Manchmal beginnen Wandertage nicht mit dem ersten Schritt, sondern mit einer kleinen familiären Provokation.
Mein ältester Bruder, mehrfach dekoriert und stolzer 20-facher Harzer Wanderkaiser, fragte gestern ganz trocken per Mail:
„Lässt du langsam nach? Nur 26 Kilometer?“


Da muss man wissen: Wegen ihm heiße ich überhaupt Wanderbruder. Mein Bruder ist im Harz so etwas wie eine Naturerscheinung auf zwei Beinen. Während ich durch Brandenburg ziehe, sammelt er Wanderstempel wie andere Leute Briefmarken. Ach so, er hat natürlich eine wertvolle Briefmarken – Sammlung.


Also dachte ich mir heute früh:
Gut, dann gebe ich heute alles.
Nur damit das einmal klar ist.
Der heutige Routenverlauf
Schlieben
Malitschkendorf
Osteroda
Friedersdorf
Herzberg/Elster
Gräfendorf
Beyern
Rehfeld
Beilrode
Tagesleistung: 39,38 Kilometer.
Ich erwähne das nur noch einmal – rein zufällig natürlich.


Malitschkendorf – Rückfall in die Kindheit
In Malitschkendorf passierte etwas völlig Unerwartetes, denn mitten auf der Straße entdeckte ich einen aufgemalten Hinkelkasten, also dieses Hüpfspiel aus der Kindheit, bei dem man früher mit Steinchen und erstaunlich viel Ernsthaftigkeit über Kreidekästchen gehüpft ist.
Und was macht ein 62-jähriger Pilger, der so etwas entdeckt?
Er probiert ihn natürlich aus.
Ich gebe zu, es fühlte sich kurz wieder an wie auf dem Schulhof, nur dass diesmal niemand daneben stand und „Du bist raus!“ rief. Vermutlich hat allerdings jemand hinter einer Gardine gestanden und gedacht:
„Der Wanderer ist jetzt endgültig übergeschnappt.“


Anonyme Duftpost
Kurz danach fiel mir ein Fenster auf, in dem ein Plakat hing, das offenbar nicht für Touristen gedacht war.
Darauf stand in großen Buchstaben:
„Hurra, es stinkt – anonym zugestellt.“
Man muss kein Kriminalist sein, um zu verstehen, dass hier jemand offensichtlich eine sehr persönliche Sendung erhalten hatte, die vermutlich nicht im klassischen Briefumschlag angekommen ist.
Sagen wir es diplomatisch:
Die Nachbarschaftskommunikation in manchen Orten ist erstaunlich direkt.


Fitness mit 62
Zwischendurch ein kurzer Blick auf die Uhr und den Puls.
Maximalpuls heute: 110.
Für einen 62-jährigen Pilger ist das eigentlich ein ziemlich entspannter Wert, der ungefähr dem Puls entspricht, den andere Menschen beim Geschirrspüler ausräumen, beim Treppensteigen oder beim Blick auf die Gasrechnung nach dem letzten Winter erreichen.
Ich nehme das also als gutes Zeichen.


Osteroda – Broiler und Frühling
Der Weg führte anschließend an einer Broiler-Mastanlage bei Osteroda vorbei, und jeder, der einmal an so einer Anlage entlanggewandert ist, weiß, dass man diesen Abschnitt der Strecke eher mit der Nase als mit der Karte wahrnimmt.


Doch der Frühling arbeitet dagegen.
Überall am Wegesrand Krokusse, die sich durch die Erde schieben, als wollten sie sagen:
„Keine Sorge, wir übernehmen hier bald wieder das Kommando.“


Die Schwarze Elster
Irgendwann taucht sie dann auf: die Schwarze Elster, ein eher ruhiger Fluss, der durch Brandenburg und Sachsen fließt und in der Landschaft so unspektakulär wirkt, dass man ihn fast übersehen könnte.
Früher wurde er stark begradigt, heute versucht man vielerorts wieder, ihm etwas von seiner natürlichen Form zurückzugeben. Für Wanderer bedeutet das vor allem: viel Wasser, viel Weite und dieses Gefühl, dass sich die Landschaft hier Zeit lässt.
Kein großes Spektakel.
Aber genau richtig für lange Wege.


Herzberg – eigentlich Feierabend
Der Plan war eigentlich ganz simpel:
In Herzberg/Elster sollte Schluss sein.
Ein freier Nachmittag, vielleicht ein Kaffee, vielleicht einfach nur Füße hochlegen.
Aber dann kam dieses Gefühl, das vermutlich jeder kennt, der viel unterwegs ist:
Es juckte einfach weiterzugehen.
Das Wetter war zu gut.
Die Beine noch zu frisch.
Und der Weg lag einfach da.
Also ging es weiter.
Lutherweg trifft Jakobsweg
Ab Herzberg wanderte ich auf dem Lutherweg, der hier über längere Abschnitte identisch mit dem Jakobsweg verläuft, was bedeutet, dass man gleichzeitig auf den Spuren eines Reformators und auf denen mittelalterlicher Pilger unterwegs ist.
Man könnte sagen:
historisch doppelt abgesichert.


Beyern – Deutschlands sauberster Bürgersteig
Der Ort Beyern erhält heute von mir offiziell den
„Deutschen Harkenpreis“.
Der Grund ist schnell erklärt:
1,5 Kilometer perfekt geharkte Gehwege.
Nicht gefegt.
Nicht gekehrt.
Nein, hier wurde mit Hingabe geharkt, als würde jeden Moment eine Jury vorbeikommen und Punkte vergeben.
Man kann über vieles sagen, was man will –
aber Ordnung können wir.


Der Power-Pilger
Während die Kilometer weiterliefen, wurde mir irgendwann klar, dass ich heute so etwas wie ein Power-Pilger geworden bin, der auf dem Jakobsweg von Frankfurt (Oder) Richtung Leipzig unterwegs ist und dabei offensichtlich beschlossen hat, dem Körper keine allzu große Mitbestimmung zu geben.
Man fragt sich unterwegs gelegentlich:
Warum eigentlich?
Und dann antworten die Beine ganz einfach:
Weil es geht.
Endlich Beilrode
Nach vielen Stunden tauchte schließlich Beilrode auf, das heutige Ziel, das nach 39,38 Kilometern plötzlich wie eine kleine Metropole wirkte.
Von dort ging es mit Zug und Bus zurück nach Schlieben, was erstaunlich gut funktionierte und mich kurz glauben ließ, dass die Verkehrsplanung in Deutschland doch noch nicht komplett aufgegeben wurde.
Doch dann kam der letzte, etwas surreale Moment des Tages.
Der einsame Recyclinghof
Denn während ich diese Zeilen gedanklich formuliere, stehe ich mit dem Wohnmobil…
wieder in Beilrode.
Allein.
Auf einem dunklen Recyclinghof in der Nähe des Bahnhofs, irgendwo zwischen Containern, Schotter und der stillen Gewissheit, dass hier vermutlich niemand damit gerechnet hat, dass ein Pilger seinen Tag genau an diesem Ort beendet.
Es ist ruhig.
Sehr ruhig.
Aber eines weiß ich jetzt sicher:
Der Wanderbruder lässt nicht nach.
Auch wenn mein Bruder das vielleicht gehofft hat.

Von Bernhard Kruppki

Jahrgang 1963, Sparkassenbetriebswirt, jetzt Pensionär, 1. Vorsitzender, Pressewart und stv. Wanderwart beim SC Barienrode e.V., Gesetzlicher ehrenamtlicher Betreuer von neu: fünf lieben Menschen.

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