestehen.
Ich sage mal vorsichtig:
Ein Jahr oder zwei.
Ziel erreicht
Am Bahnhof von Hirschfelde war dann Schluss.
32,80 Kilometer.
Schon wieder ein Dreißiger.
Morgen: Dreiländereck Deutschland–Polen–Tschechien., die letzte Etappe.
Und danach geht es endlich wieder nach Hause zu meiner lieben Frau.
Und dann?
Am Sonntag beginnt ein neuer Abschnitt.
Urlaub auf Rügen.
Diesmal gemeinsam.
Aber eines ist sicher:
Der Wanderbruder bleibt unterwegs.

















































