Pilgern zwischen Muschel, Humor und märkischer Gelassenheit
Manchmal merkt man erst am Ende eines Weges, was man eigentlich erlebt hat. Man läuft los, sammelt Kilometer, trifft Menschen, diskutiert über Sonntagsarbeit, richtet nebenbei einen umgefahrenen Straßenpfahl wieder auf – und plötzlich steht man vor der St. Thomas Church in Leipzig und denkt:
Das war ein richtig guter Jakobsweg.
Der Jakobsweg von Frankfurt (Oder) nach Leipzig ist einer dieser Wege, die nicht laut sind. Keine großen Touristenströme, keine Pilgerkarawanen.
Stattdessen:
Wälder.
Dörfer.
Felder.
Und sehr viel Zeit zum Nachdenken.
Oder zum Lächeln.
Die Kilometer – sauber abgerechnet:

In 7,5 Wandertagen genau 239,47 Kilometer gewandert. Tagesschnitt 31,9 Kilometer. Mein Rekord.


Und das mit inzwischen 63 Jahren.
Mein Bruder, mehrfacher Harzer Wanderkaiser, hatte gefragt, ob ich langsam nachlasse.
Ich glaube, die Antwort ist jetzt eindeutig.
Brandenburg – unterschätzt, ruhig, wunderschön
Der Weg durch Brandenburg und die Lausitz hat mich besonders begeistert.
Gefühlt bestand der Weg aus:
70 % Waldwegen
30 % Straßen
Und damit aus genau der Mischung, die man als Pilger liebt.
Kilometerlang durch Wälder laufen, Rehe auf Feldern beobachten, der Wind durch die Bäume – und irgendwann taucht wieder ein kleines Dorf auf.
Dort bellen dann meistens mehrere Wachhunde gleichzeitig.
Keine Schoßhunde.
Hier stehen die Hundehütten draußen im Hof.
Pilgern heißt auch: Menschen treffen


Ein Weg lebt von Begegnungen.
Zum Beispiel gleich am Anfang bei Luckau.
Ein sportliches Nordic-Walking-Paar kam mir entgegen.
Der Mann rief mir zu:
„Sport frei!“
Ich war kurz irritiert, ob ich gerade auf einem Pilgerweg oder bei einer DDR-Schulsportveranstaltung gelandet bin.
Aber gut – Motivation ist Motivation.
Dorfhumor am Wegesrand
Ein anderes Highlight:
Ein Fensterplakat mit der Aufschrift
„Hurra, es stinkt – anonym zugestellt.“
Offenbar hatte jemand sehr persönliche Post erhalten.
Pilgerwege führen eben nicht nur durch Natur, sondern auch durch menschliche Geschichten.
Infrastrukturpflege durch den Wanderbruder
Unterwegs habe ich übrigens auch einen umgefahrenen Straßenpfahl wieder eingesetzt.
Man kann schließlich nicht nur laufen – man muss auch gelegentlich für Ordnung sorgen.
Mein innerer Ordnungsbeamter mit der Harke war jedenfalls zufrieden.


Gespräche, die man nicht vergisst
Bei Gordemitz sah ich einen Mann am Sonntag im Garten arbeiten.
Ich rief ihm zu:
„Sonntagsarbeit haben die Gewerkschaften verboten!“
Er antwortete sofort:
„Wir können doch nicht alle so faul sein – das fällt sogar dem Bundeskanzler auf!“
Solche Gespräche gibt es nur auf dem Land.
Und genau dafür läuft man durch diese Dörfer.


Naturbegegnungen
Unterwegs gab es auch tierische Begegnungen.
Rehe auf Feldern.
Und einen beeindruckenden Ölkäfer, ein tiefschwarzer Käfer, der aussieht, als hätte er einen kleinen Panzer an.
Mit ihm legt man sich besser nicht an.
Ich bin einfach weitergegangen.


Pilgern ist auch meine Logistik
Ein eigenes Kapitel war die Organisation.
Mit dem Wohnmobil zum Zielort fahren, dann mit Bus oder Bahn zurück zum Start.
Man sitzt im Bus, liest ein paar Seiten im Buch von Bastian Schweinsteiger, und merkt schnell:
Pilgern besteht zu etwa 50 % aus Wandern
und zu 50 % aus Verkehrsplanung.


Historische Momente
Der Weg führt durch beeindruckende Orte.
Zum Beispiel durch Torgau, mit einer hervorragend erhaltenen Altstadt.
Oder später nach Leipzig, wo ich auf die Via Regia traf – den ökumenischen Pilgerweg, den ich bereits 2020 gegangen bin.
Und schließlich steht man vor der Thomaskirche, wo Johann Sebastian Bach jahrzehntelang wirkte.


Musikgeschichte trifft Pilgergeschichte.
Der Weg selbst – wunderschön, aber…
Jetzt kommt der wichtigste Punkt.
Dieser Jakobsweg ist:
landschaftlich wunderschön
ruhig
abwechslungsreich
voller kleiner Geschichten
Aber:
Die Beschilderung ist natürlich lückenhaft.
Und dieser Weg hätte es wirklich verdient, durchgehend ausgeschildert zu sein.
Denn dann wäre er ein echter Geheimtipp unter den deutschen Pilgerwegen.


Die Pilgeridee
Pilgern bedeutet für mich nicht nur Kilometer sammeln.
Es bedeutet:
Zeit haben
Gedanken sortieren
Menschen begegnen
Landschaft erleben
und manchmal einfach nur laufen
Ohne Ziel im Kopf – außer dem nächsten Schritt.
Und manchmal merkt man unterwegs:
Der Weg verändert nicht die Welt.
Aber er verändert die Perspektive auf sie.
Und wie geht es weiter?
Stillstand ist keine Option.


Der nächste Abschnitt wartet bereits:
der Zittauer Jakobsweg.
Denn mein Ziel ist klar:
Irgendwann alle offiziellen deutschen Jakobswege laufen.
Und ich bin ziemlich sicher:
Das schaffe ich.
Der Wanderbruder hört schließlich nicht einfach auf. 🚶‍♂️

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von neu: fünf lieben Menschen.

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